22.12.2011 Von: Thorsten Dentges
Erschienen in: 01/ 2012 MOTORRAD

Unterwegs: Indien Auf Royal Enfields durch Südindien

Sie heißen Bumper, Speed Breaker oder Rumbler und sind in Südindien weit verbreitet. Die Asphaltbuckel lassen es rumpeln, doch so werden Raser zu Reisenden und Motorradfahrer zu Königen der Landstraße. Ein Bericht über eine Entschleunigung.

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Offizielle Statistiken gibt es nicht. Dafür aber verlässliche Zählungen. Im Schnitt ein Mal pro Kilometer rumpelt es im Gebälk, denn auf südindischen Straßen schmeißt sich andauernd eine entsprechend modulierte Asphaltaufwerfung in den Weg, die nur einen Zweck verfolgt: dich zu entschleunigen. Die Federung der Enfield geht dann auf Block, ihr Fahrer sollte besser aus dem Sattel gehen, bei Tagesetappen von 250 Kilometern fühlt es sich ansonsten genauso an, als bekäme man 250-mal einen kräftigen Tritt in den Hintern. Nicht angenehm. 250-mal aus dem Sattel zu gehen, 250-mal auf und ab für Knie und Oberschenkel, das ist allerdings auch eine Pein. So oder so, am Ende des Tages weiß man, was man getan hat und sinkt bleischwer in die Kissen. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 45 km/h gilt als flott, ein Tempo, mit dem normalerweise Offroader unterwegs sind. Natürlich zeigt der Tacho ab und zu auch mal 100 Sachen und mehr an, was aus einem Zylinder und 25 PS halt rauszupressen ist. Und selbstredend finden sich auch genügend Abschnitte und Straßen, die über weite Strecken ungestörten Fahrspaß bieten, wie etwa der beschwingte, mit vielen Kurven angereicherte Aufstieg ins Hochlandgebiet Western Ghats bei Amboli. An anderen Stellen verdichten sich hingegen die Rumbler, die es in spitzkegeliger, halbrunder oder waschbrettartiger Ausführung gibt, im Metertakt.

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Royal Enfield  Indien 

Kurzum: Heizer haben in Indien keinen Spaß am Motorradfahren. Diejenigen, die sich mit den Rumblern, Bumpern und Speed Breakern - oder wie sonst sie in der jeweiligen Provinz auch bezeichnet werden - abfinden können, haben auf einer Enfield hingegen ein ungeahntes Reiseerlebnis. Zumal die Geschwindigkeitsbrecher für Motorradfahrer bis auf schon beschriebene körperliche Anstrengungen nur Vorteile bieten. Kommt etwa von hinten ein kraftstrotzender Geländewagen herangenaht, der einen drängelnd überholt, sich frech vors Vorderrad platziert, um danach seine wilde Jagd fortzusetzen, dann freut man sich schon auf den nächsten Asphaltbuckel. Bremsen müssen dort nämlich alle, und Lastwagen, Busse, Kleinwagen, Kutschen, Karren stauen sich auf. Motorradfahrer passieren am Seitenrand oder auf der (hoffentlich freien) Gegenspur die Ausgebremsten, sind subito wieder weg vom Fleck und bis zum nächsten Bumper kaum einzuholen. Schönes Katz-und-Maus-Spiel - zumindest für den Enfieldpiloten mit seiner 180-Kilo-Maschine.

Es gibt viel zu sehen und entdecken wenn man auf einer Enfield durch Südindien fährt. Eine Foto-Show über eine Entschleunigung.

Foto-Show der Reise durch Süd-Indien.  

Bis vor rund 15 Jahren durften in Indien übrigens Motorräder nicht schneller als die Polizei sein, und die fuhr Enfields. Die Bullet galt also als „das“ Geschoss und ist es trotz veralteter Technik eigentlich immer noch. Beim Tourstart in Assagao im nördlichen Goa sind die Teilnehmer noch etwas skeptisch. Diese Oldies sollen die nächsten zehn Tage sicher und gut durchs Land führen? Sie führen gut, wie schon die erste Probefahrt von nur rund 60 Kilometern zum Traumstrand von Arambol beweist. Vorbei die Zeiten, als noch mit vier Gängen rechts geschaltet wurde, die vordere Bremse eher zur Zierde diente und der Kickstarter so manchen in den Wahnsinn trieb. Vor allem im dichten Stadtverkehr, wenn die Karre absäuft.

