Wüsten der Erde - Teil 2: Nord- und Südamerika (2)

Foto: Martin
Unausgeschlafen und nach wie vor mit rasenden Kopfschmerzen satteln wir am nächsten Morgen auf. Dick in Daunenjacken eingepackt, fahren wir nordwärts durch die Hochebene der Anden. Wenigstens wärmen die Strahlen der Sonne ein wenig. Zwei Tage später weitet sich plötzlich der Altiplano, und der Salar de Uyuni breitet sich vor uns aus, mit einer Fläche von 12000 Quadratkilometern einer der größten Salzseen der Erde. Wir beschleunigen auf der betonharten Salzfläche bis Tempo 140 und fliegen förmlich über die grellweiß leuchtende Ebene. Die Sonne steht inzwischen jedoch bereits zu tief, um das gegenüberliegende Ufer noch beiTageslicht zu erreichen. Wir entschließen uns zu einem Camp auf dem Salz – und erleben einen Sonnenuntergang, der jenseits jedweder Vorstellungskraft liegt. Der Himmel leuchtet feuerrot, und während der Mond im Osten aufgeht, nimmt die Salzfläche ein intensives Lila an. Völlig gefesselt von diesem Schauspiel, merken wir kaum, wie kalt es auf einmal geworden ist: minus 24 Grad. Damit die Filme nicht zersplittern, übernachten die Kameras mit im Schlafsack. Das Motorrad wird – wie gehabt – im Zwei-Stunden-Takt gestartet und einige Minuten laufen gelassen. Der Lohn fürs nächtliche Aufstehen: Es springt am Morgen ohne Probleme an.

Gegen Mittag erreichen wir Colchani, ein Kaff am Rande der Salzfläche, wo es zum Glück ein paar Liter Benzin gibt. Doch bald erweist sich der volle Tank, der die Fuhre noch schwerer macht, als Nachteil: Die Piste quert heimtückisch einen schlammigen Ausläufer des Salzsees, in dem das Motorrad sofort bis zu den Koffern versackt. Keine Chance, es auch nur einen Millimeter zu bewegen. Zum Glück arbeitet in der Nähe eine Planierraupe, und wir können den Fahrer dazu überreden, die GS aus dem Schlamassel zu ziehen. Dass er ziemlich brutal zur Sache geht und das Motorrad mit mir oben drauf förmlich aus dem Schlamm reißt, stört mich wenig – Hauptsache, wir können weiter.
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Foto: Martin
Nur eine halbe Stunde später stehen wir vor dem nächsten Problem: ein brückenloser Fluss voller Eisschollen. Um die Tiefe zu erkunden, wate ich ohne Hose und Stiefel durch das bitterkalte und irgendwann hüfthohe Wasser. Zu allem Überfluss liegen auch noch dicke Steine im Flussbett. Es gibt keine Alternative: Elke schultert Schuhe, Klamotten sowie Packsack und Zelt und macht sich auf den mühseligen Weg hinüber zum anderen Ufer. Dort angelangt, bluten ihre Füße von den spitzen Steinen. Dann bin ich auf der GS an der Reihe, versuche, mit viel Gas durch die Fluten zu preschen. Kurz vor dem Ufer stirbt prompt der Motor ab, aber zum Glück reicht der Schwung gerade noch aus, um die Böschung zu meistern. Dort ist erst mal Ende, denn der Bock springt selbst auf dem Trockenen nicht mehr an. Ein Blick in den Luftfilter schafft Klarheit: überall Wasser, das ziemlich sicher auch ins Triebwerk eingedrungen ist. Was nun zu tun ist, steht in jedem Reparaturhandbuch: auf jeden Fall das Öl wechseln. Nur haben wir nicht die erforderliche Menge dabei.

Nach einiger Zeit kommt ein Lkw vorbei. Zwar kann uns der Fahrer nicht mitnehmen, doch mit seiner Hilfe riskieren wir einen Startversuch: Mit einem Stahlseil hängen wir die GS hinter den Laster, der Fahrer gibt Gas, ich lege den dritten Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Der Motor protestiert zunächst kräftig, aber nach zwei Kilometern im Schlepp läuft er tatsächlich wieder. Mir ist klar, dass ich jetzt einen Motorschaden riskiere: Das Öl im Schauglas ist weiß – ein untrügliches Indiz für Wasservermischung. Mit jeder Kurbelwellenumdrehung leide ich mit.Der Boxer hält tapfer durch. Bis wir erneut vor einem breiten Fluss ohne Brücke stehen. Wir sind unschlüssig und spekulieren lange über seine Tiefe. Plötzlich taucht ein Schwein aus einem nahen Dorf auf und stolziert lässig hindurch, ohne sich den Bauch nass zu machen. Grinsend starten wir durch.

Als wir am nächsten Tag auf dem 4550 Meter hohen Tambo-Pass angelangt sind, der einzig von dem perfekt geformten Vulkan Parinacota noch überragt wird, weicht langsam die Anspannung. Mit jedem Meter, den uns die Straße bergab in Richtung der nordchilenischen Hafenstadt Arica führt, wird es endlich wieder wärmer. Wir kehren in lebensfreundlichere Gebiete zurück – obwohl es an manchen dieser Küstenabschnitte seit 40 Jahren nicht geregnet hat! Elke und ich gönnen uns am Meer ein paar Tage Pause von der Schinderei, reisen schließlich in das benachbarte Peru ein. Wie bereits in Chile erstreckt sich entlang der Küste eine extrem monotone Wüstenlandschaft. Erst auf der Halbinsel Paracas, die weit in den Pazifik reicht, ändert sich das Bild: Nur selten treffen Meer und Wüste so spektakulär aufeinander. Die Wellen des eiskalten, grün schimmernden Pazifiks schlagen mit voller Wucht gischtend gegen die hellen Felsen und Klippen.

Die letzte Etappe bis in die Hauptstadt Lima auf der Panamericana liegt vor uns, die südamerikanischen Wüsten hinter uns. Das nächste Ziel: die nordamerikanischen Trockengebiete.

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