Wintertour Engadin Der Schneefahrer

Wer vor dem Frühling unterwegs ist, erlebt den Winter in seiner schönsten Form. Frank Siepmann erkundete die ersten offenen Strecken in den Schweizer Alpen.

Foto: Siepmann

Bad Ragaz, 13. Februar, 9.30 Uhr. Die ältere Dame hinter der Theke an der Raststätte Heidiland zeigt Mitleid, als ich dick eingemummelt angestapft komme und mit steifgefrorenem Gesicht nach einem Kaffee zum Aufwärmen frage. Klar, den gibt es. Draußen wüten Nebel und beißender Frost, aber im Schweizer Rheintal leben offenbar nette Menschen. Den Sprit muss ich zahlen, der Kaffee geht auf Kosten des Hauses, wie die Dame lächelnd verkündet. Dankbar nehme ich an. Nach einem netten Smalltalk sowie zweimaligem Nachfüllen der Tasse verpacke ich mich wieder in meinen diversen Kleidungsschichten und wage mich raus auf die alte Guzzi.
Wenige Kilometer geht es bei Landquart runter von der A 13 in Richtung
Davos. Kaum vorstellbar, dass oben in
den Bergen schon seit Tagen sonniges, wolkenloses Wetter herrschen soll, doch der Wetterbericht war eindeutig. Und
tatsächlich – kaum sind ein paar Höhenmeter bewältigt, lichtet sich der Nebel, und die wie mit Zuckerguss überzogenen, schneebedeckten Gipfel Graubündens
türmen sich vor einem strahlend blauen Himmel auf. Von Sonne und Bergen
geradezu magnetisch angezogen, fräse ich die Nationalstraße 28 stetig weiter
hinauf. Zunächst zeigt sich die Weidenlandschaft noch winterlich graugrün,
mit zunehmender Nähe zum Ski-Mekka Klosters wird es dann immer weißer. Der erste steilere Anstieg beginnt, und die
relativ gut ausgebaute Strecke führt mich schnell und schneefrei auf den 1631 Meter hohen Wolfgangpass. Dahinter liegt Davos.

Eigentlich hatte ich in dem Höhenkur- und Wintersportort eine kleine Vesper-pause eingeplant, aber irgendwie ist dort alles viel zu hektisch. Kurgäste und Wintersportler drängen sich auf den Straßen und an den Liftstationen, Geländewagen und schneekettenbewehrte, nieder-
ländische Pkw ackern über verschneite
Parkplätze vor mächtigen Hotels. Nein Danke, mein Hunger, den weißen Gipfeln etwas näher zu rücken, ist zu groß. Der
im Winter oft gesperrte Flüelapass wartet auf mich und die Guzzi. Denn er ist seit
ein paar Tagen offen!
In schattigen Bereichen bedecken noch etliche Eis- und Schneeflecken den Asphalt. Mit dem Griff am Gaszug muss ich nun etwas vorsichtiger umgehen,
weil das Hinterrad ein ums andere mal durchdreht. Ein Beifahrer als Gewicht
wäre nicht schlecht, doch wer hat bei
so eisigen Temperaturen schon Lust auf
eine Motorradtour durch die Hochalpen? Meine Freunde jedenfalls nicht.

