Zeitreise auf einer Honda MTX 80 Kleines Motörchen, große Erlebnisse

Mit kleinem Motörchen zu Meisjes und Matjes. MOTORRAD-Redakteur Thomas Schmieder machte sich mit einer Honda MTX 80 noch einmal auf die gleiche Tour nach Holland wie 1983. Was er fand auf dieser Reise nach innen, 30 Jahre nach dem 80er-Führerschein 1b? Große Erlebnisse und starke Erinnerungen.

Foto: Schmieder

Der 17. August 1983 war ein heißer Sommertag. Einer, der mein Leben für immer veränderte. Endlich hatte ich den Führerschein 1b. „b“ stand zwar für beschränkt (auf 80 Kubik und 80 km/h), doch real war die graue Pappe ein Türöffner: endlich mobil! Schon einen Tag später ging es mit der Honda MTX 80 ins bunte Leben, raus aus dem Ruhr­pott, rein nach Holland. Die Sehnsucht war riesig und ich als Schüler chronisch klamm. Ich kratzte die letzten 150 Mark zusammen und lieh mir vom Fahrlehrer für drei Tage die angebetete Fahrschulmaschine.

Für eine unvergessliche Tour mit Kumpel Welski. Er war der König auf dem Schulhof, hatte eine schnittige, teure KTM 80 RLW mit Wasserkühlung. Der Hauch der Freiheit wehte uns um die Nase. Nie wieder hatte ich dermaßen das Gefühl von „die Welt steht dir offen“. Nun sitze ich drei Jahrzehn­te später auf einer gleichen, erneut geliehe­nen Honda MTX 80 wie einst. Sie ist leuchtend rot statt wie 1983 schneeweiß. Ein Wiedersehen mit Freude. Mein ältester Bruder Olav steht dabei, genau wie früher. Er ist begeistert vom 80er-Oldie: „Ist die wirklich 30 Jahre alt?“ Ja, perfekt restauriert. Unsere Blicke wandern über die Begierde von einst.

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Heute mit mehr Gepäck und dickerem Bauch

Wir stehen im „Ghetto“, unserer 60er-Jahre-Neubausiedlung in Marl-Hüls. Unsere Eltern wohnen nicht mehr dort. Die Erde hat sich weitergedreht. Eine letzte Umarmung von Olav, los geht’s! Das kleine Motörchen kommt auf den ersten Tritt, pustet blaue Wölkchen aus. Platz nehmen. Das alte, vertraute Gefühl ist sofort wieder da: Der Hintern fläzt sich auf der dick gepolsterten Sitzbank, der breite Lenker liegt ideal zur Hand. Eine echte Reiseenduro, die Honda MTX 80, richtig komfortabel. Maschinen wie diese beflügelten unsere Sehnsucht. Heute nun mit mehr Gepäck und dickerem Bauch.

Der Zweitakter sägt unter mir, über mir spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Herrlich. Fühlt sich fast genauso an wie vor 30 Jahren. In den Rückspiegeln verglimmt das Ghetto. Marode, tief zernarbte Straßen künden von akuter Geldnot der Stadt Marl. Macht nichts, ich fahr ja Enduro. Die B 51 breitet ihren Asphaltteppich vor mir aus, Richtung Norden. Nach Haltern am See, wo Münsterland auf Ruhrpott trifft. Für mich war diese Straße einst große Verheißung, weg von Schule und Geschwistern, rein ins Grüne. In absolut begreifbarem Tempo zieht der Wald an einem entlang, Rotbuche, Bergahorn, Waldkiefer wachsen empor.

Nagelnder Klang und beschwingtes Fahrerlebnis auf dem Fluchtfahrzeug Honda MTX 80 sind absolut authentisch. Geschwindigkeit wird wieder zu einem ehrfurchtgebieten­den Phänomen. Es geht um Bewegung, um Erweiterung des Horizonts. Erste Rast am „Schlemmer-Grill“ in Hamm-Bossendorf. Pommes/Currywurst fassen, wie sich das gehört im Ruhrpott.

