Westerwald Wasser, Wind und Wald

Wer durch den Westerwald tourt, dem fallen drei Dinge ganz besonders auf: dichte Wälder, unzählige Bäche und Flüsse und der Wind, der nahezu ständig über die Höhen pfeift.

Es ist noch früh am Morgen, in den Tälern wabern dichte Nebelbänke, die nur langsam von der Sonne aufgesogen werden, und mehr im Herbst wie goldgelbe Teppiche aussehende Felder enthüllen. Aber es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die Temperatur auf ein angenehmes Maß gestiegen ist, denn hier in den höheren Lagen des Westerwalds weht ein anderer Wind als in den geschützten Niederungen, durch die Jo und ich bis vor wenigen Kilometern von der A4 kommend gefahren sind. Doch daß die Nasen und Fingerspitzen vor Kälte bereits kribbeln, ist an diesem herrlichen Sonntag morgen nebensächlich: Im Moment gehört die Straße bis Crottorf nur uns, und wir können völlig ungestört den Kurvenspaß genießen - das zeitige Aufstehen hat sich gelohnt.Nach einer Weile entdecken wir das alte Wasserschloß Crottorf. Aber ein großes Tor versperrt den Zutritt: Die Burgherren empfangen ihre Besucher erst ab elf Uhr. So bleibt uns nur ein flüchtiger Blick über die Mauer auf die gepflegte Parkanlage. Macht aber nichts, denn eigentlich wollen wir heute nur fahren - und im nahen Freudenberg erstmal frühstücken. Doch auch kleine Städchen mit seinen uralten Fachwerkhäusern wirkt noch recht verschlafen, und da die Cafés im Ort nicht auf so frühen Besuch eingestellt sind, gibt´s für uns nach einen kurzen Gang durch die Altstadt nur ein paar Brötchen am Tresen einer Bäckerei.Solchermaßen gestärkt, geht´s weiter Richtung Hachenburg. Die Sonne gewinnt endlich an Stärke, die Temperatur klettert langsam bis auf zehn Grad. Mit jedem gefahrenen Kilometer erscheint uns der Himmel einen Tick blauer - ein herrlicher Kontrast zum herbstlich verfärbten Blätterdach der dichten Birken- und Buchenwälder, durch die sich die einsame Straße wie ein ellenlanger Lindwurm windet.In Hachenburg tuckern wir mit unseren Enduros gemütlich über das Kopfsteinpflaster der engen, alten Gassen des Stadtkerns, vorbei an wunderschön restaurierten Fachwerkhäusern bis zum Löwenbrunnen, dem Wahrzeichen der Stadt. Doch dann lockt uns wieder die Landstraße, oder besser: eines der vielen kleinen Sträßchen, die parallel zur B 414 mitten durch die Kroppacher Schweiz im hohen Westerwald verlaufen. Hier jagt eine Kurve die nächste, lassen sich die Motorräder bis zum Abwinken hin und her schwingen - allerdings nicht ganz so flott wie im Sommer. Welkes Laub ziert den Asphalt. Zwar schön anzusehen, aber leider ungemein rutschig. Und ständig schüttelt der Wind weitere Blätter von den Bäumen, die wie in Zeitlupe zu Boden schweben. Bummeltempo ist also angesagt, und wir haben viel Zeit, um über das hügelige Land zu schauen und uns die merkwürdigen Ortsnamen einzuprägen, die wir noch nie gehört haben: Atzelgift, Stangenrod, Irmtraut.Bei Salzburg erreichen wir den »Höhepunkt« der Tages. Zumindest den geographischen: Laut einem Schild am Straßenrand befinden wir uns genau 602 Meter über dem Meeresspiegel. Gemessen an alpinen Verhältnissen wahrlich keine Rekordmarke, im Westerwald aber ein recht stürmischer Platz, wovon die zahlreichen Windkrafträder zeugen. Im Moment weht jedoch nur eine leichte Brise über die Höhen, so schwachbrüstig, daß sich die Rotoren der großen Strommühlen kaum drehen.Die weitere Fahrt ist ein ständiges Auf und Ab, und wir lassen die Motorräder einfach laufen. Über kleine Straßen, die sich wie eine Achterbahn durch das Land schlängeln, rauschen wir von einem Höhenzug zum nächsten und durch ebenso viele Täler, in denen allerdings die einst weitläufigen und dichten Wälder in den beiden