Wintertour rund um Regensburg Jenseits von Weihnachten

Wer im Dezember wie viele andere nur noch an das eine denkt, verpasst das Schönste: die kleinen Fluchten raus aus Steuererklärung, Krippenspiel und Geschenkerausch. Hier unser Entspannungs-Trip für coole Allwetterpiloten.

Foto: Eisenschink

Selbst die Tachonadel scheint nur zäh in Bewegung zu kommen. Kein Wunder, minus fünf Grad sind eigentlich zu wenig für Motorrad und Mensch. Aber heute ist einer dieser Tage, an denen dicker Raureif Bayern fest im Griff hält. Überzuckert Häuser, Bäume und Gräser. Nebel lässt die Berge pastellfarben erahnen. Ich habe ein paar Liter frischen Sprit in die Suzuki DR 650 gekippt und rüste mich für eine kompakte Runde. Nach einigen zähen Orglern bringt der Anlasser den Single in Schwung, und der nimmt nach kurzem Stottern sogar tapfer Gas an. Griffheizung auf „Hi“, dann geht‘s entlang des Regens nördlich aus Regensburg hinaus. Als Anrainer von sage und schreibe fünf Flüssen finden sich rund um die Metropole Routen ohne Ende.

Am Stadtrand überhole ich mit Christbäumen und Geschenken vollgestopfte Autos – Weihnachten steht vor der Tür. Ein paar Kilometer weiter beginnt bei Diesenbach ein Sträßchen, das am westlichen Regenufer stromaufwärts führt. Die ersten Kurven tauchen auf, und spätestens sie befreien die Gedanken. Egal, ob alle Geschenke arrangiert sind, ob Tante Beate mit ihrem Wollschal zufrieden sein wird und Mutter mit der Duft-Geschenkpackung „Acqua di Gio“ – die ganze Hetze der letzten Tage tritt zurück, ich fühle mich allem enthoben.

Neben der Strecke sprudelt der Regen wild um die Felsen zwischen natürlichen Ufern, die kaum verbaut sind. Ein echter Fluss! In Ramspau manöverieren Enten zwischen Eisschollen, und aller globalen Erwärmung zum Trotz herrscht hier noch richtig Winter. Ein paar Kurven weiter ist der Fluss komplett zugefroren. Vor Hirschling schieben sich Eisplatten übereinander, das Wasser wie zugedeckt. Für Enten, Graureiher, Eisvogel und andere Kostgänger bleibt hier erst mal der Kühlschrank zu.

In Marienthal stoppe ich fröstelnd am Dorfgasthaus. Die Kälte beißt bereits ordentlich in jede nicht dick vermummte Körperstelle, und auch die Griffheizung wärmt lauer als vermutet. Hier biegt der Regen abrupt rechtwinklig ab und ändert seinen Lauf von Süd–Nord auf mehr oder weniger West–Ost. Am großen Kanu-Anleger, wo sich im Sommer zu Füßen eines beliebten Biergartens oft mehr Boote als Autos und Motorräder drängen, herrscht gähnende Leere, und ich bin der einzige Gast in der warmen, weihnachtlich dekorierten Gaststube.

Weiter geht die Winterfahrt, hinein in den Bayerischen Wald. Seit Jahrtausenden verläuft durchs Regental ein Handelsweg zwischen Böhmen und Regensburg. Unbehindert von Felsriegeln oder Schluchten florierte hier der Warentausch. So kommen auch die DR und ich flott vorwärts. Nachdem Nittenau und Roding vorbeigeflogen sind, drehen wir allmählich wieder auf Südkurs. Die Hände werden schon wieder klamm, zu weit darf ich die Runde nicht ausdehnen. In kleinen Kurven geht‘s zügig über einen Vorgebirgszug des Bayerischen Walds zum nächsten Mitspieler der Fünf-Flüsse-Stadt, der Donau. Je höher die Straße hinter Michelsneukirchen klettert, desto dicker sitzt der Raureif auf den Bäumen. Ich könnte schreien vor Vergnügen über den unerwarteten Wintergenuss. Doch da passiert‘s – hinter einer Kurve haben überhängende Äste den Reif auch auf der Straße verteilt – die Enduro rutscht blitzartig über beide Räder weg. Ich fange sie gerade noch vor der instabilen Seitenlage ab. Schlag-artig ist mir glühend heiß, der Puls rast auf Höchstfrequenz. Puh, noch mal gutgegangen. Tief durchatmend öffne ich das sofort angelaufene Visier – die Tücken des Winters.