Auf dem tiefblauen Halterner Stausee tanzen weiße Segelboote. Nebenan, auf dem Motorradtreff am „Alten Garten“, haben wir mit 16 rumgehangen, große Maschinen und deren Fahrer bewundert. Verdammt lang her. BAP hatte damals große Erfolge, die Neue Deutsche Welle wogte noch wild. Nicht viel los heute am Treff. Trotzdem gibt’s sofort Benzingespräche: „So eine hatte ich auch als Kröte“, sagt Jürgen mit leuchtenden Augen: „Auf ner Honda MTX 80 sind wir illegal auf der Halde in Gelsenkirchen rumgedüst!“ Mit selbst gebauten Umlenkhebeln haben er und seine Kumpel die 80er seinerzeit crossmäßig hochgelegt.

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Honda MTX 80 heute mehr Mountainbike als Motorrad

Der Puls der hiesigen Motorradszene hat sich verlagert, schlägt aktuell am angesagten Motorradtreff „Drügen Pütt“. Auch hier findet die tapfere kleine Honda viele Bewunderer. Das beschauliche Dörfchen Sythen glänzt mit schmucken Fachwerkbauernhöfen, aber warum fährt die Monster-Fahrerin vor mir bloß 45? Und zuckelt mit Tempo 65 bei 70er-Beschränkung rum. Das nervt. Auf der Honda MTX 80 zählt jeder einzelne Stundenkilometer. Also los, überholen! Alles rausholen! Wow, geht doch. Die 80er schiebt sich in Zeitlupe vorbei. Passt!

Kontrastprogramm: Schlote der Kohlekraftwerke treffen auf Windräder. Letztere gab es in den 80ern bloß in Dänemark. Und Kreisverkehre damals nur in Frankreich. Ist ein großer Spaß, die 80er auf ihren schmalen Reifchen da mit viel Schwung reinzuschmeißen, Mensch, was kam ich mir damals groß und erwachsen vor mit der Honda MTX 80. Heute ist sie eher Mountainbike als Motorrad. 103 Kilogramm leicht, easy zu beherrschen. Meditatives Motorradfahren. Zeit ­haben, Zeit spüren, sich Zeit nehmen. Also das Wertvollste im Leben.

Es ist die gleiche Entdeckungsreise wie damals. Pause am herrlichen Wasserschloss Lembeck. Es stammt von 1730, ist in Privatbesitz, Museum und Hotel zugleich. Weiter nach Westen! Die Welt mit dem Motorrad entdecken, die gleiche Sehnsucht wie früher. Land und Leute erleben. Wie die Alleen Weite verströmen nur wenige Kilometer nördlich von Europas größtem und heute auch richtig grünem Ballungsraum.

Endlich kommt die Grenze. Nur anders als früher. Ohne Kontrollen, ohne Geldumtausch in Gulden. Europa macht’s möglich. Auf rot gepflasterten Radwegen cruisen erste Radfahrer, natürlich auf Holland-Rädern. Der Honda MTX 80 geht’s gut im Nachbarland: Landstraßenlimit ist Tempo 80. Wie bestellt. Stilvoll sind die holländischen Häuser, mit roten Klinkerfassaden und hell erleuchteten, weiß umrandeten Fenstern, groß und ohne Gardinen. In Winterswijk liegen sich zwei attraktive Restaurants gegenüber. Wir entscheiden uns für das richtige, weil wir dort Olga aus Südafrika und Erica aus Chile kennenlernen. Das ist nur ein Tag bis jetzt. Aber den will ich nicht mehr missen.

95 Sachen im Lkw-Windschatten

Leben bedeutet immer auch Veränderung. Und Erfahrung kommt tatsächlich von Fahren. Unser Quartier finden wir in der schönen Kleinstadt Groenlo. Hier schlugen tapfere Niederländer 1627 die mächtigen Spanier in die Flucht. Heute sehe ich Baustile und Kultur anders als mit 16. Älterwerden hat auch sein Gutes. Weil man Geschichte zu schätzen weiß, nicht mehr nur für die Zukunft lebt. Delikat das Essen im Restaurant „Het Huis van Frederik Hendrik“. 1983 gab’s bloß Pommes. Den Absacker bietet die Bar im Hotel „Pot“ um die Ecke, mit strohblonden holländischen Gästen,die schon leichte Schlagseite haben. Mit Heino, dem Besitzer, stimmt die Chemie, wir unterhalten uns lange. Niederländer und Deutsche sind endlich gute Nachbarn.

