Zittauer Gebirge Deutschlands letzter Winkel

Im äußersten Südosten Deutschlands, eingeschmiegt zwischen Polen und Tschechien, liegt in der Oberlausitz das kleinste Mittelgebirge der Republik. Und vielleicht auch das spannendste. Ein ganz besonderer Reisetipp.

»Hans! Schnell, komm’ her, das musst du sehen!« Zwei Dutzend aufgeschreckte Passanten drehen sich um, dann löst sich einer aus der Menge und stürmt direkt auf mich zu. Auweia - ganz so überschwenglich hatte ich mir den Empfang in Görlitz nun doch nicht vorgestellt. Während Hans und sein Kumpel ohne Umschweife meine Einzylindermaschine inspizieren, fühle ich mich wie die Testfahrerin eines Erlkönigs. »Das soll eine MZ sein! Ich fass’ es nicht.« Es dauert eine Weile, bis Hans überzeugt ist, dass auf der Baghira nicht zur Tarnung MuZ drauf steht. Mit seiner eigenen MZ von Baujahr 1977 habe sie lediglich Benzinhahn und Zylinderrippen gemeinsam. »Wurde ja wirklich Zeit, dass die mal was Modernes bauen.« Noch eine kurze Soundprobe, und ich werde unter Beifall wieder in die Straßen von Görlitz entlassen.Bunt wie ein Harlekin huscht die Baghira hindurch, lückenlos flankiert von der bröckelnden Fassade des einstigen Sozialismus. Von Wende ist hier kaum was zu spüren. Bürgerhäuser aus Renaissance und Barock wetteifern um den fahlsten Grauton und das größte Loch im Putz. Mit Brettern vernagelte Geschäfte und Fensterrahmen, aus denen Glasscherben wie Haifischzähne sprießen – hier scheint sich schon lange niemand mehr heimisch zu fühlen. Rund 3500 Häuser stehen in Görlitz unter Denkmalschutz. Restauriert wurden bislang nur wenige, der Rest träumt in dieser alten, im Mittelalter gewachsenen Handelsstadt weiter einen tiefen Dornröschenschlaf. Die Fahrt endet abrupt vor der Brücke an der Straße der Freundschaft. Seit die Mauer in Berlin gefallen ist, sollte man annehmen, dass die Zeit geteilter Städte vorüber ist. Nicht so im östlichsten Zipfel Deutschlands. Während ich am Ende einer Autoschlange den Reisepass hervorkrame, betrachte ich am gegenüberliegenden Neiße-Ufer die andere Hälfte von Görlitz: Zgorzelec. 1945 wurde der Fluss zur deutsch-polnischen Staatsgrenze und die Stadt geteilt. Nach 25 Minuten bin ich drüben, habe die obligatorischen Fragen nach dem Wohin beantwortet und meine Identität vor den schwerbewaffneten Zöllnern offengelegt. InZgorzelec ist schnell gesehen, was es zu sehen gibt. Die meisten historischen Bauwerke stehen im deutschen Teil, hier drüben wuchern vornehmlich Wohnblocks aus Beton. Am Flussufer werben ein paar schummrige Etablissements mit Sexangeboten zu Niedrigstpreisen, dahinter angelt ein alter Mann. Das andere Ufer wird für ihn wohl noch länger der letzte Außenposten des europäischen Wohlstandes bleiben. Ich fahre zurück.Kaum ist die Landstraße nach Zittau erreicht, gibt es kein Halten mehr. Die Tachonadel schnellt nach oben, und die Landschaftskonturen verschwimmen zu diffusen Pinselstrichen. Breit und übersichtlich walzt die B 99 parallel zur Neiße durchs Zittauer Becken. Lange Zeit stand die Gegend für Braunkohlebergbau und Gemüseanbau, also nichts, was Motorradfahrer zu Spontanbremsungen animieren könnte. Doch inzwischen mutierte der ehemalige Tagebau zum grünen Naherholungsgebiet, und Störche brüten in riesigen Nestern auf den stillgelegten Schornsteinen. Sobald die B 99 bei Ostritz in langen Kurven an Höhenmetern gewinnt, ist aus der Schräglage linker Hand die böhmisch-barocke Pracht des Zisterzienserklosters Marienthal zu bestaunen. Hinter seinen Mauern entstand die Idee der Modellstadt Ostritz-St.Marienthal, deren 3500 Einwohner ihren Energiebedarf allein durch Biomasse- und Kleinwasserkraftwerke, Solar- und Windenergie decken. Währenddessen qualmen ein Steinwurf entfernt die Schlote des polnischen Großkraftwerks Trzcieniec unverdrossen weiter. Der Tagebau läuft dort noch auf vollen Touren.Die Hügel werden im Westen nun allmählich höher und statt der Kilometerfresserei auf dem Zittauer Highway lockt nun ein gemütlicher Schlenker über Wittgendorf und Oberseifersdorf. Der Verkehr wird zusehends geringer