Zugspitze (2)

Foto: Eisenschink
Die Infrastruktur ist perfekt, die Eile, mit der ich einer größeren Reisegruppe zur Eibsee-Seilbahn folge, völlig unbegründet. Allein von deutscher Seite können stündlich 700 Personen zum Gipfel der Zugspitze fahren. Joseph Naus würde über derartige Menschenmassen staunen. Wer heute Ruhe in der Bergen sucht, sollte ein anderes Ziel anpeilen. Die Kabinen-Schaffnerin schließt die Tür, die Leichtmetall-Gondel surrt bergwärts, mit zehn Metern pro Sekunde. Das bedeutet konkret: In knapp neun Minuten Fahrtzeit legt sie eine Strecke von etwa fünf Kilometern sowie 2000 Höhenmeter zurück. Papiertüten liegen griffbereit. Der Eibsee erscheint im Panoramafenster, Grainau, Garmisch-Partenkirchen, das ganze Voralpenland. Als ich mich zur Abwechslung einmal umdrehe, saust die 1300 Meter hohe Felswand des Zugspitz-Nordabbruchs heran. Schluchten, Spalten, Fels, Eis – bald nur noch eine gute Armlänge von der Scheibe entfernt. Kurz vor dem drohenden Crash ändert die Kabine die Fahrtrichtung, fährt wie ein Lift senkrecht nach oben und dockt an.

Die Gipfelstation ist erreicht. Von dem erwarteten Eigentlichen, der Zugspitze, fehlt jede Spur. Stattdessen: ein vierstöckiges Bahnhofsgebäude aus Glas, Aluminium, Stahl und Beton. Internationale Beschilderung sorgt für schnelle Orientierung: "Post Office", "Phone", "Exhibition Hall". Auf dem Weg zum "View Point" lassen sich gleich diverse, anscheinend obligatorische Höhenrituale absolvieren: ein Päckchen Zigaretten aus Deutschlands höchstem Automaten, ein König-Ludwig-Dunkel in Deutschlands höchstem Biergarten, Deutschlands höchste Klobrille und das höchst gelegene Internetcafé im Land. Eigentlich schade, dass die BMW nicht dabei sein kann. "Kann schon", erklärt Hansjörg, der Wirt vom Münchner Haus – Deutschlands höchster Hütte. Erst kürzlich – "ich hab’ gedacht, ich spinn’" – habe man zu PR-Zwecken acht japanische Motorräder mit der Tiroler Seilbahn hier hochgebracht. Ein Coup der Extraklasse und ein Traum für jeden Werbefotografen: Bei so klarem Wetter wie im Moment erscheint selbst die Kulisse des Fudschijamas kaum eindrucksvoller. 400 Alpengipfel aus vier Ländern liegen unter stahlblauem Himmel aufgereiht. Ganz nah der noch unbebaute Ostgipfel der Zugspitze – 2961 Meter über dem Meer! Seine neun historischen Motorräder der Marken DKW, BMW, Harley und Victoria stünden unten im Tal, bedauert Hansjörg, während er seinen Gästen Weißwürste serviert. Restauriert wird nach der Saison oder bei schlechtem Wetter. Dann fährt er mit der Seilbahn runter, frickelt – und hofft, dass es schlecht bleibt. Beim ersten Sonnenstrahl gondelt er wieder nach oben.
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Foto: Eisenschink
Am späten Nachmittag zurück im Tal, herrschen hochsommerliche Temperaturen. Mit offenem Visier cruise ich durch die beiden historischen Ortskerne von Garmisch-Partenkirchen und so nah wie möglich an die Zugangstäler des Zugspitz-Massivs heran. Das Reintal mit der Partnach, das Höllental mit dem Hammersbach. Ein Eldorado für Wanderer, die von dort kreuz und quer durch das Wettersteingebirge ziehen können. Für Motorradfahrer gibt es dagegen nur eine Option: einmal um den gesamten Felsklotz herum. Am nächsten Morgen brummelt der Rotax-Einzylinder zurück nach Mittenwald und weiter in Richtung Leutaschtal. Die Isar taucht auf, und erst bei Unterkirchen weitet sich das Tal, der Blick trifft auf die sonnenbeschienenen Zacken des Wettersteingebirges. Gleich gegenüber – die Konkurrenz scheint noch zu schlafen – das Karwendel in diffusem Dämmerlicht. Allmählich wird es wärmer, und während die BMW ganz allein auf der Strecke von Lichtfleck zu Lichtfleck über die Straße rauscht, stellt sich bei mir ein Hauch von Expeditonsfeeling ein. Absurd. Schließlich gibt’s die Runde um Zugspitzmassiv und Wetterstein für Bustouristen bereits als Kaffeefahrt. Richtung Leutasch kommt ein weiteres Gebirge in Sicht: das Mieminger, südlicher Nachbar des Wetterstein. Zwischen den beiden zweigt das autofreie Gaistal nach Ehrwald ab, geradeaus geht es weiter nach Telfs. Schade. Insgeheim hatte ich auf eine fahrbare Querverbindung zur Zugspitze gehofft, doch an die ist von hier aus ähnlich schwer ranzukommen wie an die Queen im Buckingham-Palast.