Der nächste Tag beginnt mit Regenschauern, doch bald trocknen die Straßen ab. Richtung Zutphen geht’s immer am Kanal lang, plötzlich überholt mich ein Citroën DS Kombi, zurechtgemacht als Leichenwagen. Ich mache mich klein, beiße in den Lenker. Und kann doch nicht dranbleiben.

Auf der Autobahn, im Windschatten eines mit Tierfutter beladenen Lastwagens, rennt das feuerrote Spielmobil Honda MTX 80 dann 95 Sachen bei 8500 Touren. Jede einzelne Umdrehung zählt! Verwegen kleben wir dem Brummi am Heck. Als ich ausschere, um den Lkw zu überholen, schaffe ich es nur bis auf Höhe des Führerhauses. Dann verhungert die 80er. Der Trucker zeigt mir einen Vogel. Devot reihe ich mich wieder hinter ihm ein. Der Fahrspaß ist umgekehrt zur Power. Wenig PS, viel Laune. Wir passieren in der offenen Landschaft Bauernhöfe mit Reetdächern und getünchten Backsteinziegeln. Einfach malerisch.

Das Who’s who der Automobilgeschichte

An der N 348 im Ort Brummen stoßen wir auf einen Tempel der Fahrzeugkultur: „The Gallery“ präsentiert Hunderte klassischer Traumautos und zwei Dutzend Oldtimer-Motorräder. Das Who’s who der Automobilgeschichte steht hier versammelt zum Verkauf. Aston Martin, Citroën, Ferrari, Lamborghini, Mercedes, Porsche. Nico Aaldering, der Junior-Chef, ist 33. Und total in Motorräder vernarrt. Er sammelt Ducatis und Laverdas. Mit einem Jaguar MK VII aus den 50er-Jahren drehen wir eine Ehrenrunde. Der Reihen-Sechszylinder schnurrt geschmeidig wie ein junges Kätzchen.

Wieder rauf auf die Honda MTX 80. Stopp an einem netten Straßencafé. Es gibt „Koffie verkeerd“ (Milchkaffee). Niederländisch ist halt eine freundliche, fröhliche Sprache. Immer wieder erleben wir magische Momente: blaue Stunde an einer der vielen Grachten. Majestätisch gleitet ein Graureiher im Tiefflug übers dunkle Wasser. Ohne einen einzigen Flügelschlag. Szenenwechsel: Vom Verkaufsverbot von Joints und Haschisch an Deutsche hat die bekiffte Dame im Coffeeshop in Scheveningen noch nie was gehört. Was wir wollen? Och, nur mal gucken. Schließlich steht auch ein abgehalftertes Motorrad im Rauchwaren-Fachgeschäft.

Bei Nacht erreichen wir das herrschaftliche „Hotel Kurhaus “ am Meer in Scheveningen. Den Speisesaal überkrönt eine riesige Glaskuppel im Jugendstil. Müssen es gleich fünf Sterne sein? Heute ja, einmal. Damals trauten wir uns nicht einmal ins Foyer, heute checken wir mit Kreditkarte ein, wo schon Edith Piaf, Liza Minelli und Marlene Dietrich nächtigten. Ein fröhlicher Portier aus Ghana lässt es sich nicht nehmen, die Ortlieb-Tasche vom Gepäckträger ins Hotel zu tragen. Ein Doppelzimmer kostet 225 Euro, das ist eine viertel Honda MTX 80. Der Pier nebenan ins Meer sieht eher aus wie eine Ölbohr-Plattform, schlechteste 70er-Jahre-Archi­tektur ringsum. Fotograf Klaus und ich gehen noch ein wenig tanzen in einer der vielen Strandbars, hübsche Meisjes treffen. Schüchtern war früher.

