11.08.2011 Von: Leo Schlüter
Erschienen in: 14/ 2011 MOTORRAD

Unterwegs: Hautes Alpes/Piemont (mit GPS-Route) Offroad Ausflug ins italienisch-französische Grenzgebiet

Kleine Motorräder, hohe Berge: Beim Offroad-Ausflug ins italienisch-französische Grenzgebiet kommen 250er Enduros ganz groß raus. Eine ganz spezielle Reise in drei Akten.
In diesem Artikel: Kawasaki KLX 250Yamaha WR 250 R

Hautes Alpes/Piemont Berge

Die Freiheit kennt keine Grenzen: Abfahrt vom Sommeiller.  

Foto: Schlüter  

IN DIESEM ARTIKEL

Das ist überirdisch!" Ronny lässt beeindruckt den Blick wandern. 3050 Meter über dem Meer, angekommen am höchsten Punkt unserer Tour, dominieren gewaltige Felsformationen rund um das kleine Hochplateau. Dass wir mit einem Bein im Sarkozy-Staat und mit dem anderen auf Berlusconis Bühne stehen, dass die italienische Schotterpiste nach einem französischen Ingenieur benannt ist, all das ist in diesem Moment ebenso Nebensache wie die beiden 250er Enduros, mit denen wir gerade den Colle Sommeiller bezwungen haben.

Die Ouvertüre: Viertel vor

"Kann man mit ner 250er überhaupt ernsthaft reisen?" Sichtlich amüsiert mustert der BMW-Fahrer an der Autobahntankstelle Hegau die nicht nur im Vergleich zu seiner mit Alu-Koffern behängten R 1200 GS Adventure zierliche Yamaha WR 250 R. Ich könnte von entspanntem Cruisen auf der rechten Spur bei Tempo 120 erzählen, könnte erwähnen, dass nach 100 Kilometern Fahrt nur dreieinhalb Liter Sprit die Einspritzdüsen passiert haben, könnte hinzufügen, dass die schmale Sitzbank auch nach acht Stunden Fahrt keine Falten in den (mit einer Radlerhose zusätzlich gepolsterten) Allerwertesten schneidet oder dass Rucksack und Rolle genügend Platz für das (notwendige) Gepäck bieten. Stattdessen setze ich das an die 250er angepasste zweitägige Vorspiel fort: In Lanslebourg treffe ich zur gleichen Zeit wie Ronny ein, der seine Kawasaki KLX 250 in den Transporter verfrachtet, den direkten Weg genommen und die 728 Kilometer aus dem Badischen ins Maurienne-Tal in sieben Stunden hinter sich gebracht hat.

Der erste Akt: Schotter für Anfänger
Mit Café au lait und Schoko-Croissants im Magen starten wir die Kawa und die Yamaha an einem kühlen Sonntagmorgen. Anfahrt und Alltag sind schon auf den ersten Kilometern Richtung Lac de Mont Cenis vergessen. Kurve für Kurve wächst das Zutrauen in die Haftfähigkeit der Stollenprofile, und mit jeder Serpentine schießen wir uns besser auf das ultrascharfe Handling der beiden motorisierten Mountainbikes ein. Große Bögen? Nix da, wir peilen auf direktem Weg die Kurveninnenseite an, drücken die Enduros rein und geben gleich wieder Vollgas: die pure Leichtigkeit des Seins auf zwei Rädern.

Warm wird uns spätestens auf dem Weg zum 2167 Meter hohen Colle delle Finestre. Kurze Geraden, enge Haarnadelkurven und 50 Prozent Schotteranteil sorgen für Hochstimmung. Bella Italia: Mit behördlichem Segen darf (trotz einiger Streckensperrungen) auf vielen Offroad-Pisten noch Gas gegeben werden. Wie auch auf der "Strada dellAssietta", für die sogar eine eigene Website wirbt. Mit Erfolg, denn auf den über 40 Kilometern zwischen dem Colle delle Finestre und Sestriere begegnen uns Wanderer, Mountainbiker und ein versprengter Rennradfahrer, stauben uns XTs, Africa Twins, GS, Quads, aber auch versprengte Kleinwagen ein.

