05.12.2006 Von: Joachim Deleker
Erschienen in: 26/ 2006 MOTORRAD

Deutschland: Mosel Farbenrausch

Eine Tour entlang der Mosel lebt von ihren Seitensprüngen. Das romantische Tal bietet Kultur und Geschichte, die zahlreichen Seiten-
täler beste Strecken zum Motorradfahren.
In diesem Artikel: Voxan Street Scrambler

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Die Novembersonne schmilzt den dichten Morgennebel und vergoldet die Weinberge.  

 

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – im Herbst ist alles eine Frage des perfekten Timings. Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Jedenfalls nicht für die letzten Outdoor-Aktivitäten des Jahres. Weil dann noch eine dritte Komponente hinzukommt – das richtige Wetter. Im kalten Novembernebel durchs Moseltal zu stochern ist zwar machbar, aber wenig befriedigend. Denn erst die Herbstsonne verzaubert eine solche Tour zum Mega-Erlebnis. Passt alles zusammen – Zeit, Ort und Licht – bieten Spätherbsttage an manchen Stellen Deutschlands reales Kino vom Allerfeinsten.

Heute ist so ein Tag! Mit unglaublichen 21 Grad und blitzeblauem Himmel. Alle Sinne werden heute noch mal ran müssen. Auch die Voxan, die eigentlich schon unter einer warmen Wolldecke dem Winter entgegenschlummerte, lässt sich nicht zweimal bitten. Nach ein paar Gasstößen läuft der dicke Zweizylinder rund und geschmeidig, posaunt seinen dumpfen V2-Bass in die glasklare Novemberluft.

In Koblenz verlassen Birgit und ich das Rheintal, wollen der Mosel, die sich am Deutschen Eck mit dem Rhein vereint, flussaufwärts folgen. Zunächst nicht gerade hochspannend, denn die Bundesstraße 416 wälzt sich breit, kurvenfrei und topfeben durchs Tal. Fahrspaß kommt da kaum auf. Maximal ruhiges Dahingleiten ist drin.

Aber die Voxan Street Scrambler ist kein Cruiser, sondern will hin und wieder artgerecht bewegt werden. Der Blick auf die Landkarte offenbart dazu unzählige Möglichkeiten. Immer wieder kringeln sich gelbe und weiße Linien aus dem Tal heraus, kurven rechts hoch in die Eifel oder links herum auf die Hochfläche des Hunsrück. In Alken, direkt unterhalb der zweitürmigen Burg Thurant, lockt die ehemalige Bergrennstrecke nach Nörtershausen. 19 Kurven und Kehren winden sich durch die knallgelben Weinberge und begleiten den totalen Programmwechsel vom idyllischen Flusstal zur kahlen, windigen Hochfläche.

Ein paar Kilometer rollen wir geradeaus, dann geht es mindestens ebenso unterhaltsam wieder abwärts nach Boppard am Rhein. Kaum 15 Minuten trennen die beiden Flüsse hier. Doch der Seitensprung zum Nachbarfluss währt nur kurz. Schon zeigt ihm die Voxan das Rücklicht und bollert die nächste kleine Straße hinauf und fast parallel zur Alkener Bergrennstrecke zurück zur Mosel. Bei Brodenbach seilt sich das schmale Asphaltband ab ins Tal. Diesmal allerdings in so engen Kehren, dass die Voxan fast den kompletten Lenkeinschlag braucht und deutlich ihre Grenzen zeigt. Ein wendiger Einzylinder würde sich in den Serpentinen wohler fühlen.

Schnell wird klar, dass solche Seitensprünge das Salz in der Suppe einer Moseltour sind. Denn erst diese kleinen Kurvenwunder bringen die spannende Abwechslung, adeln die Tour zur Berg-und-Tal-Fahrt, zum stetigen Wechsel zwischen romantischem Tal und anspruchsvollen Bergstrecken. Nun also wieder ein Stück cruisen, entspannt und geradeaus bis Cochem, dem beliebtesten Motorrad-Treffpunkt an der Mosel. Locker 50 Bikes parken an diesem Bilderbuch-Samstag noch auf dem Marktplatz. Dazu kommen Busladungen von Ausflüglern. Die engen Gassen der Altstadt quellen schier über, für Mosel-Romantik bleibt da wenig übrig. Aber ein Cappuccino im Straßencafé muss trotzdem sein. Die Sonne genießen, den Motorrädern zusehen und sich freuen, dass es Anfang November noch mal so warm ist.

Hoch über Cochem thront die Reichsburg, das schönste Schloss der Mosel. Die über 1000 Jahre alte Anlage wurde zwar 1689 von den Truppen des Franzosenkönigs Ludwig XIV zerstört, aber im 19. Jahrhundert von einem Berliner Fabrikanten als vieltürmiges Märchenschloss wieder aufgebaut. Die beste Sicht auf das historische Gemäuer gewährt übrigens die B 259, die sich hoch über Cochem durch den Nadelwald schlängelt.

