Wintertour Böhmerwald Der Eismann

Emsig schnallt der Nachbar die Ski auf den Dachgepäckträger seines Autos, während ich das Gespann für einen kernigen Trip in den verschneiten Böhmerwald belade. Einen Winter ohne Motorradausflüge? Für mich unvorstellbar.

Der verblüffte Gesichtsausdruck verzieht sich zu einem mitleidigen Lächeln. Und dann folgt unweigerlich die Frage, die uns schon in allen Variationen gestellt wurde und die wir partout nicht mehr hören können: »Ist es denn nicht zu kalt zum Motorradfahren?« Wir könnten ein Tonband abspulen. Mit einem Lächeln antworten wir: »Nein, mit der richtigen Ausrüstung geht das schon in Ordnung!« Die Reaktion darauf ist auch immer dieselbe: ungläubiges Staunen.

Das Wetter macht sich prächtig, leichter Schneefall geleitet uns bis in die Tschechische Republik. Auf der Höhe des einstigen Eisernen Vorhangs beginnt bereits das Winterabenteuer: Während in Deutschland die Straßen schon beim geringsten Anzeichen von Schnee dick mit Salz eingepökelt werden, endet solches Sicherheitsbewusstsein hinter dem Kontrollhäuschen am Übergang in Waidhaus. Nur die Hauptverkehrsstraßen werden frei gehalten, Nebenstraßen und Gemeindeverbindungswege erfreuen dagegen mit einer festgefahrenen Schneedecke, teilweise sogar jungfräulichen Pisten in Weiß. Ein paar Kilometer hinter Rozvadov steuern wir in dieses Niemandsland einsamer Dörfer und entlegener Bauernhöfe. Die westböhmische Region von Tachov hat die geringste Bevölkerungsdichte in Tschechien. Kilometerweit sind wir allein unterwegs und fräsen eine tiefe Spur in den frisch gefallenen Schnee. Wegweiser suchen wir an manchen Abzweigungen vergeblich, und auch die Landkarte bringt kaum weiter. Jetzt ist Orientierungsgefühl gefragt. Und eine gewisse Portion Leidensfähigkeit. Ja, wir geben es zu: Es ist kalt! Der Tagesschnitt liegt bei maximal 200 Kilometern. Doch dieses grandiose Erlebnis lässt sich nicht in Entfernungen oder Temperatureinheiten messen. Die bizarre weiße Landschaft, die man mit dem Motorrad erfährt, die Schneeflocken im Gesicht oder der beißende Wind, der sich durch die vielschichtige Bekleidung nagend seinen Weg sucht. Motorradfahren in seiner intensivsten Variante.

Tachov kommt in Sicht. Die Stadt gehört zu den ältesten Siedlungskomplexen in Westböhmen. Vorbei an der alten Mauer suchen wir die Straße nach Marienbad. Im Sommer würden wir bestimmt die Innenstadt mit dem Flair der 50er Jahre besuchen, in einem der Cafés sitzen und das bunte Treiben auf dem Marktplatz beobachten. Aber die Winterfahrersaison ist kurz, zu kurz, um sie eingepackt wie Michelinmännchen in überheizten Kaffeehäusern zu verbringen.

Der Weg nach Marienbad birgt keine größeren Schwierigkeiten. Die nach der Grenzöffnung im Jahr 1989 liebevoll renovierten Kuranlagen rund um das prächtige Zentrum sind allerdings nicht unbedingt das richtige Umfeld für schneeverkrustete Motorradpiloten. Zwischen den edlen Häuserzeilen sind die Blicke der Passanten unmissverständlich. Okay, wir haben verstanden.

Ein paar Bilder, eine kurze Tankpause, und schon machen wir uns wieder davon, rollen gen Süden auf der E 21 ins Städtchen Bor. Von dort aus tasten wir uns auf kleinen Nebenstraßen mutterseelenallein weiter in Richtung Domazlice. Aufgeschreckt durch das Motorentuckern hetzt nur ein Hase über den Weg, und kurz darauf springen zwei aufgescheuchte Rehe vor uns her, bis sie sich mit einem beherzten Sprung ins tief verschneite Dickicht retten. Winter in Böhmen.