Die aktuellen Leih-Bullets indes fahren sich wie vernünftige Mittelklassemotorräder aus den 1980ern. Tourguide Martin hatte zudem eine theoretische Einführung gegeben, singend in Form des „Enfield-Blues“, einer Eigenkomposition mit Gitarrenbegleitung: „... aber wenn sie denn mal läuft, dann hat man seine Freud, und erzählt’s dann nachher alle Leut, dass man sogar in Indien war und hat dort so manche tolle Dinge erfahren.“

Indien_Royal_Enfield_Motorradreise_140 (jpg)

Landeinwärts im urtypischen Karnataka gehen die Uhren indes noch anders.  

Foto: Dentges  

Der Süddeutsche lebt seit mehr als 30 Jahren in der südindischen Provinz und Aussteigerenklave Goa. Der kleinste indische Bundesstaat (zirka 3700 Quadratkilometer) ist mit gut 100 Küsten-kilometern für Erholung suchende Indienreisende ein Paradies. Palmenstrände, günstige Übernachtungsmöglichkeiten, geringe Alkoholsteuern, große kulinarische Vielfalt, herrührend noch aus der Kolonialzeit, als die Portugiesen diesen Landesteil besetzten. Anders als bei strenggläubigen Hindus findet sich in Goa auch Rindfleisch auf dem Teller wieder, obwohl die Kuh gemeinhin als heiliges Tier gilt. Insbesondere wegen des reichhaltigen Angebots an Fisch und Meeresfrüchten (King- und Haifisch, Barrakuda, Red Snapper, Garnelen und mehr) lohnt die Reise nach Goa, und Tourguide Martin führt die Teilnehmer deshalb auch gleich zu Beginn an einen seiner Lieblingsplätze in der Arambolbucht. Das „Beach & Bike“-Konzept kommt gut an, erst Staub fressen auf der Landstraße, dann im warmen Meerwasser der Arabischen See baden, herrlich!

Das finden auch viele Pauschalurlauber, die in erster Linie zum Partymachen nach Goa kommen und sich bei einem der vielen Vermieter einen Motorroller oder ein Motorrad ausleihen. Doch auf Enfield sind nur wenige unterwegs, schließlich sind in Indien die Maschinen bei der aufstrebenden Mittelklasse längst Kult, und Wartezeiten auf Neumaschinen von einigen Monaten üblich, sodass die Bike-Vermieter lieber andere (kleinere und billigere) Moppeds anbieten. Den Partytouristen ist das ohnehin egal, genau wie die eigene Sicherheit. Junge russische Bikinischönheiten, deren flächendeckendstes Bekleidungsstück eigentlich die Sonnenbrille ist, liegen mit komplett zugepflasterten und in Verbandszeug eingewickelten Armen und Beinen am Strand. Beim nächtlichen Nachhauseweg von der Disko wohl einen Speedbreaker übersehen? Aua.

Doch kaum verlässt man die Provinz Goa kurz hinter Arambol in Richtung Maharashtra, beginnt das echte Indien. „Ja, in dem Land, da gibt es viel zu schauen, aber manchmal kommt einem schon das Grauen. Die Bettler und der viele Dreck, das haut dich ganz schon weg vom Fleck [...] die Küh, die laufen auf der Straße, und wenn sie stehen, dann hast überhaupt keine Chance, und scheißen tun sie mittenrein, fährst da rein, hast die Sauerei. Und am Kittel und der Hos, da hast die braune Soß. Das sind Erfahrungen, die muss man einfach machen, da kannst‘ dann später viel besser drüber lachen [...]“ Martin kennt das. Die Teilnehmer hingegen tasten sich noch vorsichtig an die fremden Verhältnisse heran. Das mit den Speed Breakern ist nun klar, die Enfield tuckert gemütlich mit sonorem Klang vor sich hin, und die Sonne geht langsam über dem Meer unter. Klischeeromantik, doch es fühlt sich verdammt gut an. Die Ergonomie der Enfield weniger. Da passt ja gar nichts! Kniewinkel seltsam, Lenkerkröpfung offenbar sehr alte Schule, und beim Fußbremsen ist der Kickstarter im Weg. Was hingegen sofort wie angegossen passt, ist der Hupenschalter. Intuitiv liegt der Daumen immer an richtiger Position, und das ist auch enorm wichtig, denn wer in Indien nicht kräftig mithupt, sollte besser gleich zu Hause bleiben. Hupen bedeutet nicht: „Achtung, Gefahr!“ oder gar „Weg da, du Idiot!“ wie in unseren Breiten. Nein, das Hupen gilt in Indien als freundliche Ankündigung: „Hallo, hier komme ich. Bitte nicht erschrecken. Platz machen wäre übrigens auch noch ganz nett.“ Etwas irritierend, aber spätestens nach ein, zwei Stadtdurchfahrten hat man es drauf.

