Wüsten der Erde - Teil 2: Nord- und Südamerika Wüsten der Erde

In Teil zwei der dreiteiligen Reportage reist Fotograf Michael Martin durch die Trockengebiete auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Dabei durchquert er unter anderem das Death Valley in den USA, das Anden-Hochland in Bolivien und die chilenische Atacama.

Foto: Martin

Früh am Morgen in der Atacama-Wüste, rund 1000 Kilometer nördlich der chilenischen Hauptstadt Santiago. Der Benzinkocher faucht, und nach einer eiskalten Nacht im Zelt etwas abseits der Panamericana sind wir dankbar für eine heiße Tasse Kaffee. Wir beladen die GS und nehmen einen weiteren Teil der „Traumstraße der Welt“ unter die Räder, die eine Weile später parallel der Pazifikküste verläuft.Auch wenn die Kälte tagsüber ein wenig nachlässt, bleibt es ungemütlich. Chamanchaca nennen die Chilenen den zähen Nebel, der monatelang keinen Sonnenstrahl auf die schroffe Küste fallen lässt. Zwei lange Tage sind wir in dem Dunst unterwegs, links der raue Pazifik, rechts Küstenwüste. Dann steigt die Traumstraße an, und nach einigen Kilometern durchbrechen wir endlich die Nebeldecke, über der sich ein stahlblauer Himmel spannt.

Die Aussichten vom Sattel der GS sind allerdings wenig berauschend. Die Atacama ist in weiten Teilen eine ziemlich eintönige Felswüste. Erst in der Nähe der Oase San Pedro präsentiert sie ihre andere Seite: Sanddünen und fantastische, von Wind und Wetter geformte Gebilde aus Fels und Stein, dahinter der imposante, mit Vulkanen bestückte Andenhauptkamm. Hier erreicht die Atacama eine Höhe von fast 5000 Metern. Eine gut ausgebaute Strecke führt von San Pedro de Atacama zu den Geysiren von El Tatio, die wir nach zweistündiger Fahrt kurz vor Sonnenuntergang erreichen. Als wir in sternenklarer Nacht endlich in unseren dicken Schlafsäcken verschwinden, messen wir minus 22 Grad.

Kurz nach Sonnenaufgang zeigen sich die Geysire in ihrer ganzen Pracht: bis zu 50 Meter hohe Fontänen. Allerdings ist das Motorrad wegen des Wasserdampfs aus den vielen heißen Quellen komplett vereist, und der Anlasser gibt nur ein müdes „Klack“ von sich. Wir müssen die GS irgendwie auftauen, schöpfen fast kochend heißes Wasser aus dem Ablauf eines Geysirs und kippen es über die beiden Zylinder. Auch die Batterie bekommt eine „Wärmepackung“: eine Handtuch-Bandage, die wir zuvor in das heiße Wasser getaucht haben. Und tatsächlich, die Methoden zeigen Erfolg – nach kurzer Einwirkzeit springt die BMW an.

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Foto: Martin

In San Pedro tanken wir voll und erledigen die chilenischen Ausreiseformalitäten. Eine perfekte Straße trägt uns in wenigen Minuten auf eine Höhe von 4300 Meter zur Grenze nach Bolivien, gut eine Stunde später können wir in das Nachbarland einreisen. Die Piste, auf der wir uns von nun an bewegen, ist von der übleren Sorte: Statt Asphalt wie gerade noch in Chile gibt es lediglich eine kaum zu erkennende Trasse durch den Sand. Wir folgen einigen Autospuren bis zur smaragdgrün leuchtenden Laguna Verde, die vom verschneiten, fast 6000 Meter hohen Vulkan Licancabur überragt wird. Und sind völlig benommen von der Schönheit dieser Landschaft. Aber auch von den extremen Bedingungen, die dort selbst im Hochsommer herrschen. Die Kälte, die sauerstoffarme Höhenluft und der nach wie vor schlechte Zustand der Piste weiter in Richtung der Laguna Colorada machen uns arg zu schaffen. Zumal der Weg weiter ansteigt, auf fast 5000 Meter.

Vom Pass sind bereits weiße Dampfsäulen auszumachen, die in den dunkelblauen Himmel aufsteigen. Einige Kilometer weiter stehen wir dann vor den heißen Quellen von „Sol de Mañana“. Der schwefelhaltige Dampf nimmt einem bei einem Spaziergang durch das weitläufige Geysirfeld fast den Atem. Überall brodelt und faucht es. Eine gespenstige Szenerie in einem unwirklichen Umfeld. Für die Weiterfahrt ist es inzwischen zu spät geworden. Die Nacht wird allerdings recht ungemütlich. Zu Kälte und dünner Luft kommen die beißenden Schwefeldämpfe hinzu, die der Sturm immer wieder Richtung Zelt treibt. Viermal quäle ich mich aus dem warmen Schlafsack, um die BMW einige Minuten laufen zu lassen – damit das Triebwerk nicht völlig einfriert. Schneewehen, die noch vom letzten Schneesturm herrühren, sorgen tags darauf für häufige Stürze. Es kostet große Mühe, die schwer beladene GS aufzurichten. Doch die immer spektakulärer werdende Landschaft entschädigt für die Anstrengung. Formen und Farben wechseln praktisch mit jedem Kilometer. In der Ferne leuchtet bereits die Laguna Colorada purpurrot. Algen und Plankton sorgen für die ungewöhnliche Färbung. Zwischen grellweißen Salz- und Gipsbänken stehen Hunderte von Flamingos im roten Wasser.

Nach den ungemütlichen Nächten im Zelt freuen wir uns auf ein Bett in der angekündigten Unterkunft am Ufer der Lagune. Sie entpuppt sich allerdings als ziemlich heruntergekommenes Loch. Uns bleibt aber kaum eine Wahl. Elke ist höhenkrank, japst nach Luft und hat wahnsinnige Kopfschmerzen. Mir geht es kaum besser. Also beziehen wir eines der schäbigen Zimmer.

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