Wüsten der Erde (2)

Foto: Martin
Unterwegs mit  dem motorisierten Lastenesel, einer BMW R 1150 GS.
Unterwegs mit dem motorisierten Lastenesel, einer BMW R 1150 GS.
Unsere Route führt zunächst in die Alashan-, dann jenseits des Gelben Flusses in die Quaidam-Wüste. Inmitten dieser bereits zur tibetischen Kultur gehörenden Hochwüste liegt der heilige See Koko Nur, den unzählige Pilger tagelang zu Fuß umrunden. Vor kurzem hatten es sich zwei Männer vereinfacht, und waren die 200 Kilometer mit dem Motorrad gefahren. Unser erster Kontakt mit der tibetischen Lebensart fasziniert uns völlig.

Leider haben wir keine Erlaubnis, von hier aus nach Tibet zu reisen. So halten wir uns entlang des Südausläufers der gewaltigen Takla Makan bis in die Oase Kashgar, einem der wichtigsten Knotenpunkte entlang der historischen Seidenstraße, wo der Handel heute noch brodelt wie zu Zeiten Marco Polos.

Über den 4700 Meter hohen Kunjerab-Pass verlassen wir China in Richtung Pakistan – am 12. September 2001. Vermutlich zählen wir zu den wenigen Menschen, die nicht wissen, was am Tag zuvor in New York geschehen ist. Erst am Abend berichten uns Lkw-Fahrer in groben Zügen von den Terror-Anschlägen und dass China die Grenze geschlossen habe. Auch der internationale Flugverkehr von und nach Pakistan sei eingestellt. Wir begreifen sofort: So schnell wie möglich raus aus Pakistan, bevor auch Indien seine Grenzen abschottet. Der nächste Übergang liegt 1500 Kilometer entfernt. Wir brechen trotz strömendem Regen auf, erreichen 26 Stunden später völlig erschöpft die Grenze. Sie ist noch offen. Indien trägt allerdings nicht gerade zur Erholung bei. Das Fahren zwischen heiligen Kühen und lebensverachtenden Truckern gleicht einem gefährlichen Hindernis-Rennen. Pausen verschaffen ebenfalls keine Ruhe. Bei jedem Stopp verursachen wir riesige Menschenaufläufe. Hinter Delhi schlagen wir Südkurs bis zur Oase Puskar am Rand der Wüste Thar ein. Im heiligen Monat Kartik Purnima findet dort in den Wochen vor dem Vollmond der größte Kamelmarkt der Erde statt. Wir bleiben mehrere Tage und beobachten das wilde Treiben. Überall wird laut gehandelt und gefeilscht, Kamele brüllen, es riecht nach Tieren und Dung.
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Foto: Martin
Begegnungen wie mit dem Motorradfahrer in der Wüste Gobi sind selten.
Begegnungen wie mit dem Motorradfahrer in der Wüste Gobi sind selten.
Ist es schon schwierig, mit dem eigenen Fahrzeug durch China zu fahren, so gestaltet sich eine Reise nach Tibet nahezu unmöglich. Wiederum war es Li Wenhua, die die Papiere für die autonome Region der Volksrepublik China organisierte. Leider kommen wir auch dieses Mal nicht um einen offiziellen Begleiter herum, der jeden unserer Schritte genau beobachtet. Doch egal. Wir klettern höher und höher, passieren die 4000er-Marke. Mit einem Schlag sind die dichten Monsunwolken verschwunden, und wir stehen kurz darauf auf dem 5124 Meter hohen La-Lung-La-Pass. Ein Traum wird wahr. Wir haben das tibetische Hochplateau erklommen. In der glasklaren Luft scheinen die verschneiten Achttausender des Himalaja zum Greifen nahe und vor uns breitet sich die Hochwüste des westlichen Tibets aus.

Die 5000er-Pässe reißen nicht ab, sauerstoffarme Luft und ständige Kälte setzen uns heftiger zu als erwartet. Tagelang plagen uns Kopfschmerzen, nachts suchen wir die Nähe von Nomaden, um uns an ihren mit Rinderdung befeuerten Öfen zu wärmen. Auf 5200 Metern kommt schließlich auch die BMW spuckend an ihre Grenzen, da die Steuerelektronik den Sauerstoffmangel nicht mehr ausgleichen kann.

Je weiter wir Richtung Westen gelangen, umso mehr Pilgern begegnen wir. Tausende sind auf dem kargen Hochplateau zum heiligen Berg Kailash unterwegs. Nach zehn Tagen taucht er endlich am Horizont auf. Kurz vor dem Saga Dawa Fest, Buddhas Geburtstag, brodelt der Pilgerstrom seinem Höhepunkt entgegen. Wir bewegen uns zwischen Zehntausenden von Gläubigen, die unter strenger Aufsicht vieler Mönche bunte Gebetsfahnen aufhängen. Viele begeben sich auf die Kora, eine 50 Kilometer lange Wanderung um den Berg – 108 Umrundungen sichern den Eintritt ins Nirwana. Jetzt, im Jahr des Pferdes, zählt jede Umrundung dreizehnfach.

Unser Visum gestattet keine weiteren Abstecher mehr, wir fahren zurück nach Nepal und machen uns in Kathmandu auf die Suche nach einer Luftfracht-Spedition, die unser Motorrad nach Australien fliegt, unserem nächsten Ziel.

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