Dharwad und Hubli in der Provinz Karnataka zum Beispiel sind ideale Trainingsareale für angehende Profihuper. Die Millionenstädte zu durchqueren dauert über eine Stunde. Das bietet Gelegenheit, rund 3600-mal zu hupen. Problem an der ganzen Sache ist, dass alle anderen auch hupen, sodass mitunter die eigene freundliche Aufforderung, einem doch bitte etwas Platz zu machen, in der ganzen Kakofonie von Tröten und Tuten leicht überhört wird. Keine Chance auf individuelles Hup-Management, denn unterm Strich ist es einfach nur eins: laut! Alle Regeln gehen im anarchischen Verkehrschaos komplett unter. Ähnlich verhält es sich an Ampeln. Rot dient dazu, sich kurz zu sammeln und tief durchzuatmen, Gelb existiert nicht, und bei Grün stürmen alle los - leider auch der Verkehr von rechts und links (der zwar Rot hat, aber egal). Trotz des Linksverkehrs ist Linksüberholen kein Problem. Oder auf dem Seitenstreifen ganz links, oder mittendurch. Oder auf dem gegenüberliegenden Seitenstreifen ganz rechts. Völlig wurscht. Hupenknopf auf Anschlag, mööp, mööp - uuuund: Gas.

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Die Chalukya-Dynastie (6. Jhd.) erschuf Höhlentempel zur Götterverehrung von Shiva und Vishnu.  

Foto: Dentges  

Auf dem Bürgersteig darf auch jeder fahren, denn der „Bürgersteig“ ist die Straße, Fußgänger benutzen alle Fahrbahnen, ruhen gerne mal mitten auf der Kreuzung aus, lassen Vieh und Karren dort stehen. So gilt nur eine Regel: Fahr, komm irgendwie durchs Gewimmel, und reg dich besser nicht auf! Besser die Energie aufsparen für die vielen kraftraubenden Bumper und Rumbler. Und öfters mal eine Pause machen. Am Wegesrand findet man allerdings nur selten Ruhe. Binnen weniger Minuten, manchmal sogar nur Sekunden, scharen sich Dutzende Menschen um einen, wollen Namen und Herkunft wissen, woher man heute kommt und wo man heute noch hinfährt. Zwar können die Menschen mit den Antworten nichts anfangen, denn die Schweiz oder der Hunsrück sind für die Landmenschen genauso fern wie die Strände von Goa oder Riverraften im Dandeli Wildlife Reservat oder die anderen touristischen Highlights dieser Tour.

Sie werden wohl keines dieser Ziele jemals erreichen, sondern vermutlich weiter tagtäglich auf den Feldern schuften oder Teer in Schlaglöcher gießen oder mit Vorschlaghämmern Metallschrott zerkleinern - so, wie es für das Leben in der jeweiligen Kaste vorgesehen ist. Die Fremden auf den Motorrädern bringen aber etwas Abwechslung in ihr hartes Leben, das sie duldsam hinnehmen, und sie begegnen Touristen mit kaum fassbarer Freundlichkeit. Bauern lassen ihre Forken fallen und winken den Vorbeifahrenden. „Da kannst das Land viel besser verstehen, hast es einmal von der Enfield aus gesehen. Das Land und die Leut und die Schmerzen. Aber das Lächeln, das kommt vom Herzen.“