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Foto: Eisenschink

Vorsichtig rolle ich weiter nach Wörth und an der Donau zurück gen Regensburg. Kaum 16 Uhr, und es wird bereits dunkel. Während der Nebel die ersten eisigen Schwaden sendet, flammen in den Gärten Lichterketten auf, Plastik-Schneemänner und an Balkonen kletternde Nikoläuse fliegen im Augenwinkel vorbei. Zeit, nach Hause zu kommen. Am Donau-Kai rüsten sich hinter den Glasscheiben der ankernden Kreuzfahrtschiffe die Gäste im hell erleuchteten Bord-Restaurant bereits zum Aperitif. Seit Ausbau des Rhein-Main-Donau-Kanals ist die Weltkulturerbe-Stadt sowohl von der Nordsee als auch vom Schwarzen Meer erreichbar. Ich werfe ebenfalls den Anker und lege zur Aufwärmung die letzten Meter zur Altstadt zu Fuß zurück. Jetzt ein Glühwein!

„Almost 900 years old“ – vor der „Historischen Wurstkuchl“ erläutert eine Reiseleiterin gerade eine der ältesten Imbissbuden der westlichen Hemisphäre, und knipsende Japaner geraten im ehrfürchtigen Eifer gefährlich nah an die Kai-Kante der drei Grad kalten Donau. Stilgerecht verschlinge ich vor ihren staunenden Augen im Freien eine der typischen Regensburger Bratwürste. Seit der kalte Fahrtwind fehlt, habe ich Hitzeschübe.

So richtig heiß geht es aber am Christkindlmarkt am Neupfarrplatz her. Durch das mittelalterliche Geflecht kleiner Gassen gelange ich zum ältesten der drei Regensburger Weihnachtsmärkte, über dem Schwaden von Glühweindämpfen in den nächtlichen Himmel ziehen. Ein nicht enden wollender Menschenstrom schiebt mich zwischen den Ständen hindurch. Vorbei an Regensburger Halb-Meter-Bratwurst, Germknödeln und Almhütt‘n sowie Engerl-Hütte mit einem erschlagenden Angebot vielfältigster Alkoholika. Eine illustre Schar Trinker schafft Oktoberfeststimmung im Dezember und gröhlt glückselig Weihnachtslieder. Mit „Jingle Bells“ in den Ohren entdecke ich an einem Stand schließlich einen Motorrad fahrenden Nikolaus als Christbaumkugel. Was für ein Tag!

Doch die Nacht wird noch besser und zaubert mit beißenden acht Grad unter null noch mehr Raureif auf die Bäume. Als am nächsten Vormittag gegen elf Uhr mollige minus fünf Grad vermutlich das Tagesmaximum markieren, muss die Suzi nochmals ran. Und springt prompt nur mit Fremdstarthilfe an. Die Heizgriffe haben ihr zugesetzt! Egal, heute fahre ich die Westrunde. Nach dem Granit des Bayerischen Walds sind nun die Kalkfelsen des Jura dran. Über Kehlheim geht es ins Altmühltal. Steile, weiße Felsen säumen die Strecke. Der kleine Ort Essing liegt unmittelbar unter einer Felswand drapiert.

Der Altmühl könnte ich nun westlich fast bis Ansbach folgen. Und dabei den natürlich belassenen Teil des Flusses erkunden, in dem sogar Biber wieder heimisch geworden sind. Denn bis Beilngries hat der Rhein-Main-Donau-Kanal die Altmühl okupiert, dahinter jedoch zweigt er nördlich ab und überlässt den Fluss wieder sich selbst.

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Foto: Eisenschink

Ich entscheide mich für die Wasserstraße „Kanal“, an der immerhin schon zu Zeiten von Bayernkönig Ludwig I. gebaut wurde. Zehn Kilometern hinter Beilngries empfängt mich wie in einer Zeitreise das historische Städtchen Berching, mit Fachwerkhäusern und einer komplett erhaltenen Stadtmauer. Entlang des Kanals wäre ich in einer guten Stunde sogar in Nürnberg. In Sachen Weihnachtsrunde eigentlich un-verzichtbar, denn dort brodelt Deutschlands größter und wohl auch bekanntester Christkindlmarkt mit Besucherzahlen in Millionenhöhe. Doch in Berching fällt prompt einer der Heizgriffe aus und erfordert nach vergeblicher Reparatur zu Füßen des Berchinger Christbaums kurzfristiges Umdisponieren. Besser zurück!

