Unterwegs: Dreiländereck bei Zittau An der Grenze zwischen Polen und Tschechien
Wo Deutschland an Polen und Tschechien grenzt, lockt viel ursprüngliche Natur, und abenteuerlustige Endurofahrer dürfen tief unter die Erde.
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Yamaha XT 350
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Die drei XT-Boys kennen sich im Wilden Osten wirklich gut aus. Olli, Jörg und David reiten am liebsten mit ihren Yamaha XT 350 querfeldein durchs deutsch-tschechisch-polnische Grenzland. Zwischen den Stoppelhopsern komme ich mir mit meiner Suzuki DL 650 V-Strom fast wie Gulliver vor, zumindest bei Ausflügen in die Botanik, wo sich der ehemalige Alpenkönig buchstäblich etwas schwertut. Nicht schlimm, denn auch onroad langweilt das Dreiländereck nicht. Und wenn die Motorräder mal getauscht werden, sind die an ihre 27 Pferdchen gewöhnten XT-Boys ganz baff, wie auf der V-Strom die Post abgeht.
In den schönsten Pastelltönen leuchtet der Marktplatz von Zittau. Hatte die Kleinstadt im abgeschiedenen Südostzipfel der Republik nach der Wende vornehmlich mit erschreckend hohen Arbeitslosenzahlen für Schlagzeilen gesorgt, so schmeichelt heute dank der Investition in Restaurierungsmaßnahmen ein schmuckes Rathaus im Stil der italienischen Renaissance dem Auge des Besuchers. Dieses kann sich aber nicht nur an steinerner, sondern auch an alter stählerner Pracht erfreuen: Für Eisenbahn-Fans immer einen Zwischenstopp wert ist die dampfbetriebene Schmalspurbahn von Zittau nach Oybin. Hoch über dem dortigen Bahnhof ragt ein kegelförmiger Sandsteinberg auf, der von einer Burgruine und einem Panoramarestaurant gekrönte Oybin; es ist eine der prominentesten Erhebungen in dem an Felsformationen nicht gerade armen Zittauer Gebirge. "An dem Klumpen könnte man sich super mit der Enduro austoben - wenn man dürfte", erklärt Olli mit sichtlichem Bedauern.
Mit behördlichem Segen findet alljährlich Anfang August das vom engagierten MC Robur Zittau ausgerichtete Lückendorfer Bergrennen statt; 300 historische wie aktuelle Fahrzeuge, vom BSA-Gespann bis zum Scania-Renntruck - da bleibt keine der 10 000 Besucher-Nasen vom Öl-, Gummi- und Benzinduft ungewürzt. Bratenduft käme jetzt auch nicht schlecht. Inzwischen haben wir nach Tschechien rübergemacht und steuern durch einen Wald, in dem Deutsche Eiche und tschechische Linde - nationaler Symbolbaum unserer Nachbarn übrigens - die grüne Koexistenz pflegen, auf Jablonne v Podjestedi zu.
Pekelné doly (für Teufelsgrube) heißt der private Biker-Club, der zwischen Velenice und Svitava eine wahrhaft einzigartige Motorradhöhle bewirtschaftet. Wie eine großzügig angelegte steinzeitliche Tiefgarage sieht die aus mehreren "Sälen" bestehende Anlage aus. Unter den Nazis wurde sie als geheime Produktionsstätte für die V1- und V2-Raketen genutzt, heute ist sie der vielleicht abgefahrenste Bikertreff auf dem ganzen Planeten. Mit dem Motorrad kann man bis an die unterirdische Bar düsen - oder auf Wunsch sogar bis ans Nachtlager, denn auch Übernachtungsmöglichkeiten bietet die Teufelsgrube.
Eine Höhle kommt in den Lausitzer Bergen selten allein, und so stoßen wir schon einen knappen Kilometer weiter auf die nächste. Wer dort zwischen den mächtigen, das Deckengewölbe stützenden Säulen herumkurvt, hat das Gefühl, auf einem Pocketbike Slalom um die Beine einer Elefantenherde zu fahren. Einmal auf den Geschmack gekommen, ist Olli wenig später kaum noch zu bremsen. "Jetzt will ich mal richtig Spaß haben", schlägt er sich mit der 350er in die Büsche, wo mir hingegen der vom letzten Regen aufgeweichte Waldweg ziemlich pampig kommt und die straßenbereifte V-Strom extrem rumeiert. Lohn der Mühe ist ein enger Stollen, in dem selbst auf einer XT bei Schritttempo der Kopf tief auf den Tank gehört. Echt irre.
Zurück in der Zivilisation. Ganz relaxt tuckern wir durchs in der Abendsonne dösende Land. Ein wogender Ozean aus Kornfeldern, Alleen wie aus einer anderswo längst untergegangenen Welt. Kaum zu glauben, dass hier einst das Tack, Tack, Tack der Maschinengewehre zu Hause war, wovon die Bunkerlinie entlang der Grenze zu Tschechien stummes Zeugnis gibt. Irgendwo bei Grabstejn verliert sogar Olli etwas die Orientierung. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei der Wotansburg rauskommen", kommentiert er den umleitungsbedingten Zickzackkurs der letzten halben Stunde.
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Auf dem Weg nach Frýdlant heißt es dann plötzlich: "Nimm du mal die Serpentinen den Berg runter, ich kürze durch den Wald ab" - und schon verschwindet die XT zwischen den Bäumen. Kurze Zeit später taucht sie wieder auf. Sind nicht kaputt-zukriegen, die kleinen Einzylinder.
Anderntags durchstreifen wir das Gebiet zwischen Zittau und Görlitz. Erste Station ist das barocke Schloss Königshain, dann kommen die Umgebindehäuser von Obercunnersdorf. Zwei der Bewohner sind nicht nur heute ein König, sondern ihr Leben lang: Rita und Horst König sitzen auf der markisenbeschirmten Bank vor ihrem Umgebindehaus und haben offenbar nichts gegen etwas Abwechslung. Fremden Enduristen spendieren sie deshalb gerne frisch gepflückte Johannisbeeren aus dem Vorgarten. Die XT-Boys schmieden dabei schon wieder Bergbezwingungspläne.