Schwere Baumaschinen zeugen davon, dass die ehemalige Militärstraße in einem passablen Zustand gehalten wird. Sie reiht die 2000er Gipfel wie Zacken eines Kamms aneinander: Colle und Testa dell'Assietta, Colle di Lauson, Colle Blegier, Monte Genevris, Colle Costa Plana, Colle Bourget, Colle Basset und Colle di Sestriere. Wovon auch ungeübte Assietta-Ausflügler profitieren, zumindest solange kein Regen fällt und der Untergrund nicht die Konsistenz von Schmierseife annimmt.

Assietta-Kammstraße

Assietta-Kammstraße.  

Foto: Schlüter  

Der zweite Akt: Talfahrt und Tunnelblick
An dem kleinen, unscheinbaren Schild in La Condamine de Chatelard bin ich jahrelang achtlos vorbeigerauscht: Tunnel du Parpaillon. In diesem Moment nur ein Wegweiser, Stunden später ein Erlebnis, für immer verknüpft mit Erinnerungen in 3D. Wenige Kilometer Asphalt, eine holprige Passage durch ein Waldstück, und der Vorhang hebt sich zum zweiten Offroad-Akt.

Grandios die vor uns liegende Bühne: Links und rechts ragen Bergmassive empor, besetzt mit nach Wasser dürstenden braunen Grasnarben und kahlen, grauen Kämmen unter einem beständig blauen Himmel. Wir sind die einzigen Motorradfahrer, die sich auf dem staubigen Schotterweg auf 2632 Meter Höhe schrauben. Die imposante Inszenierung des Natur-Bühnenbilds, die Einsamkeit, der unbekannte Pass und dazu die Unbeschwertheit, mit der die 250er selbst durch losen Schotter und zu feinem Staub zermahlenes Gestein pflügen, machen jeden Meter zu einem Erlebnis. Inklusive des 500 Meter langen, stockdunklen Tunnels mit seinem Parkett aus aneinandergereihten Pfützen. Auf der anderen Seite nehmen nur ein paar weidende Kühe von uns Notiz. Im Gegensatz zum stillen Parpaillon wirkt die Assietta im Rückblick wie ein lebhafter italienischer Marktplatz.

Den 25 Kilometer entfernten Einstieg zum Lac de Leuzet findet nur, wer ihn mit Absicht sucht und beispielsweise im "Denzel, der Bibel für Alpentourer, geblättert hat. Geboten werden 16 Kilometer Faszination, die komplette Palette von engen Asphaltkehren, Wald- und Wiesenwegen, peppigen Steilstücken und kleinerem wie größerem Gestein sowie als Zugabe ein kleiner Bergsee, den die letzten Strahlen der untergehenden Sonne streicheln.


 Nichts mehr verpassen! Hier den MOTORRAD-Newsletter abonnieren

 Übersicht: Europa-Reisen des MOTORRAD action teams


Der dritte Akt: Ganz hoch hinaus
Der letzte Tag beginnt mit einem Tipp: Cedric, der sympathische Eigner der Herberge "Gîte le Passe Montagne" in Chantemerle, erzählt uns von der Möglichkeit, vom nahen Col de Granon aus Nevache auf Schotterpisten anzusteuern. Ein verführerischer Gedanke, dessen Schönheitsfehler uns erst oben am Col offenbart wird: Die vom großen Wanderparkplatz startende Militärstraße ist mit einem unübersehbaren Verbotsschild verunziert. Ein vorbeischlendernder Soldat lächelt verschmitzt, als er uns ein "Ihr dürft euch nur nicht erwischen lassen" mit auf den Weg gibt. Also prötteln wir im zweiten Gang mit aller gebotenen Zurückhaltung an der Bergflanke entlang, verpassen prompt den Abzweig und geraten auf einen Wanderweg der Marke Maultierpfad. "Non, non, impossible, hier gehts für euch nicht weiter", bedeutet uns ein französisches Paar, das uns entgegenkommt. Statt der erwarteten Predigt ernten wir freundliche Hilfsbereitschaft. Bereitwillig wird uns mithilfe einer Wanderkarte der Weg nach Granon gewiesen. "Mais oui, den können Sie nehmen, den fährt unser Sohn mit dem Mountainbike auch.

