Windschatten Duell

Dänemark, Autobahn. Die Suzuki kämpft mühsam
gegen den Wind. »Ride the winds of change” – saublöder Spruch. Der Wind wechselt die Richtung, fällt nun von schräg links statt von schräg rechts, aber immer noch von vorn ein. In Zeitlupe schiebt sich die vollbepackte Trude auf der linken Spur am Knaus vorbei. Der schnurrbärtige Fahrer des Wohnmobils
räkelt sich im verschwitzen Muskelshirt und schielt auf das vorbeischleichende Motorrad herunter. Nach einem minutenlangen Überholvorgang setzt sich die Suzuki wieder hinter die voraus-
fahrenden Honda und MZ.
Es geht leicht bergauf. Plötzlich ist der Knaus links neben den Motorrädern. Der Fahrer hat inzwischen eine Sonnenbrille aufgesetzt, blickt unbeirrbar nach vorn und hält mit gestreckten Armen das Lenkrad. Immerhin, er braucht nur 1.30 Minuten für seine Überholaktion. Die Zweiräder hängen sich in den Windschatten des mobilen Hausstands einer vierköpfigen Familie. Das passt dem Urlaubs-Trucker offensichtlich nicht, er legt ein paar Kohlen nach. Tektonische Verschiebungen geschehen wahrscheinlich schneller, aber verdammt, der Abstand wird größer. Der Windschatten reißt ab, die Trude kann den Anschluss nicht mehr halten.
Kurze Absprache per Handzeichen, dann formieren sich die drei zu einer leicht versetzten Reihe, die Piloten auf minimales Packmaß zusammengefaltet, Helm auf dem Tank, die linke Hand windschnittig auf den Rücken gelegt. Die Honda macht die Pace, an deren Hinterrad fährt die
MZ mit Dreiviertel-Gas, die Trude ganz hinten hält die Geschwindigkeit nun locker. Auf Kommando knickt die Honda nach links ab, die MZ löst sich mit Speed-Überschuss aus dem
Windschatten und fährt voran, an ihrem Hinterrad klebend die
Intruder, die Honda reiht sich hinten ein. Das Manöver wiederholt sich mehrmals mit wechselnden Führenden – Team Telekom hätte
keinen schöneren Belgischen Kreisel beim Mannschaftszeitfahren hinbekommen.
Nanometer um Nanometer ackert sich das Trio wieder heran. Die Kuppe des maximal fünfzig Meter hohen »Bergs« ist erreicht. Mit siegesgewissem Schwung wechseln die drei 125er nun die Spur und fliegen sauber rotierend am Wohnmobil vorbei. Dessen Fahrer nimmt die Sonnenbrille ab, sein Gesichtsausdruck ähnelt denen der Holsteiner Bunten, die neben der Autobahn auf den platten Weiden grasen.
Der Belgische Dreier-Kreisel zieht gemächlich von dannen. Tschüs, du kriegst uns nicht, auf Wiedersehen vielleicht am Nordkap! Doch was ist das? Die Straße steigt erneut an. Der Gegenwind nimmt zu. Im Rückspiegel stampft der Knaus heran, mobilisiert seine kompletten 85-Diesel-PS. Breit grinsend mit der trägen Gestik eines Alleinherrschers winkt Mister Sonnenbrille im Vor-
beifahren rüber. Warum hetzt der Idiot eigentlich so? Hat doch
Urlaub, soll sich mal locker machen. Die kantigen Konturen seines rollenden Kastens verschwinden mit Tempo 95 nach einer Weile am Horizont. Links zieht mit Vollgas ein Bürstner-Wohnmobil vorbei. Honda und MZ setzen sich vor die Suzuki. Jetzt aber...
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