"Ich fahre wohin ich will, wann ich will"

Nicht das Schlechteste, am Morgen von Möwengeschrei geweckt zu werden. Rasch noch ein Matjesbrötchen. Und dann zum Finale nach Noordwijk an Zee. Auf der Suche nach mehr passieren wir noch einmal holländische Galerie- und hölzerne Bock-Windmühlen. Plus ganz viele Erinnerungen. Am Parkplatz stehen Bromfietsen, Knallertjes und Brommer. Ab durch die Dünen, rein in den Liegestuhl. Breiter Sandstrand, große Gefühle. Sonne kitzelt im Gesicht. Gaaanz langsam versinkt der Zuckerwürfel im Milchschaum, steigt die Sonne weit über die Nordsee. Mensch, was waren wir unbedarft, unbekümmert 1983. Wussten nicht mal, auf welchem Campingplatz unsere Freunde lagerten. Fuhren ihnen trotzdem nach. Man würde sich schon treffen, auch wenn das Mobiltelefon noch nicht erfunden war. Ging schon, irgendwie. Weil Kumpel Micha Reschke an der Strandpromenade von Noordwijk seinen Rausch im giftgrünen Opel Kadett C ausschlief.

Heute stünde vermutlich eine Anfahrtsbeschreibung im Netz. Seinerzeit schrieb der Zufall das Drehbuch, führte das Leben Regie. Vor 30 Jahren verlor ich den Zündschlüssel am Strand im Sand. Nach Stunden fanden wir ihn wieder, ganz woanders als vermutet. Zurück aus den Gedanken: Eingekeilt steht die 80er zwischen zwei Bussen, Neoplan Starliner, je 600.000 Euro teuer. „Richtig Reisen“ steht darauf. Mache ich doch. Fahre wohin ich will wann ich will. Seit 1983. Einer der Busfahrer, Herr Müller aus Sachsen, schwärmt: „Etwas Besseres bin ich bis heute nicht gefahren.“ Und ich nichts Wichtigeres als die Honda MTX 80. Sie brachte mich aufs Motorrad, durch sie habe ich so viel erlebt. Danke dafür, Honda!

Foto: MAIRDUMONT/Claudia Werel

Infos zur Tour

Es ist keine Unmenge an Kurven, die diesen Tripp vom Ruhrpott an die Nordsee in den Niederlanden so reizvoll macht. Sondern Begegnungen und Erinnerungen auf jedem Kilometer. Eingebettet in eine sehr charmante, wasserreiche Kulturlandschaft.

Tipps und Unterkünfte

Eine malerische Herberge ist das Fachwerk-Hotel „Loemühle“ in Marl. Früher logierte hier die (west)deutsche Fußballnationalmannschaft, wenn sie auf Schalke im Gelsenkirchener Parkstadion spielte. Belebtester Motorradtreff in Haltern am See ist der „Drügen Pütt“ (Münsterstraße 317, Telefon 0 23 64/66 29) an der B 51. Ein sehr empfehlenswertes Restaurant ist „Het Huis van Frederik Hendrik“ in Groenlo. Ein geschmackvolles Restaurant mit extrem appetitlichem, leckerem Essen zu bezahlbaren Preisen. Dazu mit edlem Interieur und freundlichem Personal. Übernachten kann man gut und günstig im familiären „Hotel Pot“ (​www.​h​o​t​e​l​p​o​t​g​r​o​e​n​l​o​.​n​l​). Zum Stöbern vor Ort und online empfiehlt sich der Oldtimer-Spezialist „The Gallery“ in Brummen (Telefon 00 31/(0)5 75/56 40 55, www.​t​h​e​g​a​l​l​e​r​y​b​r​u​m​m​e​n​.​n​l​). Eine mondäne Welt für sich ist das Fünf-Sterne-Hotel „Kurhaus Scheveningen“ (Telefon 00 31/(0) 70/4 16 26 30).

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