09.06.2011 Von: Gerhard Eisenschink
Erschienen in: 13/ 2011 MOTORRAD

Motorradtour in Frankreich: Vercors Südlich von Grenoble warten aufregende Fahrerlebnisse

Der Vercors, südlich von Grenoble, ist ein Labyrinth aus Schluchten und winzigen Bergstraßen, die senkrechte Felswände erklimmen. Dramatische Fahrerlebnisse für schwindelfreie Fahrer sind garantiert.
In diesem Artikel: KTM 990 Adventure

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Grenoble, die Stadt mit dem beneidenswerten Rahmen aus senkrechten Kalkstotzen und adrenalinfördernden Berg-strecken ringsum.  

Foto: Eisenschink  

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Abgeschnittene Straße", "gefährlicher Streckenabschnitt" - schon der Blick auf die Michelin-Karte zeigt, dass im Vercors mit ungewöhnlichen Fahrsituationen zu rechnen ist. Damit konnte ich meinen Kumpel Kurt bei der Reiseplanung schwer beeindrucken. Schluchten, schwindelerregende Bergstrecken und irrsinnig viele Kurven, Kumpel Kurt schlägt ein. Seine erste Reise nach Frankreich ist abgemacht.

"Straße gesperrt, Gefahr von Steinschlag, nicht hier parken." Die Sprache auf der Bergstraße hinter Montaud ist deutlich. 50 Meter nach dem Schild ein riesiger Erdhaufen quer über der Straße. Kein Hindernis für unsere Enduros, eine KTM 990 Adventure und eine KTM 690. Wir tasten uns weiter vor, denn schließlich wollen wir wissen, was von einer "abgeschnittenen Straße" zu halten ist. Dass diese Straße wohl nie wieder durchgehend sein wird, sehen wir wenig später: Ein riesiger Felssturz ist in den 1990er Jahren von der senkrechten Felswand über uns abgegangen und hat eine wahre Schlucht ausgehobelt. Von der Straße ist nicht mehr die geringste Spur zu sehen. Dann hinter uns ein dumpfer Schlag, ein kopfgroßer Stein kracht herunter. Dutzende von kleineren und größeren Felsbrocken, entlang derer wir uns bis hierher vorgetastet haben, sprechen eine deutliche Sprache - wenn man schon der Warnung auf dem Schild nicht glauben will. "Hau'n wir ab!", meint Kurt da nur trocken.

Von Norden über Grenoble und das Isère-Tal kommend, sind wir dabei, uns in den Vercors hineinzutasten, in dieses klotzige Felsmassiv, das gerade mal 30 auf 40 Kilometer groß ist, aber ungemein verwinkelt. Seine weißen Kalkfelsen ragen bis über 2000 Meter empor und rahmen ein zerschluchtetes Hochplateau ein, durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Tiefe und enge Schluchten zwängen sich zwischen senkrechten Felswänden durch den überdimensionalen Vercors-Käse, und die Straßen folgen ihnen. Zum Teil auch direkt in die Felswände hinein und über halsbrecherische Strecken nach oben.

Nicht alle Straßen schaffen das dauerhaft. Diese hier bei Montaud hat sich der Berg wiedergeholt. Also zurück in den Ort und über Saint-Quentin wieder hinunter ins Isère-Tal. Wir folgen dem Fluss nach Süden und finden in Saint-Gervais ein winziges Sträßchen, das wieder an die Felsen hinführt. Dass Straßen im Vercors auch vor senkrechten Felswänden keinen Respekt haben, sehen wir wenig später. Hoch über dem Canyon des Ecouges hat man das gerade mal autobreite Asphaltband in die Vertikale hineingemeißelt und um eine überhängende Felsnase herumgeführt.

Bis vor wenigen Jahren war das einer der wenigen Zugänge zur Hochfläche. Heute hat man den halsbrecherischsten Teil durch einen Tunnel entschärft. Aber was für einen: Klaustrophobisch und stockdunkel geht es unbeleuchtet mitten durch den Fels, der Wassertropfen in unsere Jackenkragen fallen lässt.

Vergleichsweise entspannt rollen wir dann auf der Hochfläche des Vercorsblockes nach Süden. Doch schon bald nimmt diese außergewöhnliche Landschaft ihre Dramaturgie wieder auf: Steil fällt die Straße ab in die Gorges de la Bourne, einen tiefen und langen Schlund, der den Vercorsblock in eine Nord- und eine Südhälfte teilt. Hoch über dem Bourne-Flüsschen windet sich die Straße unter senkrechten Felswänden durch, verschwindet in kleinen Tunnels oder unter Überhängen, umkurvt ausgesetzte Felsnasen. Wie man das ja schon kennt vom gerade bezwungenen Canyon des Ecouges.

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Glücklich gelandet im saftigen Tal: Vom Combe Laval zum Col de la Machine geht es nicht nur durch vertikalen Fels.  

Foto: Eisenschink  

Villard-de-Lans ist erreicht, Hauptort auf der Vercors-Hochfläche. Gemütliches Hotel, Motorradgarage, sagenhaftes Abendessen. Von hier aus werden wir diesen verwinkelten, durchlöcherten Vercors-Käse noch einige Tage lang genauer untersuchen. Zum Beispiel die Gorges du Nan am nächsten Morgen. Einfädelspur sind wieder die Gorges de la Bourne. Dann unser Abzweig hoch nach Presles und raus aus der Schlucht. Wieder volles Vercors-Programm: Felsgalerien, Tunnels, ausgesetzte Stellen, winziges Sträßchen in einer senkrechten Felswand, gerade mal von einem kniehohen Mäuerchen begrenzt. "Nix für Hosenscheißer", meint Kumpel Kurt beim Blick in den schieren Abgrund.

Oben auf der Hochfläche finden wir nach einigen Kilometern schon den Abzweig zur nächsten Albtraum-Route für alle Hosenscheißer, dem winzigen Sträßchen über die Gorges du Nan nach Cognin-les-Gorges. Eigentlich glaubten wir, schon alles gesehen zu haben, was man an Hammerstraßen mitten in eine Felswand hauen kann. Aber die Gorges du Nan setzen noch einen drauf. Wieder nur ein kniehohes Mäuerchen, das die in senkrechter Felswand verlaufende Trasse vom Abgrund trennt. Wieder Überhänge, Felsnasen, Tunnels - und alles so eng, dass man nicht wagt, den Blick vom Vorderrad zu nehmen. Wir drücken uns an der Felswand entlang, nur um von diesem Abgrund ein Stück weg zu sein. Geschwindigkeit und Fahrspaß? Nicht jetzt! Gegenverkehr? Bitte nicht jetzt! Zum Glück kommt kein Mensch hier durch. Wer diese Straße gefahren ist, weiß warum.

In Cognin-les-Gorges ist das Isère-Tal erreicht, es folgt eine flottere Gangart Richtung Süden. Für gerade mal fünf Kilometer, dann führt ein Sträßchen wieder hoch auf den Vercors-Block. Diesmal - welch Wunder - einfach nur enge Kurven zum spaßigen Fahren. Ohne Knieschlottern erreichen wir das abgelegene Montchardon mit seinem tibetischen Kloster. Bunt bemalte Säulen stehen an der Straße, ringsum wächst Grün. Entspannung, Durchatmen. Der Vercors einmal ohne Höhenangst.

Aber mit weiterhin vielen winzigen Wegen für Entdeckernaturen. Wir finden die Piste Richtung Le Fas nur aufgrund eines Wanderschildes, aber die Strecke ist nicht gesperrt. Dass sie steinig und ausgewaschen ist, kann unseren Enduros nur recht sein. Es geht durch den Wald und dann über weite Grasflächen, bis wir das winzige Le Fas erreichen. Rein in den Käse, raus aus dem Käse: Von Le Fas gibt es schon wieder eine halsbrecherische Kurvenstrecke runter ins Isère-Tal nach Saint-Pierre-de-Chérennes. Eigentlich bewegen wir uns in den letzten drei Stunden im Zickzack und nur in einem Radius von weniger als zehn Kilometern. Aber mit Landschaftskino der wildesten Art.

Da darf es mal etwas historisches Ambiente als Kontrast sein. Wir erreichen - wieder entlang der Kalkfelsen im Isère-Tal fahrend - Pont-en-Royans, das architektonische Schatzkästchen des Vercors. Vielleicht sind es die Felsüberhänge ringsum, die die Menschen schon seit Jahrhunderten beflügelt haben, ihre Häuser wie eine überhängende Felswand über den Fluss Bourne zu bauen. "Selbst beim Blick aus dem Klofenster bekommen die hier die Höhenangst", meint Kurt.

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Ausflug in die Hochalpen Savoyens: Die Passstraße nach L’Alpe d’Huez bietet Kehren ohne Ende.  

Foto: Eisenschink  

In Sachen Höhenangst sind wir nach einer kleinen Pause selbst schon wieder unterwegs. Ziel: Col de la Machine. Der 1000 Meter hohe Pass in den Süden des Vercors liegt relativ unspektakulär im Wald, aber um ihn zu erreichen, kommt man am Zaubernamen dieser Region vorüber: Combe Laval. Wie ein Amphitheater umzirkeln Felswände einen Talschluss. Mitten in der Senkrechten, 600 Meter über dem Talboden, macht das fassungslose Auge eine waagrechte Linie aus, die Straße als eine in den Fels gesprengte Galerie.

Dann sind wir da oben, und fast ohne Vorwarnung beginnt der völlig normale Vercors-Wahnsinn mit dem Tanz am Abgrund. Tunnel, Felsnase, kaum richtige Straßenbegrenzung - und das weite Maul eines allgegenwärtigen Abgrundes.

Dieser schmale Verkehrsweg ist so irrsinnig, dass wir gleich danach umdrehen und ihn in Gegenrichtung zurückfahren. Nun können wir uns nicht an der Felswand entlangdrücken, nun fahren wir draußen am Abgrund, versuchen die Atmung normal zu halten und den Blick auf der Straße.

Die Entdeckung der Langsamkeit mit der Angst vor der Vertikalen.Am Col de la Machine gibt es dann eine Pause mit Blick auf die Karte. Sagenhafte Kurvenstrecken warten auf uns rund um Grenoble und den Vercors. Im Süden der Col de la Bataille und der Col de Rousset, im Osten die Savoyer Alpen mit Namen wie Galibier oder Croix de Fer - Schräglagen, Lastwechsel, Spurts und heiße Bremsen. Aber als Auftakt jedes weiteren Fahrtages muss erst der Adrenalin-Kick sein, den nur der Vercors bietet. Eine Packung Höhenangst auf einer dieser Bergstrecken als Einfädelstück der besonderen Art. Es lebe die Vertikale!


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