26.04.2012 Von: Klaus H. Daams
Erschienen in: 10/ 2012 MOTORRAD

Motorradreise: Unterwegs in Cornwall Mit dem Motorrad im äußersten Südwesten der britischen Inseln

Cornwall - allein schon der Name weckt Sehnsucht, überflutet das innere Auge mit fantastischen Bildern: Klippenküste und Fischerdörfer, Sandstrände und Surf-Reviere, Spuren von König Artus, Reste verfallener Minen und Triumphs Tiger mittendrin.
In diesem Artikel: Triumph Tiger

Unterwegs in Cornwall - wie aus dem Bilderbuch: Das Grün der Landschaft glüht auch bei Regen.

Die Foto-Show zur Reise.  

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Das Bild ging um die Welt. Und Boscastle beinahe unter. Damals am 16. August 2004, als während eines heftigen Unwetters über der kornischen Küste zunächst die Flusspegel binnen kürzester Zeit um zwei Meter stiegen und dann plötzlich eine vier Meter hohe Flutwelle durch das an einem engen Fjord gelegene 800-Seelen-Nest schoss, dabei 50 Autos sowie sechs Gebäude in den sturmgepeitschten Atlantik riss und die Bewohner auf die Dächer ihrer Häuser trieb. In einer spektakulären Luftrettungsaktion bargen Hubschrauber der Royal Air Force per Seilwinde 150 Menschen, unter ihnen auch die Hotelbesitzerin Margaret Templar. Ein großes Zeitungsfoto ihrer dramatischen Rettung hängt in Margarets inzwischen längst renoviertem Hotel „The Riverside“. Genau dort beginnt unsere Tour durch Cornwall.

Heute erreicht die Flut gegen 23 Uhr ihren Höhepunkt, lässt dabei aber nur die bei Ebbe im Hafen von Boscastle trocken gefallenen Boote sachte auf den Wellen tanzen. Und anders als bei der Katastrophe von 2004, bei der es übrigens wie durch ein Wunder keine Todesopfer gab, schwappt durch die erste Etage des Riverside nun nicht einen Meter hoch das Wasser, sondern in unseren Mägen ein Mix aus süffigem Tetley’s Bitter und frischen Makrelen.

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Als Morgenflut dann ein paar Stunden später das englische Frühstück. Knallbunt arrangiert, ganz im Gegensatz zum grauen Himmel über Boscastle. Hat sich da etwa jemand von der Lackierung der Triumph Tiger animieren lassen? Eigentlich das richtige Wetter für einen Besuch des örtlichen Hexenmuseums (Witchcraft Museum). Oder für Exkursionen zum Thema „König Artus“. Der legendäre Begründer der Tafelrunde ist in der Gegend omnipräsent. Aber muss sein edles Schwert Excalibur wirklich als Plastikimitat an Souvenirbuden feilgeboten werden? Da mache man aus dem universellen Material doch lieber Surfbretter.

Als ginge es durch die Nebel von Avalon, navigieren wir vorsichtig durch die Suppe feinster Wassermoleküle auf einem schmalen Sträßchen nach Trebarwith Strand. Und laufen dort Shaun Boundy in die tätowierten Arme. Der 51-jährige Lebenskünstler besitzt neben 17 Motorrädern auch einen Surf-Shop.

Kein Wunder, ist das hiesige Revier nicht gerade windfreie Zone. Schauen Sie mal vorbei unter www.trebarwithsurfshop.co.uk. Bot den Bewohnern Cornwalls früher in Orten wie Delabole besonders die Schieferindustrie Arbeit, so ist es heute der Tourismus. Eindrucksvolles Beispiel für den Wandel: Padstow. Das Städtchen mit den mittelalterlichen Gassen und dem historischen Fischerhafen ist derart beliebt, dass Motorradfahrern beim Stop and Go durch den überfüllten Ortskern leicht das Kühlwasser kocht; in der heißen Brühe könnte TV-Star und Meisterkoch Rick Stein, der sich hier ein Seafood-Imperium aufgebaut hat, vermutlich sogar Hummer zubereiten. Wer Meeresgetier lieber in natürlicher Umgebung genießt, besuche das mit einem durchsichtigen Schautunnel lockende Blue Reef Aquarium in Newquay. Allerdings leidet Cornwalls größtes Seebad dank riesiger Sandstrände und idealer Surfbedingungen am Fistral Beach nicht gerade unter Besuchermangel.

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Mousehole lockt mit Südsee-Flair und sauberem Hafenwasser. Einheimische und Touristen genießen fast Fidschi-Feeling.  

Foto: Daams  

Schluss mit Schleichen dann auf der Küstenstraße zwischen Portreath und Hayle. Als habe Merlin seine Zauberkräfte walten lassen, ist die Landschaft plötzlich von allen rollenden Hindernissen leer gefegt. Klar Schiff auch am Himmel, wo wie ein verschlissener Flokati ein aufreißendes Geflecht weißer Wölkchen hängt. Also volle Kraft voraus, statt sich im nächsten urbanen Dickicht zu verheddern - selbst wenn es die Künstlerkolonie St. Ives mit ihrer berühmten Tate Gallery ist, sorry. Die B 3301 und 3306, als einige der wenigen Straßen auf der Karte mit grünen Schönheitslinien dekoriert, führen mal in weiten Bögen durch farnige Hügel, sind garniert mit Mäuerchen aus unbehauenem Stein, fetten Hortensienbüschen und einer Sonne, die beim abendlichen Bad das Meer mit orangefarbener Wasserfarbe überschüttet.

Wenn es ums Schütten geht, gibt es wohl keinen geeigneteren Ort als St. Just. Die alte Bergarbeiterstadt soll über den höchsten Kneipen-pro-Kopf-Quotienten Großbritanniens verfügen. Einen strammen Fußmarsch vom Zentrum liegt Cape Cornwall, wo Romantikattacken selbst nüchterne Seelen schwach werden lassen. „Wenn du Cornwall so sehen willst, wie es ist - oder wie man es sich vorstellt - dann musst du den Küstenpfad entlangwandern“, schwärmt beim Frühstück das Pärchen am Nachbartisch und stärkt sich für die nächste Etappe seines Dreitagemarschs von St. Ives nach Lands End. Und wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie die Menschen hier früher malocht haben, mache einen Abstecher zum Besucherbergwerk Levant Mine nördlich von St. Just. Besonders während des 19. Jahrhunderts boomte in Cornwall der Abbau von Kupfer und Zinn.

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Land’s End, der westlichste Zipfel Englands, ist bevölkert von großen Mengen des Homo touristicus. Ganz anders das niedliche Mousehole, ein palmenbestandenes Kleinod mit sandstrandgesäumtem Hafenbecken, Kaimauerspringern und Krebsfängern. Last, but not least Karottenkuchen und Cream Tea im Cafe Tremayne, das, so man in Mousehole stranden möchte, auch Zimmer vermietet. Ihre finale Ruhestätte haben viele Seeleute am Lizard Point gefunden, dem südlichsten Punkt der britischen Insel. Zwar gibt es dort, am Eingang zum Ärmelkanal, ein mächtiges Leuchtfeuer, aber das hilft nicht immer, wie ein großer Schiffsfriedhof bezeugt. Passend zum morbiden Umfeld die Weltuntergangsstimmung am Firmament, wo aus düsteren Wolken wenige Lichtstrahlen silbrig glitzernde Flecken aufs tückische, felsengespickte Meer werfen.

Sorgfältiges Navigieren ist auf dem Weg nach St. Maves gefragt. Die Strecke ist zunächst ein unübersichtliches Labyrinth schmaler Baum- und Heckentunnel. Die ausgeschilderte Fähre bei Helford entpuppt sich dann für unsere motorbetriebenen „bikes“ als doch etwas unterdimensioniert, zur Abkürzung taugt erst später bei Trelissick die King Harry Ferry. So gern wir in dem Festungsstädtchen St. Maves mit seiner subtropischen Vegetation und der heimeligen Hafenpromenade vor Anker gingen: Die Kojen sind für heute schon verbindlich in St. Austell bestellt.

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Ideal für Surfer, Angler und Motorradreisende, die Salzluft mit Windstärke fünf atmen wollen.  

Foto: Daams  

Sogar James Bond war schon im Eden Project, drehte dort Szenen zu „Stirb an einem anderen Tag“. Die futuristische Kulisse des von acht riesigen, halbkugeligen Gewächshäusern dominierten botanischen Universums ist wirklich eine Wucht, die Anlage DER Besuchermagnet Cornwalls. Ein ideales Schlechtwetterprogramm, Motorradfahrer können sogar gratis gleich am Eingang parken.

Auch wenn es nicht mehr in Cornwall, sondern in Devon liegt: Irgendwie gehört das Dartmoor zu dieser Geschichte einfach dazu. Wer frei laufende Ponys lieb hat, kommt gern hierhin. Wer böse war, bleibt dann meistens länger und logiert im berüchtigten Dartmoor Prison. Aber da Menschen schon immer genauso gern weg wollten, ausbrechen aus der ihnen zu klein gewordenen oder nicht mehr lebenswert erscheinenden Welt, fällten sie früher für den Schiffbau Unmengen von Bäumen. Und so sieht es im Dartmoor heute eben recht kahl und stimmungsvoll aus. Wer es sich dort richtig gut gehen lassen möchte, beziehe Quartier im „Two Bridges Hotel “. Eine urgemütliche Lobby mit Kamin und Lederfauteuils, aus einem Speisezimmer die spitzen Schreie eines Krimidinners sowie die seltene Gelegenheit, schon mal Devonwein zu probieren, der, wenn es mit der Klimaerwärmung so weitergeht, in zehn Jahren vermutlich gar nicht schlecht sein wird.


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