Der dortigen Menschen Seele tiefgründig zu verstehen, ist für westliche Touristen wohl ein hoffnungsloses Unterfangen, zu anders, zu fremdartig ist die indische Kultur. Gründe, schmunzelnd mit dem Kopf zu schütteln, gibt es jedenfalls zuhauf. Beispiel Bahnübergang: Schranken geschlossen, es bildet sich auf einem halben Kilometer eine Schlange, bestehend vorwiegend aus schwer beladenen Lastwagen. Als Motorradpilot fährt man gewöhnlich daran vorbei, nach vorn auf die Pole Position. Ungeduldige Fahrer von Kleinwagen folgen, danach auch Jeeps und schließlich andere Lastwagen mit Anhängern. Der Eisenbahnzug fährt durch, die Schranken öffnen sich wieder, und in diesem Moment wollen alle gleichzeitig losfahren. Das Problem: Auf der anderen Seite hat sich das gleiche Spiel zugetragen, beide Spuren sind auch dort blockiert. Nun stehen sich also Hunderte von Fahrzeugen gegenüber, der Begriff „Verkehrsknotenpunkt“ bekommt einen neuen Sinn. Erst wird gehupt, dann noch mal, dann ganz viel, und endlich rollt es wieder. Irgendwie. Wie beim Jonglieren, wenn die Bälle auch scheinbar chaotisch kreuz und quer umherfliegen, scheint es einen Trick oder eine feste Abfolge zu geben, jedenfalls löst sich das ganze Tohuwabohu wie von Zauberhand wieder auf.

Nach der Devise: Nicht zu viel nachdenken, sondern einfach fühlen. So kommt man wohl am besten durch, und für guten Fahrfluss empfiehlt es sich, alle Sinne einzusetzen, auch den siebten. Augen auf, riechen, hören, Schlaglöcher und Speed Breaker ertasten, ihre Schlagkraft erahnen, bevor sie es richtig rumpeln lassen und dich böse aushebeln.

Apropos „rumpeln“: Sensible Mägen haben es schwer in Indien. Fast jeden Reisenden trifft es, und die Darmflora rebelliert. Das dringende Bedürfnis nach sanitärem Sightseeing offenbart dann des Öfteren unschöne Ansichten. Vorsichtig ausgedrückt. Während die Hotels auf der Tour guten Standard bieten, sieht die Lage in den Kaschemmen am Straßenrand oft prekär aus. In manchen Provinzen ist eine Müllabfuhr unbekannt, jeder hat selbst dafür zu sorgen, seinen eigenen Kehricht fortzuschaffen. Das sieht folgendermaßen aus: Erst alles auf den Boden werfen, später eine Grube ausheben, den Müll dort hinein. Wenn es zu faulen und stinken beginnt, die ganze Chose anzünden. So schwelen links und rechts von Straßen und Wegen, in kleinen Gassen und in Hinterhöfen kleine „Müllverbrennungsanlagen“ vor sich hin, sorgen für ein sehr gewöhnungsbedürftiges Bouquet. Da überall Leben stattfindet, also auch links und rechts neben diesen Halden, wird dort gekocht, gewaschen und so weiter. „Aber nach ein paar Tagen, da kannst du nicht mehr glotzen, weil da stehst am Rand und musst a wengle kotzen. Da war halt das Essen a bissle alt und in der Hose hat’s immer geknallt.“

Es gibt viel zu sehen und entdecken wenn man auf einer Enfield durch Südindien fährt. Eine Foto-Show über eine Entschleunigung.

Foto-Show: Auf Royal Enfields durch Südindien.  

Doch keine Sorge, so schlimm ist es nicht. Genauso schnell, wie man sich an die zahlreichen Bumper, Rumbler, Speed Breaker und die illustre Geräuschkulisse (Hupen, Affengeschrei, Werbung aus Lautsprechern, eigentümliche, schräge Musikklänge, Motorengeknatter, kreischende Vögel, Marktschreier und alle anderen Töne jenseits von 90 Dezibel) gewöhnt hat, so schnell wächst einem dieses facettenreiche Land ans Herz. Reisen in Indien ist anstrengend, keine Frage, aber zugleich ein betörend exotisches Erlebnis. Mehr Tapetenwechsel vom grauen Alltag daheim ist kaum möglich. Und Reisen auf Enfields, das ist ein Erlebnis für sich - mit wohl keinem Gefährt kommt man Land und Leuten näher, ist zwar nicht der Schnellste, dafür aber immer mittendrin. Abends am Lagerfeuer stecken die vielen Rumbler noch in den Knochen, doch das Bier ist kalt, die Chilis brennen im Mund, und die Gitarre ist gestimmt.

„Das ist der Enfield-Blues, den man fahren muss, den muss man singe, den muss man fahre, rollin down the road.“


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