Die kritischen Gedanken über den Sinn meiner Wochenendaktion
sind allerdings schnell verflogen,
da das Fahren volle Konzentration fordert. Serpentine um Serpentine zieht sich die unbefahrene Straße bis auf 2383 Meter hinauf. Es ist Spätnachmittag, soeben
verziehen sich die letzten Sonnenstrahlen hinterm Schwarzhorngipfel. Zeit, eine
Bleibe für die Nacht zu suchen. Hoffnungsvoll halte ich am Hospiz auf der Flüelapasshöhe, doch leider ist es im Winter geschlossen. Schade eigentlich, denn
hier wäre ein idealer Ausgangspunkt
für eine Wanderung am nächsten Tag.
Die Schneeschuhe liegen im Boot, und
ein bisschen Bewegung für die durchgefrorenen Knochen wäre nicht schlecht.
Okay, soll nicht sein. Ein Blick auf
die Karte zeigt, dass Zernez am Fuß des Passes ein guter Platz für die Nacht sein könnte. Zügig geht es talwärts, und die Guzzi rächt sich mit knallenden Fehlzündungen für die rasante Fahrt. Mit etwas Suchen findet sich tatsächlich eine urige Unterkunft: Ein Wandererlager bietet
sowohl einen warmen Schlafplatz als auch einen netten Abend mit ein paar Tourenskifahrern. Zusammen kochen wir Risotto und genießen einen guten Roten.
Am nächsten Morgen dagegen Ernüchterung: Die Guzzi streikt. Sie würgt und dreht, aber läuft nicht an. Es ist noch bitterkalt, das Thermometer zeigt stattliche Minusgrade an – die Lust zu schrauben tendiert gegen null. Zum Glück ist der Fehler schnell gefunden. Ein paar Handgriffe an den verstellten Zündkontakten, und
die Italienerin ist wieder willig bei Sache.
Langsam steigt die Sonne hinter
den Bergen hervor. Stück um Stück beginnen die Schneefelder zu glitzern und die Landschaft sich in ein Wintermärchen zu verwandeln, in dem man jeden Augenblick heransprengende Rentiere samt Schlitten erwartet. Die Sonne treibt das Thermometer mit der Zeit in den Plusbereich, so dass ich auf der N 3 ohne große Aufwärmpausen vorankomme. Kurz vor Samedan muss es dann sein. Die kleine Nebenstraße durch das Val Bever lockt
mit einer wunderbaren Schneedecke.
Endlich driften! Es herrscht keinerlei Verkehr, und ich lasse die vorsorglich auf-
gezogenen Stollenreifen kräftig durch die weiße Pracht wühlen.
Hochzufrieden kehre ich wenig später auf die geräumte Hauptstraße nach St. Moritz zurück. Ein kurzes Zögern, ob ich mich in die südliche Wärme des Comer-Sees ziehen lassen soll oder weiter der winterlichen Kälte der Hochalpen trotzen. Winter! Also hoch zum eisigen Julierpass. Wie zur Belohnung ziehen mich Eissegler, die tief unter mir auf dem zugefrorenen
Silvaplana-See mit faszinierender Geschwindigkeit dahinsausen, in ihren Bann.
Ich selbst ziehe ruhigeren Wintersport vor und entscheide mich auf der anderen Seite des Juliers doch noch für eine kleine Schneeschuhtour. In Bivio stelle ich das Gespann ab und bewege mich nun mit
eigener Kraft durch die weiße Landschaft. Unberührte Schneefelder breiten sich
um mich aus, nur die eigenen Fußstapfen sind zu sehen. Nach ein paar Stunden
erholsamer Bewegung und voll auf-
geladener Sonnenkollektoren kehre ich
verschwitzt, aber äußerst erfüllt in die
Zivilisation zurück.
Langsam kurve ich nach Tiefencastel hinab. Die letzten Sonnenstrahlen lassen die umliegenden Berggipfel in so einem verzaubernden Licht erscheinen, dass
ich für einige Momente vergesse, wie kalt
mir die letzten Kilometer geworden ist. Eiskristalle funkeln, durchleuchtet von rosaroten Sonnenstrahlen, und verleihen der Winterlandschaft eine märchenhafte Aura. Ein paar Minuten später verschwindet die Sonne hinter den Berggipfeln.
In wenigen Augenblicken ist der Zauber verschwunden. Zurück bleibt der un-
wirtlich kalte, graue Fels. Plötzlich spüre
ich wieder die Kälte und gebe Gas, um eine Unterkunft zu finden.
Und welch Geschenk: Eine Pension mit Sauna nimmt mich auf. Besser kann eine Wintertour nicht enden. Bei 90 trocken-heißen Grad zieht wieder Leben in meinen Körper ein, und mir fällt eine passende Stelle aus einem Buch von Siegfried
Lenz ein: »Das Saunaerlebnis steigert
sich zu einem Inferno von Hitze und Kälte,
der Erleidende fühlt sich schon fast im Jenseits, aber dann kommt die große
Erlösung, durchzieht ein herrliches Wohlgefühl den Körper.« Genau so ist es.
Am nächsten Morgen hängt das Thermometer erneut dick im Minusbereich. Dennoch – einen Pass muss ich auf der Heimreise noch mitnehmen. Bei Tiefencastel wähle ich einen Abzweig über die Lenzerheide, um von dort nach Chur ins hoffentlich wieder wärmere Rheintal ab-
zusteigen. Wie am Vortag winken mir viele entgegenkommende Autofahrer zu oder strecken bewundernd den Daumen nach oben. Das hilft zwar der Seele, die Füße bleiben trotzdem unerbittlich kalt. Zudem fegt ein eisiger Wind über die Höhen, der mir ziemlich zu- und die gefühlte Temperatur nochmals deutlich herabsetzt. Stündlich halte ich an, um bei einem Kaffee
oder einer heißen Brühe die Wärmeakkus nachzuladen. Ich habe das Gefühl, im
Nebel des Rheintals niemals mehr nach Hause zu kommen. Visionen eines heißen Bads mobilisieren die letzten Reserven.
Ein paar Stunden später liege ich im heißen Badeschaum, und alle Strapazen sind vergessen. Hinter meinen Augen
ziehen die Erinnerungen der letzten Tage vorbei. Glitzernde, unberührte Schneelandschaften, Sonnenuntergänge, funkelnde Berge. Nur Skier, Schneeschuhe
oder ein Motorrad schaffen solch intensiven Kontakt. Und außerdem trifft man selten nettere Menschen.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote