Unterwegs Abenteuer in Thailand: unterwegs mit einem Tuk Tuk
Von Chiang Mai bis Bangkok sind es 783 Kilometer. Das entspricht 13 Stunden Zugfahrt oder 50 Minuten Flugzeit. Redakteur Rolf Henniges brauchte 75 Stunden - mit dem Tuk Tuk, einem dreirädrigen Taxi.
Dick bepackt, zwei Gasflaschen hintendrauf: das Tuk Tuk beim Start der Tour nahe Chiang Mai.
Foto: Henniges
IN DIESEM ARTIKEL
Er trägt ein blaues Hemd, das drei Nummern zu groß ausfällt. Seine Lippen entblößen eine gelbbraune, lückenhafte Zahnparade. „No problem, wiederholt er zum x-ten Mal und lächelt obskur. Natürlich könne er die Tour fahren, no problem. Sein Fahrzeug sei dafür hervorragend gerüstet: Reifen, die nie platt werden, Treibstoff, der praktisch nie ausgeht, ein Fahrer der sich bestens auskennt und gewiss nicht schlapp macht. Außerdem, das betont er am Ende jedes zweiten Satzes, habe er die nötige „experience“. Hätte den Trip schon über zehn Mal gemacht.
Sikkim und Bhutan - Reise 2009
Thongtherm Chabchinda ist geschätzte 50 plus. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Seine Haare kleben planlos am Schädel, die Augen schimmern rötlich. Er spricht gebrochen englisch und raucht Selbstgedrehte. Mister Chabchinda ist Tuk Tuk-Fahrer in Chiang Mai, Nordthailand, und wird uns, wie er beteuert, bis zum International Airport Bangkok fahren - rund 780 Kilometer direkter Weg.
Wir beide, mein Freund Rocky und ich, müssen verrückt sein. Das bestätigen die Reaktionen vieler Tuk Tuk-Fahrer, die wir gefragt haben. Jedes Mal, wenn wir das Ziel nannten und den Fahrern klar wurde, dass wir es ernst meinten, wellten sich ihre Stirnfalten, schüttelten sie langsam den Kopf. Nein, das sei verrückt. Zu viele Gründe gäbe es, diesen Trip von Chiang Mai bis Bangkok nicht durchzuführen.
Erstens: Tuk Tuks, die in Chiang Mai registriert sind, dürfen nicht außerhalb der Stadtgrenze operieren. Zweitens: Die Motoren sind nur für Kurzstrecken ausgelegt, sterben auf Langstrecken den Hitzetod. Drittens: In keiner Stadt zwischen Bangkok und Chiang Mai gibt es Tuk Tuks, ergo gibt es auch keine speziellen Tankstellen. Und die Motoren benötigen LPG-Gas. Viertens: Fast alle Fahrer kommen aus Chiang Mai oder den umliegenden nördlichen Provinzen. Die meisten von ihnen können nicht lesen, sich nicht orientieren, sind froh, einen Tag im Verkehrschaos Chiang Mai zu überleben. Bangkok als Ziel? Ebenso hätten wir Paris angeben können. Der Start soll um 9.00 Uhr am folgenden Tag erfolgen. Mister Thongtherm Chabchinda, kurz Chinda genannt, will uns pünktlich abholen. Einen Tag hat er eingefordert, um sich und das Tuk Tuk vorzubereiten.
Tägliches Chaos in den kleinen Städten: Menschengewusel, keine Wegweiser, Route erfragen.
Foto: Archiv
Es ist einer von diesen Morgen in Chiang Mai, an denen die Sonne sich um den Körper schmiegt wie eine Decke aus Mikrofasern. Der leichte Nordwind hat den heißen Atem der 300000-Seelen-Metropole aus den Straßen gewischt. Um exakt 8.57 Uhr biegt Chindas Tuk Tuk in die Hoteleinfahrt. Sein Gefährt ist blaumetallic, trägt die Nummer 416, hat zirka 15 Jahre auf dem Buckel und 244052 Kilometer abgespult. Vielleicht auch 100000 mehr. Es wird angetrieben von einem Suzuki-Dreizylindermotor mit 800 Kubik, der wohlwollend geschätzte 22 PS leistet. Abgebremst wird es durch zwei an der Hinterachse montierte, 250 Millimeter große Bremstrommeln. Um die Federung bemühen sich vorn eine Motorradgabel, hinten zwei Blattfedern. Die Fahrgäste sitzen auf einer mit Plastikfolie überzogenen Bank, Sitzfläche 35 mal 100 Zentimeter. Chinda trägt das blaue, weite Hemd vom Vortag. Fünf Plastiktüten baumeln an den Seiten seines Dreirads. Proviant für die kommenden drei bis vier Tage: vier Kilogramm Orangen, zwei Rollen Klopapier, drei Liter Motoröl, dutzende Schraubenschlüssel, ein Liter Bremsflüssigkeit.
