25.04.2008 Von: Phillipp Mayrhofer
Erschienen in: 10/ 2008 MOTORRAD

Armenien Letzte Ausfahrt Kaukasus

Eine Reise nach Armenien bedeutet Europa zu verlassen, aber Asien noch nicht erreicht zu haben. Alles ist anders, doch einsame Berglandschaften, herzliche Menschen und spektakuläre Motorradstrecken sorgen für unvergessliche Erlebnisse.

Kaukasus Armenien

Eine Reise nach Armenien bedeutet, Europa verlassen zu haben, aber Asien noch nicht erreicht zu haben.  

Foto: Bragert  

Es wird dunkel mitten im Kaukasus. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, nicht mehr nachts zu fahren. Aber es geht nicht anders, Magali und ich müssen noch heute über die Grenze nach Armenien. Ein Land, das mich schon lange fasziniert. Topographisch zerfurcht und historisch zerrissen zwischen türkischen und russischen Mächten, musste dieses Fleckchen Erde schlimme Rückschläge überstehen: den Völkermord durch die Türken nach dem Ersten Weltkrieg, die Teilung des Landes 1920 in einen türkischen und einen sowjetischen Teil. Und dann das Erdbeben 1988, von dem sich Armeniens Infrastruktur bis heute nicht wirklich erholt hat. Im August 1991 endlich die Unabhängigkeit.

Während ein ums andere Mal der Federweg unserer Enduro von Schlaglöchern aufgezehrt wird, rufe ich mir in Erinnerung, was ich darüber hinaus über Armenien gehört habe: Schön soll es sein, seine Menschen gastfreundlich. Und tolle Motorradstrecken soll es geben.

Die Grenzbeamten schlafen noch nicht. Der Exotik-Faktor zweier halberfrorener Europäer auf einem orangefarbenen Motorrad wirkt, und sie winken uns freundlich neben einer langen Schlange aus Ladas, Lastwagen und 80er-Jahre-BMW vorbei.

Nach der Grenze geht es im Blindflug durch rabenschwarze Nacht, bis Alaverdi erreicht ist. Der Anblick eines Hotels gibt uns Hoffnung. Ein sowjetischer, neunstöckiger Betonblock, kein fließendes Wasser, dafür Wasserkübel in jedem Raum, mit denen man die Toiletten spülen könnte, wären diese nicht hoffnungslos verstopft. Anstelle eines Fensters wird nur ein Vorhang geboten, das Raumklima ist äußerst zugig.

Weitere Informationen:

Infos

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Herrliche Ausblicke bietet die Piste nach Goris.  

Foto: Bragart  

Nach überstandener Nacht lacht die Sonne ins Zimmer, und vom geländerlosen Balkon können wir zum ersten Mal Armenien bei Tage betrachten. Eine reizvolle, von Canyons durchzogene Hochebene macht Lust auf die Weiterreise. Irgendwo in der Nähe müssen die mittelalterlichen Klöster Sanahin und Haghpat liegen. Der Hotelportier weist uns eine Abkürzung, die an Bauernhöfen vorbei zum Ziel führen soll. Dann begleitet er uns zu unserer KTM, die er nachts nicht nur bewacht, sondern vom Staub der letzten Wochen gereinigt und blitzblank poliert hat ...

Armenische Klöster bestechen durch die stimmungsvollen, moosbewachsenen Steinmauern und Steinböden. Wie in manchen katholischen Kirchen wurden berühmte Persönlichkeiten im Hause selbst begraben. Da in Sanahin und Haghpat über tausend Jahre viele berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, steigt man hier permanent auf Grabstellen herum. Wenn wir die Gravuren auf den reich verzierten Grabdeckeln richtig deuten, befinden sich auch Frauen und Kinder unter den Toten. Kein Wunder, dass die sehenswerten Klöster vor einigen Jahren von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Meine Beifahrerin Magali führt ein angeregtes Gespräch mit einer Nonne, ich nutze die Zeit, um unsere Hinterradbremse zu reparieren, die immer mehr an Biss verloren hat. Vergeblich. An der nächsten Tankstelle erkundige ich mich nach einer Werkstatt. Der Tankwart denkt angestrengt nach und meint, vielleicht gäbe es eine Chance in der Lastwagenwerkstatt von Alaverdi, gleich neben einem alten Hotel aus der Sowjetzeit, wo wir aber auf gar keinen Fall absteigen sollten.

Hinter einem schlammigen Parkplatz voller Autokadaver finden wir die Werkstatt. Der Anblick eines Motorrads erweckt so großes Erstaunen, dass ein ranghoher Polizist zur Begutachtung herbeizitiert wird. Der Polizist verschwindet in der Werkstatt und kommt mit einer Flasche und ein paar Gläsern zurück. Als ob hier jede Woche eine KTM mit defekter Bremse vorbeikäme, zerlegen die Mechaniker den Bremszylinder und diagnostizieren einen kaputten Dichtring. Nach weniger als drei Gläsern Wodka ist ein passender Ersatz gefunden, der von einer Landwirtschaftsmaschine stammt. Bezahlen dürfen wir die Reparatur nicht, doch sei angesichts des soeben genossenen Alkohols und der Anwesenheit des obersten Dorfpolizisten an eine Weiterfahrt heute nicht mehr zu denken.