"Unterhalb des Col de lEchelle passieren wir die Grenze nach Italien und folgen in Bardonecchia den Wegweisern Richtung Rochemolles. Der Adrenalinspiegel steigt, vor uns liegen 23 Kilometer, davon zwei Drittel unbefestigt, 2000 Höhenmeter und ein 3050 Meter hohes Fahrtziel. Doch Zahlen können die Dimension des Colle Sommeiller nicht im Entferntesten wiedergeben. Er ist ein nicht enden wollender Endorphin-Trip ins Hochgebirge, der den Höhepunkt wieder und wieder hinausschiebt. Immer dann, wenn man sich schon am Ziel wähnt, hält die mausgraue Buckelpiste noch eine Zugabe bereit. Hochtal folgt auf Hochtal, Kehre auf Kehre, Wände türmen sich auf, von denen Wasserfontänen in die Tiefe fallen, während die Stollenreifen in den pulvrigen Serpentinen oberhalb der Refugia Scarfiotti mächtige Staubfontänen aufwirbeln. Die Luft wird spürbar dünner, doch mit dem sinkenden Sauerstoffgehalt steigt der Spaß am Gipfelsturm nur noch mehr. Der Colle Sommeiller ist der Höhepunkt des dreitägigen Grenzverkehrs und der Ritterschlag für die kleinen Enduros, die uns nie überfordert und deshalb durchgehend Freude gemacht haben. Und an eine Zeit erinnerten, als der graue Lappen noch fest wie ein frisch gestärkter Hemdkragen in der Belstaff-Jacke steckte und die Bedeutung von Hubraum und Leistung im umgekehrten Verhältnis zur Größe der Leidenschaft stand.

Epilog
Als wir den Parkplatz am Sommeiller verlassen, stellt ein schweißüberströmter GS-Pilot seine BMW auf den Seitenständer und atmet schwer. Ich verbeiße mir die Frage, ob man mit der dicken Deutschen wirklich ernsthaft Enduro fahren kann.


WEITER ZU SEITE 2: Infos

1 | 2 |     

DIESEN ARTIKEL KOMMENTIEREN 


  • Marke

    Lade...

  • Modell

    Bitte Marke auswählen!

Thema: Elektro-Bikes
Das E-Bike ist im Stadtverkehr eine echte Alternative. Hier finden Sie alle Infos zu E-Bikes und alternativen Antrieben.
PS-Redaktion: VIP-Fahrtraining mit Neukirchner
Für das zweitägige Motorradtraining auf dem Sachsenring gibt es noch freie Plätze. Mit dabei: Redakteure und Profi-Rennfahrer!
Neu: iPhone-App von MOTORRAD
Ab sofort steht die neue iPhone-App "MOTORRAD für iPhone" im App-Store zum Download zur Verfügung.
"Oben ohne" an der star Tankstelle
Gratis-Kaffee für alle Biker – Die Kaffee-Biker-Aktion der star Tankstellen geht pünktlich zum Beginn der Saison in die nächste Runde.
Reifen-Spezial: Alles über Motorradreifen
Große Übersicht über Tourenreifen, Sportreifen und Hypersportreifen - inklusive Testergebnisse, Reifenkunde und Testtagebuch.
Motorrad-Hotels
powered by
Reiseangebote
Aktuell aus dieser Rubrik
Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien

Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien Den nahen Osten auf zwei Räder erkunden

Spanien von Nord nach Süd

Spanien von Nord nach Süd Mit dem Motorrad von Costa Verde bis zur Costa de la Luz

Kurvengespickte Strecken zwischen drei Bergen

Kurvengespickte Strecken zwischen drei Bergen Motorradttour im Süden Frankreichs