Auf dem Gepäckträger hinter den Passagiersitzen sind zwei Gasflaschen provisorisch mit dünnen Seilen befestigt. Ein Auffahrunfall hätte fatale Wirkung. Die große fasst 16, die kleinere acht Liter. Per Gartenschlauch und Schlauchschellen sind sie mit dem 20-Liter-Fahrzeugtank verbunden. Hahn auf, dann saugt der Motor sich seine Zusatzvesper durch diese Konstruktion. „No other Tuk Tuk can go so far“, lächelt Chinda, „I have experience. Trust me, cause it‘s my life too, har har."
Eine Stunde später: Außer unserem ist kein anderes Tuk Tuk mehr auf der Straße zu sehen. 80 km/h fühlen sich in unserem Gefährt an wie 250. Chinda stoppt an der Straßenseite, legt eine Rauchpause ein. Als er wieder starten will, verweigert der alte Motor. Erst nach dem 18. Versuch nimmt er zögernd die Arbeit auf. 30 Kilometer haben wir bislang zurückgelegt. Rund 700 sind es noch bis Bangkok. „No problem, sagt Chinda. Der Motor sei wie seine Frau. Den verstehe er blendend. Der zickt nur ab und zu herum, meint es aber nicht so.
Drei Minuten und drei Kilometer später riecht es nach Kühlwasser. Es ist heiß, 36 Grad Außentemperatur, die Sonne hängt am Firmament wie ein großer gelber Gouda. Wir bremsen ab. Chinda hält die Nase hoch, schnüffelt. Ein ernsthaftes Problem? „No Mister", lacht unser Chauffeur. Es sei nicht mehr als ein mechanischer Furz. Er ignoriert den süßlich-herben Geruch, der wie eine Warnung aus den Eingeweiden unseres Gefährts kriecht, und setzt die Reise auf der schnurgeraden Strecke fort.
Der Fahrtwind gleicht einem Föhn, verbrennt die Feuchtigkeit aus Nasenschleimhäuten und Augen. Die Straße ist bräunlich-schwarz gescheckt. Bremsflüssigkeit, Öl und Kühlwasser haben den Teer über die Jahre eingefärbt, ihm eine unverwechselbare Patina verpasst. Jahreszeitlich bedingt, hängen Staub, Abgase und Brandqualm in der Luft. Es gibt kaum Luftzirkulation. Wir fahren unter einer Dunstglocke. Die umliegenden Hügel und Berge lassen sich teilweise nur erahnen, wirken wie aus einem Stück Schatten geschnitzt. Erde und Horizont verschwimmen zu aschgrauer Tristesse.
Am frühen Nachmittag stoppen wir in Lamphun, einer beschaulichen Kleinstadt mit 25000 Einwohnern und der komplexen Tempelanlage Wat Chan Haripunjai, mit deren Bau im Jahre 1044 begonnen wurde. Haripunjai beherbergt dubiose Mönche. Dubios für europäische Erwartungen. Sie telefonieren, fotografieren, tragen Sonnenbrillen und Nike-Turnschuhe. Die 1300 Jahre alte Stadt ist wie auch Chiang Mai von einem Stadtgraben umgeben, der zur Verteidigung diente. Der Stopp in Lamphun ist kurz, die Weite des Nordens und der Bundestrasse 1147 nimmt uns wieder gefangen.
Zwei Rauchpausen und 30 Minuten später erreichen wir den Fuß eines Bergrückens, der die Gebietsgrenze zwischen Chiang Mai und Lampang markiert. Chinda schaltet zurück vom vierten in den zweiten Gang. Das TT kämpft gegen geschätzte 20 Prozent Steigung, keucht, schwitzt, ächzt. Vor und neben uns: Ruß schleudernde Lkw im Kriechgang. Kaum schneller als ein Fußgänger, eine Wolke hinter sich herziehend wie James Bond, wenn er seine Verfolger abschütteln will. Wir passieren ein Elefantencamp am Straßenrand, Dickhäuter dösen in der Nachmittagsglut, plötzlich geht es steil bergab. Das Teerband schlängelt sich die Hügel hinunter wie ein Band der rhythmischen Sportgymnasten. „Easy 100, schreit Chinda gegen den Fahrtwind und zeigt auf den Tacho, „Easy, easy!" Wir schlingern. Abgefahrene Reifen, ausgeschlagene Radführung, Bremsen mit mehr als zweifelhafter Wirkung. 40 Kilo Gepäck, 90 Kilo Fahrer, 150 Kilo Beifahrer und rund 40 Liter Propangas - das könnte beim Einschlag einen gewaltigen Krater hinterlassen.
Doch es geht gut. Überglücklich, Lampang erreicht zu haben, checken wir im erstbesten Hotel ein: 350 Baht (sieben Euro) kostet das Doppelzimmer. Dafür gibts aus der Wand gerissene Kabel, die Badewanne ist ein Schimmelpilz-Paradies, das Interieur abgenutzt und verlebt, die Matratze feucht und durchgelegen.