Zwischen Cochem und Bernkastel-Kues zieht das Moseltal alle Register, eine Postkartenidylle jagt die nächste. Sämtliche Klischees deutscher Romantik werden hier erfüllt. Harmonische Landschaften, zigtausendfach gemalt und nostalgisch verklärt, vollgestopft mit der Geschichte aus zwei Jahrtausenden, seit die Römer ihre vielfachen Spuren zwischen Trier und Koblenz hinterlassen haben. Mit gebührendem Abstand hoch oben vom Talrand betrachtet wirkt die herbstliche Szenerie bildschön. Gleichzeitig aber werden die Orte unten am Fluss von Touristen überrannt, und an sonnigen Wochenenden wie jetzt geht es auf der Uferstraße oft nur noch im Stop and go voran.

In Bruttig-Frankel haben wir genug vom Gedränge und wagen mal wieder einen Seitensprung in eines der Täler. Sofort tendiert der Verkehr gegen null, und die Voxan brennt durch die Kurven und Kehren bergwärts. Maria Engelport–Mittelstrimmig–Liesenich und wieder runter nach Beilstein. Dauergrinsen unterm Helm. In Beilstein jedoch müssen wir einfach das Motorrad abstellen, denn der Charakter des Orts erschließt sich erst, wenn man durch die engen Gassen spaziert. Das Dorf ist ein Gesamtkunstwerk, ein lebendiges Freilichtmuseum. Dicht an dicht drängen sich malerische Fachwerkhäuser, markant überragt von der Burgruine Metternich. Kunstvolle Inschriften am Fachwerk zeugen von der Gottesfürchtigkeit der Hausbesitzer und vom Baujahr der alten Gemäuer. Geranien vor fast jedem Fenster, Weinreben ranken die Fassaden empor. Allenthalben wird zur Weinprobe geladen, Kitsch und Postkarten bevölkern die Läden. Es würde nicht wundern, wenn Japaner oder Amerikaner den 700 Jahre alten Ort als Musterbeispiel eines deutschen Dorfs irgendwo in Übersee nachgebaut hätten. Beilstein hat das Zeug dazu.

Genug Kultur und Geschichte für heute, ein paar nette Straßen sollten noch drin sein. Kurz vor Ediger-Eller, nachweisbar einem der schönsten Orte an der Mosel, verlässt ein schmaler Weg das Tal, zirkelt hoch in die Eifel. Schon bald taucht er in alten Buchenwald ein. Leichter Wind pflückt das braungelbe Laub von den Ästen und veranstaltet das typisch herbstliche Blättertreiben, das schließlich als bunter, weicher Teppich auf der Straße endet und erst vom Luftstoß der Voxan wieder aufgewirbelt wird. Bei Nässe eine riskante Rutschpartie, doch trocken macht es kindliches Vergnügen, durch die Laubberge zu fegen. Und erst der Duft! Der Geruch von welken Blättern und feuchter Erde wabert unter den Helm und bringt den typisch modrigen Herbstodem. Warm und kräftig blitzt dazu die Nachmittagssonne wie ein Stroboskop durch die Bäume.

Grevenich, Urschmitt, Kliding. Dörfer, in die sich nur selten ein Tourist verirrt. Warum auch, schließlich können sie mit den berühmten Weinorten eh nicht mithalten. Bevor die Straße erneut ins Tal nach Bremm hinabzielt, biegen wir auf einen Feldweg, der direkt oberhalb des Calmont endet, des mit 65 Grad steilsten Weinbergs Europas und gleichzeitig Startplatz für Paraglider. Volltreffer. Diesen Aussichtspunkt küren wir augenblicklich zum schönsten an der Mosel. Fast 300 Meter unter uns vollzieht der Fluss eine malerische 200-Grad-Wende. Auf der Halbinsel in der Innenkurve ragt die dachlose Klosterruine Stuben aus den streng geometrisch angelegten Weinbergen. Ein Kohlenfrachter schiebt sich kühn driftend durch die Kehre, dafür fast die komplette Flussbreite ausnutzend und malt lange Wellenmuster auf die vorher noch spiegelglatte Wasseroberfläche. Gegenverkehr wäre jetzt keine gute Idee. Die Schatten der untergehenden Sonne kriechen über das Tal. So schön die Tage um diese Jahreszeit sein können, so kurz sind sie. 17 Uhr, höchste Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Wenig später lochen wir in Pünderich ein.

Im Gegensatz zu vielen anderen Moselorten herrscht in Pünderich fast paradiesische Ruhe. Die Bundesstraße lässt den Ort links liegen, und die Eisenbahn verdrückt sich lärmvermeidend in den Berg. Touristen sind selten, steuern lieber Zell oder Beilstein an. Am alten Fährhaus von 1621 informieren Markierungen mit Jahreszahlen über die Maximalhöhe der jeweiligen Hochwasser. Das zweit-höchste liegt erst 13 Jahre zurück, 1993. Aber ein Eichstrich überragt alle anderen um mehr als einen Meter, der vom 28. Februar 1784. Markierung einer Hochwasserkatastrophe, der seinerzeit ein extrem strenger Winter vorausging, die Mosel beinhart gefroren. Dann plötzlich ein Wärmeeinbruch mit starkem Regen, der den Schnee von den Hängen spülte und den Pegel rasch steigen ließ. Das Eis brach auseinander, trieb flussabwärts und verkeilte sich zu riesigen Barrieren, hinter denen sich das Wasser staute. Eisschollen und Wasser schossen über die Dämme, überfluteten die Dörfer und rissen komplette Häuser mit sich. Viele Menschen ertranken. Nie wieder wuchs die Mosel so über sich hinaus.