und bald verabschieden sich auch noch die letzten Häuser im Rückspiegel. Zwischen weiten Maisfeldern kurve ich gen Süden, fast überrascht vom ersten Blick über die knapp 500 Meter hohen, nahezu parallel verlaufenden Gebirgszüge des Oberlausitzer Berglandes. Ganz im Südosten, ins Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien gebettet, liegt das Zittauer Gebirge. Die Oberlausitz scheint sich dort noch mal zu einer Art Minigebirge zu komprimieren, mit steil aufragenden Gipfeln und eng geschnittenen Tälern. Es ist das kleinste Mittelgebirge Deutschlands. Hinter Zittau verliert sich die Fahrbahn fast in dichtem, dunklen Mischwald und vollzieht abenteuerliche Schlenker um die nun zunehmend aufragenden roten Sandsteinfelsen. Wunderlich geformt wie versteinerte Figuren in einem Zauberwald, geben der Baghira ein neues Aktionsfeld. Bei Jonsdorf werden es immer mehr, manche Felsen thronen wie Riesenmurmeln mitten im Dorf, andere formen ein skurriles Figurenkabinett entlang der Jonsdorfer Mühlsteinbrüche, Skulpturen in Tisch-, Orgel, Löwen- und gar Bernhardiner- und Mausefallenform. Ich bin im Herzen des Zittauer Gebirges angelangt. Rundum schmucke Umgebindehäuser in traditioneller Lausitzer Bauweise. Da sich Kultur nicht um Schlagbäume schert, hat sich in der Oberlausitz der typisch slawische Blockbau ins Dorfbild gemogelt. Perfekt restaurierte Fachwerkkonstruktionen schmiegen sich um Wohnblocks wie locker gebundene Stützkorsetts, Gärten mit überquellender Blumenpracht davor und dahinter. Alles scheint, als warte es nur auf einen Schönheitswettbewerb. Er wohne auch in einem Umgebindehaus, erzählt der Wirt des Hotels »Zum Berg Oybin«, da gäbe es gar keine Alternative. Schließlich gehöre ein Umgebindehaus zur südlichen Oberlausitz wie der Sandstein ins Zittauer Gebirge. Nebenan ein kleiner Bahnhof, der mit seiner Wild-West-Romantik nicht recht hierher passt. Gerade dampft die »Zittauer Bimmelbahn« heran, eine Schmalspurbahn mit Märklinflair, die seit 1890 in bedächtiger Fahrt zwischen Zittau, Jonsdorf und Oybin verkehrt. Im Hintergrund der wohl populärste Fels des Gebirges: der Oybin. Bullig und wetterzerfurcht ragt er 513 Meter in die Höhe. Auf seinem sagenumwobenen Gipfel thronen die Ruinen einer Burg- und Klosteranlage, die schon Caspar David Friedrich animierten, hinaufzukraxeln und den Anblick für die deutsche Romantik zu aquarellieren. Der Frühnebel hängt noch in den Tälern, als ich am nächsten Morgen zum Hochwald aufbreche - mit 749 Höhenmetern einer der Großen im Zittauer Gebirge, das sich nach Süden hin mit dem nordböhmischen Luzické hory - dem Lausitzer Gebirge – scheinbar nahtlos fortsetzt. Doch schon bald beendet in Lückendorf ein Schlagbaum den Südkurs. Dahinter verschwindet schmal und verlockend die Gabeler Straße - nach einer abrupten Namensänderung in Lückendorfskà Silnice - in den Wäldern: »Wanderweg Lückendorf - Petrovice« steht auf einem grünen Schild, »passieren der Staatsgrenze gestattet für Fußgänger, Rad-, Ski-und Rollstuhlfahrer, die den Reisepaß mitführen.« Da es aussichtslos erscheint, die Baghira entsprechend umzudeklarieren, drehe ich zum 13 Kilometer entfernten Kfz-Übergang bei Zittau ab. Die weibliche Zollkontrolle gibt sich kniefrei und figurbetont, als fänden hier gerade die Dreharbeiten für den neuesten James-Bond-Streifen statt. Nur das Filmlächeln will sich nicht einstellen - sie bleibt unbewegt, als wäre sie in Stein gehauen. Unter den nicht minder starren Blicken einer hinter der Grenze feilgebotenen Gartenzwergkolonie starte ich durch. Bis zum nächsten Schlagbaum. Für den Blick auf die Karte ist es zu spät, also erlaube ich mir Frage, in welches Land ich denn jetzt einreise? Tschechien. Demnach war das vorher Polen. Ziemlich umständliche Routenführung. Doch als ich bei Hradek auf die schmale Landstraße nach Rynolitice abbiege und auf Motorradstrecken der Güteklasse A durch die böhmischen Wälder jage, fühle ich mich für den Zeitverzug mehr als entschädigt. Andere Verkehrsteilnehmer tauchen kurz auf der N 13 auf, nach der Abfahrt bei Hermanice herrscht