Westalpen (3)

Foto: Deleker
Anderntags die Qual der Wahl: gleich drei Pässe südwärts, Allos, Cayolle und Bonette, Letzterer gilt mit einer Höhe von 2802 Metern als Gigant aller geteerten Alpenpässe. Die Entscheidung fällt leicht – ich werde sie alle drei unter die Stollen nehmen. Zuerst den Bonette. Richtig spannend ist die lange Auffahrt erst jenseits der Baumgrenze. Die braunen, roten und gelben Berge könnten genauso gut in den argentinischen Anden oder einer spanischen Sierra wachsen, zeichnen eine völlig andere Welt als am Galibier oder Isèran. Für den ultimativen Rundblick nehme ich die letzten Höhenmeter zum Gipfel des 2860 Meter hohen Bonette zu Fuß.

Über die frisch geteerte Südrampe fällt man geradewegs aus den Alpen in die Provence. Mit einem Mal riecht es intensiv nach wildem Thymian, Pinien und Eukalyptusbäumen, und auch die Orte präsentieren sich nicht mehr ausschließlich in tristem Grau, sondern in freundlichen roten und gelben Pastelltönen. Im Schatten dicker Platanen hocken alte Männer, begutachten vermutlich seit Jahrzehnten das Treiben auf der Straße. Es fällt fast schon schwer, die XT in St. Saveur noch einmal in Richtung hochalpine Bergwelt zu wenden, so verlockend erscheint es plötzlich, auf schnellstem Weg hinunter zum Meer zu rollen. Doch ein Plan ist ein Plan: Also rauf auf den Col de la Cayolle und zurück über den Col d’Allos. Unzählige Kurven, wenig Verkehr und abermals hammermäßige Panoramen. Es wäre töricht gewesen, auf direktem Weg an die Küste zu rauschen. Das grandiose Finale des Tages liefert allerdings kein Pass, sondern die Daluis-Schlucht. Dunkelrote Felsen stürzen senkrecht in die Tiefe, die der Fluss Var in Jahrmillionen gegraben hat. Schier unglaublich, wie sich die D 902 an den Rand dieses Canyons krallt.
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Foto: Deleker
Früh am nächsten Morgen fällt die Entscheidung: Mein symbolisches Ziel, das Fürstentum Monaco, wird einen weiteren Tag auf meine Ankunft warten müssen (kann passieren, wenn man sich abends noch mal in den Karten vergräbt). Über Beuil und St. Saveur treibe ich die Yamaha in Richtung Isola und über den Col de la Lombarde abermals nach Italien und dort zum Colle di Tenda. Die Südrampe des alten Festungssträßchens, die sich bereits schon wieder auf französischer Seite befindet, lockt mit 48 geschotterten Kehren und liefert perfektes Offroad-Glück. Mit solchen Eindrücken im Kopf verblasst selbst der legendäre Col de Turini ein wenig, wo jeden Winter die Helden der Rallye Monte Carlo ihre Driftkünste zelebrieren. Das Meer ist fast schon zu riechen. Als die XT schließlich auf die Grande Corniche einbiegt, jene berühmte Panoramastraße oberhalb der Côte d’Azur, erstreckt sich vor mir das Blau bis zum Horizont.

Bleibt nur noch der Abstecher nach Monaco – der totale Gegensatz zur Welt der Alpen. 32000 Menschen auf knapp zwei Quadratkilometern. Enger geht es in keinem anderen Staat der Welt zu. Ein einziges grausilbernes Hochhaus-Desaster. Kaum zu glauben, dass einer der teuersten Flecken der Welt so dermaßen hässlich sein kann. Wer hier lebt, hat meist nur eine Geldsorge: wohin mit dem Zaster? Da bietet sich das weltberühmte Casino an. Oder ein Ankerplatz im Hafen, wo Luxusyachten in Ozeanliner-Format liegen. Am Kai die komplette automobile Prominenz. Ferrari, Lamborghini und Maybach zählen quasi als Volkswagen. Als ich einen Rolls Royce vor der Riesenyacht Lady Moura fotografieren möchte, hastet ein uniformierter Gorilla vom Schiff auf mich zu: „Sie werden doch wohl nicht ..., das ist privat.“ Mit alubekofferter XT, Cross-Stiefeln und staubiger Cordura-Jacke bin ich in der Welt der Schönen und Reichen völlig fehl am Platz. Ich trete den Rückzug an, lasse die XT laufen. Grobe Richtung Mont Blanc. Der Weg wird sich dann schon ergeben.

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