Über Nacht hat sich dichter Nebel im Tal gesammelt, typisch für eine herbstliche Inversionswetterlage. „Völlig normal“, meint auch unser Pensionswirt, „entweder ihr wartet bis elf Uhr oder fahrt hoch in die Berge.“ Warten fällt flach, vor allem, falls in den Höhen wirklich die Sonne scheint. Also rollen wir zu der alten Autofähre, die uns auf die andere Flussseite bringen soll. Der Fährmann könnte einem nordfriesischen Heimatfilm entsprungen sein: grauer Rauschebart, Schiffermütze, blaugestreiftes Hemd. Ein echter Kapitän eben. Die Voxan gefällt ihm, doch dass sie – wie die Mosel – aus Frankreich kommt, kann er kaum glauben: „So italienisch wie die aussieht.“

Die kurze Fährfahrt reicht kaum, um seine Neugier über den gallischen V2 zu stillen. Zumal er uns zwischendurch auch noch mit besten Tipps versorgt: „Wart ihr schon am Calmont?“ Klar doch. „Aber den Vierseenplatz bei Merl müsst ihr sehen. Und das Café an der Ruine Grevenburg.“ Wir werden es versuchen. Zunächst allerdings tasten wir uns im dichten Nebel von der Fähre und folgen einem schmalen Weg durch die Weinberge, wo uns allenfalls mal ein Winzer mit einem musealen Porsche- (immer in Rot) oder Fendt-Traktor (immer in Grün) aus den 50er Jahren begegnet.

Tatsächlich lichtet sich die graue Suppe, kurz bevor wir den höchsten Punkt an der Marienburg erreichen. Über den Nebelwolken ist die Sicht beinahe grenzenlos, im Osten zum Hunsrück, nach Norden über das Moseltal bei Bullay, das vom Nebel verschont blieb. Sogar über der weiten Moselschleife von Pünderich löst sich die weiße Watte langsam auf, gibt den Blick frei auf sanfte Hänge im intensiven Gelb der Weinreben. Wie fast überall entlang des Flusses wächst auch dort zumeist Riesling, für den der Schieferboden bestens geeignet ist. Ohne Wein geht an der Mosel gar nichts. Der Traubensaft bestimmt das Leben der Moselaner, prägt Kultur und Landschaft. Die vielen kreativen Namen sind Ausdruck dieser Kultur, egal, ob Piesporter Goldtröpfchen, Zeltinger Himmelreich oder Kröver Nacktarsch.

Schon Mittag, und wir sind noch keine zehn Kilometer weit gekommen! Ist einfach zu schön hier oben an der Marienburg. Jetzt aber weiter. Alf-Bad Bertrich, links hinauf bis Bonsbeuren und schließlich wieder runter nach Reil. Was für eine Straße, was für ein Seitensprung! Kaum drei Meter breit, ständig hoch und runter, rechts und links durch orange leuchtenden Buchenwald. Null Verkehr, unendlich gut zu fahren. In Reil über die Moselbrücke bis Enkirch und gleich wieder hoch nach Starkenburg. Die Straße tänzelt direkt am Abgrund entlang, bietet immer wieder tolle Blicke ins Tal. Vorsichtig allerdings, denn fahren und gucken ist kaum kombinierbar.

Eine letzte Handvoll Kehren und dann mit 20 Prozent Steigung hoch zur Ruine Grevenburg mit dem aussichtsreichsten Café weit und breit. Der Fährmann von Pünderich hat nicht zu viel versprochen. Vor den kümmerlichen Resten der 1735 von Franzosen gesprengten Burg stehen ein paar Tische und Stühle – wunderbar, man kann sogar noch draußen sitzen. Ein herrlicher Platz hoch über der Moselschleife, in die sich die Häuser von Traben-Trarbach schmiegen, eingebettet in das orangegelbe Meer der Weinberge. T-Shirt-Wetter, und die Sonnenbrille darf noch mal auf die Nase. Jeden Sonnenstrahl saugen wir auf, jedes bisschen Wärme, das es jetzt noch gratis gibt.

Eigentlich wollten wir noch bis Trier fahren, finden nun aber nicht einen vernünftigen Grund mehr, warum wir das tun sollten. „Darf’s noch ein Cappuccino sein?“ mischt sich der aufmerksame Ober in unsere Überlegungen. Auf jeden Fall! Bernkastel und Trier verschieben wir auf nächste Woche. Oder nächstes Jahr. Denn der Zeitpunkt, hier und jetzt die vielleicht letzten warmen November sonnenstrahlen zu genießen, ist einfach perfekt. Und richtiges Timing bekanntlich alles. Vor allem im Herbst.

Weitere Informationen:

Die Voxan Street Scrambler - Infos
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