Wir werden eingeladen und brechen am nächsten Morgen zeitig auf, denn zwischen Alaverdi und dem Sevan See locken wunderschöne Strecken durch das kaukasische Vorgebirge. Die Pässe, die sich teilweise auf über 2000 Meter hinaufschlängeln, erinnern an norditalienische Bergstrecken, Laub- und Nadelwälder wechseln mit saftigen Wiesen, und eigentlich ist man überrascht, auf den Parkplätzen hinter den Spitzkehren nicht auf Transalp-Fahrer aus Dortmund oder Detmold zu stoßen.

Der Sevan See ist so etwas wie das Rimini Armeniens. Auf 1900 Metern gelegen, kann er indessen eher selten strandurlaubsfähige Temperaturen bieten. Dafür weht an der schön ausgebauten Straße entlang des Sees ein so starker Seitenwind, dass wir zum Schrecken der dort schlafenden Kühe alle paar Meter auf den Pannenstreifen geblasen werden. Die Strände und Hotels sind verlassen, nur eine Handvoll Paddelboote und ein zerrissenes Beachvolleyball-Netz deuten darauf hin, dass es auch hier irgendwann so was wie Sommer gibt.

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Bei Reparaturen ist nicht nur Zuschauen angesagt, sonder auch große Hilfsbereitschaft.  

Foto: Bragart  

40 Kilometer südlich des Sees liegt Eriwan, die armenische Hauptstadt, die mit ihrer Schönheit überrascht. Nicht wie Paris oder Venedig, dafür sind die Gebäude zu schmucklos. Aber dennoch einladend, mit vielen Parks, Cafés, Terrassen und ein paar Geschäften, die bei meiner Sozia einen Shopping-Trieb auslösen. Weil der Fall der Sowjetunion nicht nur die großen Massen der Bevölkerung frei, sondern einige Bürger auch sehr reich gemacht hat, fahren auf Eriwans Straßen entweder schrottreife Ladas oder Porsche Cayennes.

Während sich Magali in die Auslagen eines Schuhgeschäfts vertieft, entdecke ich auf der anderen Straßenseite einen Motorradladen. Eine Sensation. Das einzige Motorrad, das wir in den letzten Wochen zu Gesicht bekamen, war eine für den Transport von Wassermelonen umgebaute Ural.

Der Manager des Geschäfts will uns mit seiner Enduro die besten Pisten der Umgebung zeigen. Eine großartige Idee. Nach der ersten Kreuzung muss ich feststellen, dass der Herr schneller fährt als ich. Nach der zweiten, dass er besser fährt, und nach der dritten, dass ich hinter ihm herfahrend nicht lebend zurückkehren würde. Aber da habe ich ihn schon aus den Augen und bei meiner Sozia an Respekt verloren ...

Zur Wiedergutmachung rollen wir entspannt nach Echmiadzin mit seiner großen, orthodoxen Kloster-Anlage, Sitz des Oberhauptes der armenischen Kirche. Sehenswert, nicht zuletzt, weil die Geistlichen, mit ihren schwarzen Mänteln und zu großen Kapuzen wie kleine Darth Vaders über das Klostergelände schweben.

Auf dem Rückweg in die Hauptstadt überholt ein rostiger Wolga und hält uns an. Heraus steigt Pascal, ein ausgewanderter Franzose und ehemaliger Enduro-Rennfahrer. Er lädt uns zu einem wohlschmeckenden Mittagessen bei seiner Familie ein und erklärt, er plane den Bau eines Motorradhotels und wolle geführte Touren anbieten. Da wir schon das zweite Motorrad sind, dass ihm dieses Jahr begegnet, glaubt er an einen Trend zu Motorradreisen in Armenien.

Wir verabschieden uns und fahren Richtung Süden, dem Berg Ararat entgegen. Der spektakulär aus der Hochebene aufragende, über 5000 Meter hohe Riese ist das Wahrzeichen des Landes, obwohl er nicht in Armenien, sondern auf türkischem Gebiet liegt. Laut einer bibeltreuen Legende birgt er die Reste der Arche Noah. Wer den Ararat besteigen möchte, muss aufgrund der historischen Streitigkeiten einen weiten Umweg über Georgien in Kauf nehmen und von dort in die Türkei einreisen.

Wir möchten uns lieber weitere Geheimnisse der Region erschließen. Die Gipfel Berg-Karabachs zum Beispiel. Mittlerweile ist Berg-Karabach eine eigenständige Republik, die international allerdings nicht anerkannt wird. Doch sie soll schön sein, und das zieht uns magisch an. Wir machen uns auf den Weg dorthin, nehmen aber aus Armenien eine wichtige Erkenntnis mit: Alle politischen Machtansprüche und einengenden Staatsgrenzen können nichts ändern an der Weite im Herzen der Menschen im zentralen Kaukasus.


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