Dirt-Bike-Gangs in den USA Wildout Wheelie Boyz aus Baltimore mitten im Stadtverkehr

Ihre Videos sind sämtlich mit Rap-Musik unterlegt, und die passt bestens zu ihrem Lebensgefühl. Doch die schwarzen Motorradfahrer aus Baltimore und anderen amerikanischen Großstädten haben noch eine weitere Ausdrucksform gefunden: Wheelies. Dargeboten mitten im Stadtverkehr, artistisch, anarchisch. WOW-Boyz steht nicht umsonst für Wildout Wheelie Boyz.

Es war relativ leicht für den Fotografen James Cheadle, den Wildout Wheelie Boyz bei ihrem Treiben in Baltimore zuzusehen. Viel schwieriger war es, sie zu treffen, mit ihnen zu sprechen. Wochenlanger vertrauensbildender Facebook-Kontakt und E-Mail-Verkehr waren nötig, bevor er von einem gewissen Steve endlich die Nachricht erhielt: „Druids Hill Park, diesen Sonntag, vier Uhr nachmittags. Wenn du uns triffst, riskierst du, verhaftet zu werden. Was wir da machen, ist 100 Prozent illegal.

Steve, so stellt sich heraus, ist mit 36 Jahren eines der älteren Semester der Wildout Wheelie Boyz. Der Hafenarbeiter fährt und wheelt Offroad-Motorräder, seit er acht ist, und wurde schon von fünf Zivilstreifen gleichzeitig beschattet, weil er im Verdacht stand, die Motorräder anderer Fahrer seiner Gang zu verstecken. „Die machten Jagd auf mich, als ob ich 50 Kilogramm Koks zu Hause und 20 Morde auf dem Gewissen hätte“, erzählt er. „Anfangs sind wir in den Parks gefahren, aber die Cops haben uns weggejagt und uns Strafzettel ausgestellt. Da sind wir eben raus auf die Straße, dort können sie uns nicht so leicht kriegen oder sonstwie blöd kommen.“

Während er spricht, tauchen immer mehr Fahrer und Zuschauer auf. Einer eingespielten Dramaturgie folgend, treffen sie sich hier, paradieren die Straße auf und ab, damit das Publikum etwas zu sehen hat. Wheelies zwischen den Autos, im Duett oder Terzett, einhändig, auf der Sitzbank stehend, überhängend oder in einer bemerkenswert eleganten, langen Fahrt in der Fünf-vor-zwölf-Stellung, also kurz vor senkrecht. Nicht minder virtuos zeigen Youngster auf ihren Fahrrädern ihre Künste im Hinterradfahren. Die Motorrad- und Quadpiloten werden sich später sammeln, um als Massenbewegung durch die Stadt zu fräsen. Die meisten auf Crossern ohne Zulassung und in Straßenklamotten. Helm, Stiefel? Kein Gedanke daran.

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Foto: Cheadle
Man trifft sich zur großen Wheelie-Parade: sonntagnachmittags um vier Uhr am Druids Hill Park in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland.
Man trifft sich zur großen Wheelie-Parade: sonntagnachmittags um vier Uhr am Druids Hill Park in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland.

Freaky ist derzeit nicht dabei. Er hatte kürzlich einen Crash. „Neben den Cops sind die Alten die größte Gefahr. Schauen nicht, wohin sie fahren. Letzte Woche ist so einer in mich reingekracht. Dauert ein Jahr, bis das verheilt ist - mit den Nägeln und allem.“ Warum fährt er überhaupt? „Baut Stress ab. Was sollen wir sonst machen? Wir kommen hierher und legen los. Du kannst nicht sagen, dass es nicht nach richtig Spaß aussieht.“

Als vier Polizeiautos im Konvoi auftauchen, ist der erst einmal zu Ende. Mit einiger Verblüffung sieht Fotograf Cheadle, wie die Wheelie-Artisten sich in alle Richtungen davonmachen, gleichsam in die Stadt hinein versickern. Und so wenig er weiß, welchen der gar nicht hastig, aber effizient Fliehenden er fotografisch verfolgen soll, so wenig weiß es die Polizei. Sie muss sogar zusehen, wie sich einer entgegen der Fahrtrichtung im Wheelie zwischen ihren Autos davonmacht. Und nach weniger als einer halben Minute ist keiner mehr da, den sie verfolgen könnte.

Die Dirt-Biker-Szene in Baltimore nimmt für sich in Anspruch, diese explosive Mischung aus Spieltrieb, Bewegungstalent, Machotum und Anarchie erfunden zu haben. Vehement wehren sich die Fahrer dagegen, Drogenkuriere zu sein, die ihre Kurierfahrzeuge in der Freizeit zweckentfremden. „Diese Dealer-Geschichten sollen uns als böse Jungs anschwärzen, die die Stadt terrorisieren“, sagt Steve dazu. Er greift sich zwischen die Beine. „Dabei kommt’s doch hauptsächlich darauf an: zu zeigen, dass du Eier in der Hose hast.“ Und trotz aufkommender Dirt-Biker-Szenen in Philadelphia und New York behaupten die Baltimore-Bikers immer noch, den virtuosesten, ausdrucksstärksten Fahrstil zu pflegen. Nur eine Ausnahme lässt Steve gelten, einen New Yorker mit dem Künstlernamen Benmore. Er wurde mit etlichen Youtube-Videos berühmt, hat zahlreiche Kommentare in New Yorker Zeitungen und eine von Bürgermeister Bloomberg persönlich befohlene Razzia provoziert. „Der kann’s“, sagt Steve, „immerhin war er bei uns hier unten und hat es uns abgeschaut.“


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