In solchen Etablissements bekommt man ihn dann serviert, den asiatischen Geräuschcocktail. Wer nicht vorwiegend in Spa-Resorts oder hochpreisigen Hotels absteigt, wird merken, dass nicht nur Thailands Hauptstadt Bangkok die „City, that never sleeps" ist. Stille ist wahrlich das allerletzte, was man hier findet. Stattdessen: rebellierende Hunde, kreischende Sirenen, lärmende, halbkaputte Klimaanlagen, nervendes Gezeter, ohrenbetäubend laut gedrehte Fernseher, schlagende Türen, zankende Hähne, dröhnende Karaoke-Bars und Nonstop-Verkehr bis Mitternacht. Auf jeder Straße, in jeder noch so kleinen Gasse.
„Rückholfeder vom Gaspedal gerissen?“ „Macht doch nichts, dann fahrt ihr einfach Vollgas!“
Foto: Archiv
Freitagmorgen, 9.15 Uhr: Wir sind kaum ein paar hundert Meter gefahren, da wird Chinda etwas hektisch. „I need only half an hour, sagt er. Die Rückholfeder des Bremspedals ist gebrochen. Erst die fünfte der angefahrenen Werkstätten widmet sich dem Job. Die vier anderen lehnen ihn mit fadenscheiniger Ausflucht ab. „Too busy, erklären sie. Der wahrscheinlichere Grund: Sie fürchten sich. Tuk Tuks kennt man hier nur aus dem Fernsehen, die Mechaniker haben Angst, sich bei der Reparatur eine Blöße zu geben.
Gegen zehn Uhr setzen wir die Fahrt mit unserem Dreirad fort, folgen dem endlos erscheinenden bleigrauen Teerband, das uns in die Stadt Tan führen soll. Stromkabel schleppen sich über schräg stehende Masten entlang der Straße, verbinden selbst kleinste Ortschaften mit dem elektrischen Nerv der Zivilisation. Um die Seiten unserer Kabine spannt sich die Landschaft: Lindgrüne Zuckerrohrfelder, brachliegende und abgeerntete Reisplantagen. Diffus angelegt, als hätten Dreijährige versucht, ein überdimensionales Schachbrettmuster zu entwerfen. Mittendrin spartanische Unterstände, bestehend aus einer überdachten Plattform zum Sitzen, ein Meter über dem Boden.
Wir gleiten dahin mit steten 80 km/h. Worte werden vom Fahrtwind zerfetzt. Der Sound der Reise ist wie ein Wasserfall, der sich zusammensetzt aus dem Brausen des Fahrtwindes und dem unablässigen rhythmischen Tak-tak-tak der Hinterradachse, wenn die Räder über die Betonschwellen der Fahrbahn hoppeln. Dem Zirpen der Plastiktüten, in denen Chinda seinen Proviant verstaut hat, mit denen der Fahrtwind spielt. Dem ununterbrochenen Ääähhh des quäkenden Zweitakt-Motors, dem pelzigen Abrollgeräusch der Reifen. Unterbrochen von plötzlichem Zischen, wenn nagelneue Mittelklasselimousinen mit enormem Geschwindigkeitsüberschuss an uns vorbeischießen. Oder einer Bugwelle Fahrtwind von den Lkw, die uns auf den Geraden oder im Gefälle überholen.
Lkw, deren Fahrer es durch ihr Improvisationstalent schaffen, jeden 7,5-Tonner mit mindestens zehn Tonnen zu beladen. Die Güter mit Bindfäden gegen Herabfallen gesichert, Öl triefende Motoren, notdürftig repariert, Chassis mit eiernden Rädern, als wollten diese in den nächsten Sekunden abfallen. Lkw, deren Fahrer übermüdet, betrunken und miserabel ausgebildet sind. In Thailand braucht man keinen Führerschein. Hauptsache, man kann fahren. Sechsachsige Sattelzüge, denen gegenüber das Tuk Tuk wie ein Spielzeug wirkt. Thailänder leben und fahren in Gottvertrauen. Ein pflichtbewusster deutscher TÜV-Beamter würde hier ad hoc einem Herzinfarkt erliegen.
Kaum zwanzig Minuten durch die ausgedorrte Öde gefahren, rollt das Tuk Tuk an die Straßenseite. Unser Chauffeur steckt sich eine Zigarette an, geht seelenruhig nach hinten, schwingt sich unter sein Taxi und öffnet die Zehn-Liter-Gasbuddel. Es zischt - Druckausgleich zwischen Flasche und Tank. Wir hechten in Deckung und hoffen, dass der Gartenschlauch dicht ist. Chinda zieht genüsslich an seiner Zigarette und schmunzelt. „Easy", sagt er, „trust me."
