Wintertour am Bodensee

Loipengänger

Motorradfahren und Wintersport müssen sich nicht ausschließen. Der Konstanzer Frank Siepmann packt im Winter seine Langlaufskier einfach ins Beiboot und genießt im Alpenvorland den Winter doppelt.

Der Bodensee ist Zuckerbrot und Peitsche in einem. Im Sommer von der Sonne verwöhnt, liegt im Winter meist eine düstere Nebelbank über der Region. Bereits seit Wochen diesem ungemütlichen Grau ausgesetzt, entschließe ich mich, um Depressionen vorzubeugen, das alte Guzzi-T 850-Gespann zum Leben zu erwecken und auf die Suche nach echtem Winter zu gehen. Mit Sonne, Schnee und allem, was dazu gehört. Die Guzzi-Batterie kommt über Nacht ans Ladegerät, die dicken Klamotten werden hervorgekramt, am nächsten Morgen sind Mensch und Maschine winterbereit. Brav springt die alte Italienerin an, und grummelnd geht es los. Jetzt gilt es, die obere Grenze des Nebels zu durchbrechen. Wie hoch sie liegt, weiß man vorher nie. Also ausprobieren. Nach einem Blick auf die Karte suche ich eine Route über mehrere kleine Berge und Aussichtspunkte.Von Konstanz aus wähle ich einen kleinen Umweg an der Insel Mainau vorbei über den Bodanrück in Richtung Radolfzell. Am Straßenrand liegt Schnee und die feuchte Kälte beißt fast schmerzhaft ins Gesicht. Auf der kurvigen Strecke zum Motorradtreff Schiener Berg keimt zum ersten Mal Hoffnung auf ein paar Sonnenstrahlen auf. Und tatsächlich, endlich bin ich hoch genug, bin dem Nebel entkommen und die Sonne badet mich in warmen Strahlen. Ich halte kurz an, lade so viel Sonnenenergie wie möglich auf und stürze mich dann Richtung Gaienhofen wieder in die graue Suppe hinab. Doch es muss sein, denn in Gaienhofen wartet ein kultureller Leckerbissen. Der Schriftsteller und Maler Hermann Hesse lebte dort einige Jahre, und sein ehemaliges Wohnhaus ist nun zu einem kleinen Museum umgebaut worden. Da Hesse selber viel reiste, bietet das Häuschen durchaus spannende Gründe während einer Motorradtour dort einen Stop einzulegen.Mit dem festen Vorsatz in den kalten Wintermonaten endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen, fahre ich weiter nach Stein am Rhein. Auf einer wunderbar kurvigen Straße überquere ich den Seerücken, um auf kleinsten Teerbändern schließlich den höchsten Punkt meiner Tagestour anzusteuern: das Hulftegg. Bevor ich jedoch den 953 Meter hohen Pass erreiche, mache ich noch einen kurzen, aber wichtigen Zwischenauftenhalt. Am Schloß von Herderen, ein paar Kilometer nördlich der Kantonshauptstadt Frauenfeld, lagert im Weinkeller ein hervorragender Riesling, von dem ich ein paar Flaschen im Kofferraum des Guzzi-Gespanns verstaue: Ein Buch von Hesse und dazu diesen Schweizer Tropfen – damit können selbst lange Winterabende am tristen Bodensee zum Genuss werden.Die Weiterfahrt zum Hulftegg führt mich eine ganze Weile an der Töss entlang, ehe in Steg die Auffahrt zum Pass beginnt. Zwei Kilometer vor der Passhöhe wird es allerdings wirklich Winter. Eine geschlossene Schneedecke bedeckt die steile Straße, und ich muss mein ganzes Fahrkönnen einsetzen, um das durchdrehende Hinterrad der Guzzi in den Griff zu bekommen. Schlingernd, aber begeistert erreiche ich schließlich unter inzwischen strahlend blauem Himmel die Passhöhe. In einem Lokal stärke ich mich mit einer Bündner Gerstensuppe, draußen mit einem kurzen Sonnenbad.Die Strecke nach Weinfelden wartet mit einem ständigen Wechselspiel von nebligen tälern und sonnigen Höhen auf. Beim Übergang vom Nebel in den sonnenschein entstehen faszinierende Licht effekte. Und oben glitzert der Schnee in den Bäumen, funkelnd brechen sich in den Eiskristallen die Sonnenstrahlen. Um meine eingefrorenen Muskeln wieder in Bewegung zu bringen, lenke ich das Gespann über ein paar verschneite Feldwege zum Ottenberg. Jetzt ist die Gelegenheit für ein besonderes Highlight der Tour: Wohlwissend, dass hier oben eine kleine, knapp fünf Kilometer lange Loipe gespurt ist, habe ich im Seitenwagen die Langlaufskier verstaut. Das Training für den nächsten Skiurlaub kann beginnen. Ein paar Ausflügler gucken etwas verdattert, als ich teils in Skimontur, teils in Motorradkluft die erste Runde angehe.Nach einer Stunde bin ich wieder am Motorrad, wechsle die nassgeschwitzten Klamotten und trinke durstig ein paar Apfelschorle. Bald wird es dunkel, aber Konstanz liegt bereits in greifbarer Nähe. Bald legt sich der kalte Nebel wieder auf mich, doch er stört nicht mehr. Denn die Sonnenkollektoren sind nun wieder geladen.
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