Also lenke ich die 650er Richtung Parsberg und dort ins Tal der Schwarzen Laaber. Der kleinste von Regensburgs Fünfen kringelt durch ein prächtiges Tal mit noch schöneren Kurven, die die absterbende Kupplungshand kurzfristig verschmerzen lassen. Und mich übermütig zu einem Schlenker zum letzten der fünf Flüsse zu verführen: zur Naab. Über Hohenfels quere ich östlich nach Kallmünz. Mit seinem Künstlerflair inmitten mittelalterlicher bunter Häuser, die wie Würfel an den Burgfels hingepurzelt scheinen, ist es ein guter Platz zum Aufwärmen. Nur noch 25 Kilometer bis Regensburg. Im Gasthof glüht der heiße Teebecher die klammen Finger durch und sorgt für den restlichen Energie- und Wärmeschub. „It‘s the happiest time of the year,“ tönt schalmeienhaft ein Engelschor nordame-rikanischer Provenienz aus dem Radio. „Let it snow, let it snow, let it snow“, setzt Dean Martin anschließend den wahrscheinlich bei Winterdiensten besonders beliebten Weihnachts-Song drauf.

Bevor es womöglich wirklich zu schneien beginnt, mache ich mich auf den Weg. Der Naab folgend, fädele ich mich in Regensburg von Nordwesten über den bereits bekannten Donaukai zur Altstadt durch. Der ist heute Abend hell erleuchtet und von einer gebannt ins Wasser starrenden Menschenmenge gesäumt. „Hier schwimmt gleich der Papst vorbei“, ulkt ein junger Witzbold. Tatsächlich ist es die Wasserwacht, die ihr traditionelles Weihnachtsschwimmen zelebriert. Begleitet von einem Weihnachtsmann im Motorboot, wagen sich die wackeren Eisschwimmer sogar durch die Strudel unter der Steinernen Brücke. Ein Besuch des Papsts ist allerdings gar nicht so weit hergeholt, wurde Joseph Ratzinger, jetzt Benedikt XVI, doch 1969 an die hiesige Universität berufen, wo er viele Jahre Dogmatik lehrte. Selbst heute ist er noch als Honorarprofessor mit Regensburg verbunden, das sich gerne als „Papststadt“ sieht.

Im Gegensatz zu den Eisschwimmern brauche ich nun dringend etwas Heißes. Also bleibt die Suzi an der Donau stehen, und ich erkunde zu Fuß einen weiteren Regensburger Weihnachtsmarkt, den Lucrezia-Markt an Haidplatz und Kohlenmarkt. Hier scheint die klassische Christbaumkugel Standverbot zu haben. Stattdessen umwerben kreative Alternativbehänge den zeitgenössischen Weihnachtsbaum: Nilpferd und Seepferdchen aus mundgeblasenem Glas, Katzen, Hunde, Sonne und Sterne von schriller Buntheit. Und als Krönung eine Christbaumspitze in Form eines gläsernernen Halbmonds. Das hat doch mal kulturell verbindenden Charakter!

Nun fehlt nur noch der dritte Regensburger Weihnachtsmarkt: der auf der anderen Seite der Altstadt bei Fürstin Gloria im Schloss St. Emmeram von Thurn-und-Taxis. Eine echt adelige Sache – mit seinen 500 Zimmern übertrifft das Schloss sogar den Buckingham Palace. Was auch zu geadelten Preisen führt. Mit 3,50 bis 5,50 Euro Startgeld nimmt Gloria sogar Eintritt fürs Weihnachts-Happening. Dafür gibt‘s bei den Normalos schon zwei Pötte Glühwein. Nein, dann doch lieber am Lucrezia-Markt richtig abfeiern, Moped stehen lassen und notfalls morgen nach der Fürstin gucken. Und der Wetterbericht klingt gut. Um die null Grad soll‘s geben. Dafür müsste ich nicht mal den Heizgriff reparieren.

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