wieder Funkstille. Verträumte Grenzdörfer ziehen vorbei, unvermittelt lugt eine Barockkirche aus dem Dickicht, dann umfängt mich wieder der Wald.Varnsdorf kommt ins Blickfeld und die ersten Wirtshäuser. Es muss einfach sein: Böhmische Knödel mit Fleisch und Sauce. Interessiert erkundigt sich der Wirt nach meiner Reiseroute. Dass die Antwort nicht Seifhennersdorf - Varnsdorf - Seifhennersdorf lautet, freut ihn ungemein. Die meisten Besucher kämen nur, um billig zu essen und einzukaufen, erzählt er. Kein Wunder - die Knödelorgie plus Cola kostet umgerechnet gerade mal sechs Mark. Nebenan beim Vietnamesen gibt’s zu Schleuderpreisen Zigaretten, Alkohol und kopierte Designerklamotten. Im Pulk der Schnäppchenjäger fahre ich bei Seifhennersdorf wieder nach Deutschland und weiter nach Großschönau. Vor dem Veteranen-Museum flitzt ein Motorradfahrer aus der Seitengasse - nicht auf, sondern neben seiner Maschine und keuchend bemüht, die betagte Emme zum Leben zu erwecken. »Bin halt mehr für älteres Zeug«, erklärt Markus später mit einem Seitenblick auf die Baghira, und bis auf die paar Startprobleme sei seine eigenhändig restaurierte Militärmaschine ja auch echt zuverlässig. Bald füllen sich die engen Gassen mit klapperndem Motorengeräusch, und Markus pöttert triumphierend vorneweg zur alten Fabrikhalle, wo der MC Robur Zittau auf zwei Etagen Motorrad-Sammlerstücke präsentiert. Darunter Leckerbissen wie die Megola Sport von 1923 mit Fünf-Zylinder-Sternmotor. »Die werden gepflecht die alten Dinger und loofen alle noch.« Nur noch knapp 20 Kilometer bis zum 583 Meter hohen Kottmar, an dem die höchste der drei Spreequellen entspringt. Richtung Bautzen folge ich dem jungen Fluss durch Ebersbach, Neusalza-Spremberg, Taubenheim, Schirgiswald.... - die Dörfer nehmen kein Ende, an Tempo ist nicht zu denken. »Großpostwitz – Budestecy« – ein zweisprachiges Ortschild weckt mich wieder auf. Hier beginnt das Siedlungsgebiet der Sorben - das kleinste slawische Volk und vermutlich sogar das kleinste Europas. 40000 von ihnen leben heute in Sachsen, 20000 im benachbarten Brandenburg. Nie hatten sie im Laufe ihrer über 1000-jährigen Geschichte einen eigenen Staat. Bald ist Bautzen - BudyŠin erreicht, das kulturelle Zentrum des Volksstammes und mit 17 wuchtigen Türmen eine Art mittelalterliches Manhattan. Durch die schmale »Tachantska hasa«- die Domgasse - knattere ich zum Hauptmarkt, wo das Rathaus mit digitaler Leuchtschrift noch 890 Tage bis zum 1000-jährigen Jubiläum vorrechnet. Weit weniger fundierte Angaben sind über die Mitbegründer der Stadt zu erfahren: »Sorben? Keine Ahnung. Vielleicht im Volkstheater?« überlegt achselzuckend die Bedienung im Café Stadtwaage. Bautzen sei zwar aus historischer und verwaltungstechnischer Sicht das Zentrum der Sorben, erklärt man später bei der Sorbeninfo schräg gegenüber, aber die Bräuche Volks würden nur noch in den Dörfern gepflegt. Nördlich von Bautzen entdecke ich etwas davon. In einer kleinen Kneipe, auf Schwarzweißfotos, die Osterreiter in Frack und Zylinder zeigen, Kreuz und Kirchenfahne in den Händen. Nein, die seien nicht vor hundert Jahren aufgenommen, lacht der Wirt, die Prozessionen fänden jedes Jahr statt. Er führt mich hinter die Gaststätte, wo eine ältere Frau in kunstvoll geschneiderter Tracht und Spitzenhäubchen gerade Heu wendet. »Ohne das Häubchen fühle ich mich wie ausgezogen«, gesteht sie lachend. Ihre Nachbarin sieht das nicht anders, bedauert, dass die Jüngeren die Tracht nur noch bei Festen trügen. Nicht mal traditionelle Schneiderinnen gäbe es mehr. »Die alte Zeit ist eben vorbei«, konsterniert die 80-jährige, »wir waren die letzten«.Nachdenklich marschiere ich zum Parkplatz. Ein kleines Volk, das sich über Sprache und Brauchtum definiert, demonstriert dem Rest der Welt, dass Identität nicht auf einer mit Waffengewalt gesicherten Staatsgrenze basieren muss. Ich fahre nach Westen, und irgendwann werden die Ortsschilder wieder einsprachig - ohne dass ein Schlagbaum die Weiterreise unterbricht.

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