Westalpen (2)

Foto: Deleker
Das Kartenstudium während des Frühstücks am nächsten Morgen dauert ein wenig länger. Die legendäre „Route des Grandes Alpes“, die große Alpenstraße, zielt von Lanslebourg direkt nach Westen zum Col du Galibier. In einer Stunde ließe sich also dieser Übergang in Angriff nehmen. Würde mich aber einen der Höhepunkte der Westalpen kosten: die Assietta-Kammstraße. So verschiebe ich den Galibier auf später, schwinge weiter östlich über den Col du Mt. Cenis nach Italien und biege in Susa auf die kaum autobreite Straße zum Colle delle Finestre ab. Bingo! 54 extrem enge Kehren, die übereinander gestapelt im Berg hängen. Für einen voll beladenen Reisedampfer muss dieser Weg ein Alptraum sein, die XT bewegt sich dagegen endlich in ihrem Element. Die Straße wird erst einfacher, als sie jenseits der Baumgrenze den frischen Teer gegen staubigen Schotter tauscht, die Radien weiter und somit übersichtlicher werden.

Hinter dem Finestre zweigt schließlich die Assietta-Kammstraße ab. Zum Glück herrscht bestes Wetter, denn die Aussichten von diesem ehemaligen Militärsträßchen hauen einen fast aus dem Sattel. Tief unten schimmern die grünen Täler, links das Valle Chisone, rechts die Flusslandschaft des Dora Riparia. Am westlichen Horizont bohren sich die Viertausender des Massif des Ecrins in weiße Wolken. Die unkomplizierte Schotterpiste wirft kaum Fragen auf. Lediglich die vielen Wellen und Schlaglöcher fordern Konzentration und gute Stoßdämpfung. Trotzdem glaube ich zu träumen, als mir eine unter vollen Segeln dahindampfende Gold Wing entgegenschlingert, die italienische Flagge am Topcase gehisst.

Die Assietta seilt sich ab nach Sestrière, das durch den Bauboom zur Winterolympiade keineswegs schöner geworden ist. Kurz darauf die Grenze zu Frankreich, dann Briançon, die höchstgelegene Stadt der Alpen, mit spannendem, historischem Gassengewirr. Bevor ich endgültig Kurs Mittelmeer einschlage, gönne ich mir einen letzten Abstecher nach Norden: zum Col du Galibier, jetzt endlich. Dieser Pass ist ein Gesamtkunstwerk und leistet sich sogar jeweils eine Vorgruppe: im Süden den Col du Lautaret und auf der anderen Seite den sensationellen Col du Télégraphe. Dazwischen schraubt sich das Kurvenensemble bis auf eine Höhe von 2642 Metern. Von ganz oben entdecke ich den Mont Blanc, der vom Galibier gut 100 Kilometer entfernt sein dürfte. Luftlinie, versteht sich. Nicht minder eindrucksvoll funkelt fast gegenüber die steile und nahezu vollkommen vergletscherte Ostwand des knapp 4000 Meter hohen La Meije.
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Foto: Deleker
Zurück in Briançon, Blinker links und hoch zum Col d’Izoard. Moderate Steigung und eine vergleichsweise ruhige Streckenführung. Zeit zum Luft holen – bis sich der Weg durch die Casse Déserte windet. Bizarre, von Wind und Wetter modellierte braune Felstürme, Zinnen und Bögen ragen aus den rötlich schimmernden Geröllhalden heraus. Erosion in ihrer schönsten Form.

Der Rest des Tages vergeht wie im Flug. Kurz hinter dem charmanten Guillestre zweigt der Col de Parpaillon ab. Laut dem „Denzel Alpenstraßenführer“ eine Strecke für „besonders sportliche und geübte Bergfahrer“. Das macht neugierig, keine Frage. Prompt finde ich mich auf einer grob-steinigen Spur wieder, die durch karge Wiesen steil bergan klettert. Hoppla, hier spielt also die Musik. Auf dem 2632 Meter hoch liegenden Scheitelpunkt erwartet mich eine raue Welt mit trostlosen Geröllflächen und spärlichem Gras, bevor der Weg in einen etwa 500 Meter langen, stockfinsteren Tunnel abtaucht. Drinnen sollen selbst im Sommer Eisplatten die Spur versperren. Der „Denzel“ rät, Eispickel und Schaufel mitzuführen, aber vermutlich dürfte diese Warnung sich primär an Autofahrer richten. Dennoch Vorsicht. Erster Gang. Mit dem Lichtkegel der Yamaha taste ich den Boden ab, doch statt über Eis rollt die XT durch riesige Pfützen und Schlamm. Alles kein Problem.

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