Im leichten Schneegestöber verliert sich die Piste in einer weißen Unendlichkeit, und die Pulverkristalle haben das Doppelvisier meines Helms so zugekleistert, dass ich es offen lassen muss. Eis und Schnee beißen auf der Haut, und nach kurzer Zeit sehe ich aus wie Roald Amundsen nach seiner erfolgreichen Südpolbezwingung. Die Orientierung fällt zunehmend schwerer: Der anhaltende Schneefall hat mittlerweile die alte Fahrspur zugedeckt, und das Gespann schlingert durch tiefe Spurrillen. Doch die Konzentration am Lenker und ständig nötige Lenkkorrekturen halten warm, und das allmählich zu einem Eisklumpen erstarrte Gesicht spüre ich ohnehin kaum mehr. Jetzt eine Motorradpanne! Man fände uns wohl erst im Frühjahr als Schneeleichen. Mit Einbruch der Dämmerung erreichen wir erschöpft, aber glücklich Domazlice. In einer kleinen Pension finden wir Unterschlupf und eine überaus besorgte Hausherrin, die erst davon überzeugt werden muss, dass wir bei diesem Wetter freiwillig mit dem Motorrad unterwegs sind.

Bevor wir am nächsten Tag unsere kleine Winterexpedition durch den Böhmerwald fortsetzen, steht noch die Altstadt von Domazlice auf dem Programm. Die Fahrt durch das alte Südtor der ehemaligen Stadtmauer gehöre zu den Pflichten jedes Besuchers, erklärte die Herbergsmutter und erzählte dazu eine alte Legende, wonach dies außerdem Glück bringe. Wir wollen nichts unversucht lassen und tuckern zur Freude vieler Passanten gleich zweimal durch das Tor.

Die Temperatur ist noch um ein paar Grad gefallen. Jetzt zeigt es sich, ob die gewissenhafte Vorbereitung der Tour erfolgreich war. Denn sie allein entscheidet, ob die Sache Spaß bringt oder der Kältehorror kommt. Vor allem die Hände sind ein kritischer Punkt. Erfahrungsgemäß schützen altmodische Lenkerstulpen am effektivsten vor dem beißenden Fahrtwind. Der Körper wird herkömmlich durch wasserdichte Thermokombis und optimale Unterkleidung warm gehalten. Am Fahrzeug ist Winterausrüstung unerlässlich. Zum Glück gibt es für die Räder im Smartformat Lamellenreifen aus dem Automobilbereich. Anfahrhilfen, die im Notfall schnell montiert werden können, liegen zusätzlich griffbereit im Boot des Gespanns. Doch die Vredestein-Snowplus-Gummis halten das Dreirad sauber in der Spur. Und bringen uns auch problemlos weiter durch den Böhmerwald bis Nýrsko. Dort suchen wir den Einstieg in die Straße nach Zelezná Ruda, dem tschechischen Pendant zu Bayerisch Eisenstein.

Entgegenkommende Autos blinken und hupen plötzlich, die Fahrer gestikulieren wie wild hinter den Scheiben. Der Grund wird bald ersichtlich. Stetig schraubt sich die schneebedeckte Fahrbahn höher und höher in den Berg. Bald ist der Untergrund von Schneeketten aufgerissen, und das Dreirad hüpft mehr durch tiefe Spurrillen als das es rollt. Schon fallen die ersten Schneeflocken und verdichten sich rasend schnell zu einem undurchdringlichen, weißen Teppich. Ein Blizzard! Binnen Kürze sind Scheibe und Visier mit Schnee bedeckt, und ich blinzele mit halb zugekniffenen Augen vorsichtig an der Frontscheibe vorbei, um irgendwie den Weg zu erkennen. Rechts und links, oben und unten – alles verschmilzt zu einer einheitlich grau-weißen Suppe. Im ersten Gang tasten wir uns voran und überqueren in heftigem Schneetreiben einen namenlosen Pass. Erst kurz vor dem tiefer liegenden Wintersportort Spicak lässt der Schneefall allmählich nach. Eine bizarr gemalte Schneelandschaft zeichnet sich ab, die Bäume gekrümmt unter der schweren Last. Einige wenige Skifahrer starren uns nach, als hätten sie einen Yeti gesehen: Wir sind komplett weiß eingehüllt, die roten Lackteile des Motorrads und die schwarzen Thermokombis von einer dicken Schneeschicht überzogen.

120 Kilometer liegen zwischen Marienbad und Zelezná Ruda. Zwei Tage haben wir für die Strecke gebraucht. Motorradfahren im Winter ist eine Passion. Entfernungen definieren sich nach dem Erlebniswert, nicht nach Kilometerangaben. Unter diesem Aspekt waren wir sehr lange unterwegs.

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