letzten Jahrhunderten dem Holzhunger der Siegerländer Eisenschmelzen zum Opfer gefallen sind - das Holz diente als Brennstoff für die Öfen. Heute breiten sich die Felder und Wiesen wie ein Flickenteppich über diese Landschaft aus. Gelegentlich passieren wir kleine Moorlandschaften - Schutzgebiete für seltene Pflanzen und Tierarten - oder halten an einem der vielen Aussichtspunkte, um über die gelb und rot verfärbte Herbstlandschaft zu staunen. In vollen Zügen genießen wir das vielleicht letzte schöne Wochenende in diesem Jahr.Burbach lassen wir links liegen, und in Herborn beschränken wir uns in der Altstadt auf eine kurze Motorrad-Sightseeing-Runde. Nach dieser »Nordschleife« durch den Westerwald zieht es uns wieder in Richtung Süden. Aber nicht nur das Fahren, sondern auch das Mittagessen gerät zum Hochgenuß. Im Landgasthaus Ströhmann in Gusternhain lassen wir uns prallvolle Teller mit einer Auswahl der leckersten Spezialitäten aus der hauseigenen Metzgerei servieren. So etwas sitzt - und beim Heisterberger-Weiher, der nur einen Katzensprung entfernt liegt, entscheiden wir uns für eine längere Pause.Wenige Kilometer weiter beginnt das Kannenbäckerland, der südwestliche Teil des Westerwalds. Seit Jahrhunderten wird in diesem Gebiet ausgiebig getöpfert. Aber von den einst zahlreichen kleineren Töpfereien, den »Eulereien«, sind heute nur noch eine Handvoll übriggeblieben, die sich besonders auf das für diese Region typische salzglasierte, graublaue Steingutgeschirr spezialisiert haben. Der Rohstoff für die gebrannten Haushaltsgegenstände findet sich gleich nebenan: in den großen Tonlagern zwischen Sayn und Ransbach-Baumbach sowie im Umkreis der Stadt Montabaur, auf deren großes Schloß wir nur vom Sattel aus einen Blick werfen.Schließlich biegen wir ins Wiedtal ab, wo sich die schmale Straße eng an den kleinen Fluß schmiegt. Viel Wald, Kurven ohne Ende und zwei romantische Burgruinen, die weithin sichtbar auf den Hügeln thronen - ein Eldorado für schaulustige Motorradfahrer. Darüber ein klarer, dunkelblauer Himmel und die Sonne, die den Herbstwald vor Farben schier explodieren läßt. Dagegen verblaßt selbst der schönste Sommertag. Und anders als in der warmen Jahreszeit kommt uns heute niemand auf zwei Rädern entgegen. Auch sonst ist kaum ein Mensch unterwegs, und die vielen, besonders bei Kanuten und Mountain Bikern beliebten Campingplätze am Ufer der Wied haben längst geschlossen.Erst bei Waldbreitbach verlassen wir wieder die Wied und touren langsam in Richtung Linz, wo die Westerwaldhügel an den Rheinufern auslaufen. Die Stadt selbst ist ein Musterbeispiel vergangener Architektur. H inter den beiden dicken Tortürmen der alten Stadtmauer locken uns über 130 bunt verzierte Fachwerkhäuser ins Zentrum zum historischen Burgplatz. Beim Anblick der schiefen Häuser mit ihren winzigen Fenstern fühlen wir uns direkt ins Mittelalter versetzt. Unzählige Passanten spazieren durch die Straßen oder über den Platz, um noch einmal die Kraft der Sonne zu spüren, bevor der Winter endgültig das Sagen hat. Einen besseren Platz für ein Stück Kuchen als im Café am Burgplatz hätten wir uns kaum aussuchen können.Von dem behaglichen Ort schwingen wir uns wieder hinauf in die Höhen des Westerwalds und stoßen bei Neustadt am späten Nachmittag ein weiteres Mal auf die Wied, der wir nun bis Altenkirchen folgen. Die Windräder, die sich vor kurzem noch gemächlich im lauen Lüftchen drehten, stellen nun locker jeden Flugzeugpropeller in den Schatten, und vor die inzwischen tiefstehende Sonne haben sich dicke Wolken geschoben, die Temperatur sackt ruckzuck in den Keller. Herbsttage sind leider kurz - aber intensiv.

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