Nun denn. Nach Süden hin führen lang gezogene Serpentinen den Berg hinab, und als ich Gas gebe, verwischt das Mieminger Gebirge im Augenwinkel zum diffusen Felsgebilde. Na also. Könnte genauso gut das Zugspitzmassiv sein. Und im Prinzip zählt jetzt nur noch eins: nur nicht den Schwung verlieren. Telfs, Holzleiten Sattel, noch zwei Kilometer bis Nassereith. Eine Kawasaki ZX-9R – Codename "Ninja" – nimmt die Verfolgung auf und bügelt kreischend an mir vorbei. Ich blinke rechts. Abzweig Dormitz. Für mich ist fürs erste Schluss mit der Kurvenhatz. Dormitz, heute Ortsteil von Nassereith, ist die älteste Siedlung weit und breit. Tiroler Bauernhäuser, deren Holzbalkone und Fenster üppig mit Geranien behängt sind, prägen das Bild des Dorfes, dahinter baut sich der schneebedeckte Wannig auf. Ein Brunnen plätschert, ansonsten ist es still. Zur Römerzeit ging es hier hektischer zu. Mitten durch Dormitz verlief die Via Claudia Augusta, zu Zeiten von Nero & Co. der wichtigste Transitweg über die Alpen. Schon damals führte die Route über den 1209 Meter hohen Fernpass, etwa dort, wo heute die B 314 verläuft. Und schon damals kamen die Reisenden nur schleppend voran. Geduldig überhole ich einen Teil der Blechkarawane, die kurz hinter Nassereith in Serpentinen den Berg hochschleicht.

Auf der Fernpasshöhe der Shop: "Culinarium Via Claudia Augusta" – Leckereien in Anlehnung an die alte römische Reichsstraße. Es gibt Speck, Wein, Edelbrände, Öl und – die Römer würden Augen machen – Müsliriegel. Von Deutschlands Spitze ist bis auf einen halb verdeckten Zacken von der Passhöhe aus nicht viel zu sehen. Zwei Ecken weiter, am Rastplatz "Zugspitzblick", ist die Aussicht schon besser. Im Tal schimmert blaugrün der Blindsee, in der Ferne erhebt sich der Berg. Über dessen genaue Höhe kursieren noch immer unterschiedliche Angaben. Zumindest auf den Postkarten. Die Zahlen schwanken zwischen 2950 und 2968 Meter. Biberwier, Ehrwald, Obermoos. Die Hauptroute liegt hinter mir, das Fahren ist entspannt, die Aussicht auf die Zugspitze genial. Unwichtig, ob sie nun ein paar Meter höher oder niedriger ist. In Österreich, wo man zum Ärger der Bayern die erste Zugspitz-Seilbahn errichtet hat, macht man um den Fast-Dreitausender eh keinen allzu großen Wirbel. Das eine oder andere Zugspitzhotel ist zu sehen, eine Zugspitz-Apotheke und ein Plakat vom FC Tiroler Zugspitze. Top of Germany ist halt nicht Österreichs höchster Berg, sie zählt dort nicht mal zu den Top Ten. Egal. Mich fasziniert trotzdem das abendliche Alpenglühen, das ich vom Motorradsattel aus betrachte. Schließlich rausche ich zurück nach Garmisch-Partenkirchen, begieße die Zugspitz-Umrundung mit einem in der Nähe gebrauten Weißbier und bereite mich auf die bevorstehende Bergwanderung vor.

Um acht Uhr früh geht’s los. Noch schnell ein "Hammersbacher Hexenbrot" in der Hammersbacher Hütt’n, dann am Höllenbach entlang den Berg hinauf. Auf 1045 Meter Höhe die Eingangshütte zur Höllentalklamm. Mein Geruchssinn registriert den Duft von Blaubeerpfannkuchen, meine Beine wollen plötzlich nicht mehr. Hüttenwirt und Klammwart Walter hat leicht grinsen. Dank Ausnahmeregelung legt er den größten Teil der Strecke mit seinem "Hüttenfahrzeug" zurück – einer 20 Jahre alten Yamaha XT 250. Ein paar Schritte weiter würde es selbst mit einer Trial-Maschine anstrengend: Treppen, Brücken, Galerien sowie Bergwerkschächte. Der Höllenbach tost durch die enge Klamm, führt alles mit, was beim Aufstieg vom Weg abgekommen ist: einen Schal, eine Schirmmütze, einen Wanderstock. Höllentalangerhütte, 1379 Meter Höhe. Die Schneezone ist erreicht. Ich nehme einen Schluck aus der Thermoskanne und betrachte ratlos die Steilwände ringsum. Zum Glück weiß der Hüttenwirt, wie’s Richtung Zugspitze weitergeht: "Do fieri, rechts aufi über die Hühnerleiter, links ummi unterm Brett durch, dann noch übern Gletscher und schon sans oben." Reinhold Messner wäre sofort im Bild. Ich hingegen sehe nur eine unüberwindbare Felswand und hier und da Schnee und Eis. Für mich ist hier Endstation. Also zurück. Als ich nach einigen Stunden wieder auf der BMW sitze, wird plötzlich klar, wie himmlisch bequem ein Motorrad ist. Nahezu schwerelos gleite ich nach Norden. Ettal, Oberammergau, dann quer rüber zum Riegsee. Ein letzter Blick zurück. Die Alpenzacken sind in dunkle Wolken gehüllt, und kurz darauf fängt es zu nieseln an. Oben auf dem Zugspitz-Gipfel pfeifen Hansjörg, dem Wirt vom Münchner Haus, bestimmt längst heftige Sturmböen über den Kopf hinweg – sofern er nicht die letzte Bahn hinunter genommen hat und bei seinen Motorrädern in der Garage sitzt.

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