13.10.2011 Von: Klaus Herder
Erschienen in: 22/ 2011 MOTORRAD

Mit Peter Maffay unterwegs in Rumänien Deutschlands erfolgreichster Musiker auf Tour

Siebenbürgen liegt nicht gerade vor der Haustür, die Anreise über Österreich und Ungarn zieht sich. Aber der Weg ist das Ziel. Zur Belohnung gibt's malerische Städte, geniale Berge und sehr viel Gastfreundschaft.

Eine Reisereportage durch Rumanien mit Deutschlands erfolgreichstem Musiker - Peter Maffay.

Die Foto-Show zur Reportage.  

Er ist einfach plötzlich da. Kein Manager, kein Bodyguard, kein Speichel leckender Adlatus, der dem Meister jeden Handgriff abnimmt. Maffay mischt sich solo und ohne irgendein Tamtam unter die Harley-Fahrer, die im Innenhof eines Hotels in Sibiu (Hermannstadt) ihre Maschinen bepacken. Erster Eindruck: sehr ruhig, sehr höflich, sehr viele Muskeln und viele Tattoos. Und gar nicht mal so extrem kurz, wie er in Persiflagen immer dargestellt wird. Maffay ist einer von 26 Harley-Fahrern, die gemeinsam drei Tage durch Siebenbürgen fahren werden. Für 25 von ihnen ist es etwas Besonderes, mit dem Deutschrocker als Reiseleiter durch ein für sie völlig unbekanntes Land zu touren. Und für den 61-jährigen Maffay ist es etwas Besonderes, das erste Mal mit einem Motorrad in seine Geburtsstadt Kronstadt (heute Brasov) fahren zu können.

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Als Alleinreisender wäre wohl keiner der Tour-Teilnehmer auf die Idee gekommen, mit seinem meist aufwendig umgebauten und sündhaft teuren US-Eisen ausgerechnet durch Rumänien zu cruisen. Doch diese Gruppenreise ist anders; denn diese Reise ist eine Charity-Tour, also eine Wohltätigkeitsveranstaltung, was deutlich fieser und irgendwie nach Träne im Knopfloch klingt. Betroffenheitstourismus ist aber ganz und gar nicht angesagt. Dafür sorgen schon Axel und Roger, Geschäftsführer von Harley-Davidson Hamburg Nord, ehemalige Geschäftspartner von Maffay und immer noch die Kümmerer, wenn es um die Motorräder des Rockstars geht. Die Wuchtbrummen Axel und Roger würden auch prima in eine US-Sitcom passen („Two and a Half Bike“?) und stellten aus dem erweiterten Kundenkreis ein illustres Teilnehmerfeld zusammen, das neben den reinen Reisekosten einen ordentlichen Spendenbetrag zahlen durfte, um dabei zu sein.

 

So kam ein netter fünfstelliger Betrag zusammen, der der Peter Maffay Stiftung für ein Projekt in Rumänien zugute kommen wird.

Um den Spenden-Gegenwert einer Mittelklasse-Harley einzuspielen, müsste ein Top-Star wie Maffay - über 40 Millionen verkaufte Alben, jede Tournee ausverkauft - vermutlich nur ein halbstündiges Clubkonzert geben. Warum tut er sich dann diese Tour an? Ein paar Vermutungen. Erstens: Maffay ist ein begnadeter Netzwerker, der kapiert hat, dass für seine vielen sozialen Projekte gute Kontakte oftmals wichtiger sind als schnöder Mammon. Und solche Kontakte lassen sich auf einer solchen Tour durchaus knüpfen und pflegen. Zweitens: Maffay liebt seine Heimat und seine Projekte und möchte so oft wie irgend möglich vor Ort sein. Drittens: Maffay ist immer noch Motorradfahrer mit Leib und Seele. Nicht nur bei Sonnenschein und PR-Terminen, sondern auch ohne Kamera und bei Regen - wie der Autor dieser Zeilen live erleben durfte.

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Peter Maffay und MOTORRAD-Redakteur Klaus Herder.  

Foto: Ratering  

Womit wir auf den ersten Kilometern unserer Siebenbürgen-Transsilvanien-Rumänien-Tour wären. Schon bald liegt das malerische Sibiu, völlig zu Recht Europäische Kulturhauptstadt 2007, hinter uns. Erstaunlich flott rollt die Kolonne auf der gut ausgebauten E68 Richtung Osten. Das Harley-Klischee vom Zahnwälte-Bike mag unsere Gruppe zum großen Teil erfüllen - Ärzte, Anwälte und Steuerberater sind tatsächlich überproportional vertreten, doch die Herren gasen ordentlich an und wissen sehr genau, was sie da machen. Mittendrin Peter Maffay, der auffallend viel Platz zum Vordermann hält, das Bremslicht seiner Road King nur äußerst selten aufleuchten lässt und trotzdem immer präsent ist. Sein Fahrstil: sehr rund, sehr kontrolliert - ein Teamplayer, dem man sofort abnimmt, dass er die Rolle des Mannschaftskapitäns souverän ausfüllen würde.

Rechter Hand lockt schon seit ein paar Kilometern die Silhouette der Südkarpaten. Genauer gesagt des Fagaras-Gebirges, das Siebenbürgen von der Großen Walachei trennt. Wir schwenken südwärts und landen auf der Nationalstraße DN 7C. Eben noch pottebener Belag, jetzt jede Menge Asphalt-Flickwerk und Schlaglöcher, bei denen man versucht ist anzuhalten, um nachzuschauen, ob nicht irgendwelche Kinder darin spielen. Egal, das ist nicht irgendeine Nationalstraße, das hier ist das Vorspiel zur legendären Transfogarascher Hochstraße (Transfagarasan). Was mit satten Weiden, gemächlich plätschernden Bächlein und lichten Tannenwäldern harmlos-kitschig beginnt, entpuppt sich nach rund zehn Kilometern als eine hochalpine und völlig willenlos in die Landschaft geknallte Gebirgsstraße.

 

Ein Großteil der einschlägigen Alpenpässe ist im Vergleich dazu Kindergartenprogramm. Dieses wilde Winkelwerk sieht so aus, als ob unter Drogen stehende Straßenbauern mit überdimensionalen Carrera-Bahn-Teilen gespielt hätten. Ausschließlich mit Kurvenstücken, die Geraden waren wohl gerade aus. Unvermittelt wechselnder Belag verschafft den Kurvenräubern auch hier einen zusätzlichen, aber eher unfreiwilligen Kick, doch wenigstens die ganz großen Schlaglöcher fehlen. Rund 90 Kilometer lang ist die spektakuläre Straße, die auf nur im Sommer zu befahrende 2014 Meter hinaufführt und zu der auch ein knapp 900 Meter langer und sehr, sehr dunkler Tunnel gehört. Wir beschränken uns auf die ersten und besonders reizvollen 40 Kilometer - natürlich inklusive Pass und Tunnel - und drehen dann um. Probleme, Verluste? Fehlanzeige, die Herren Harley-Fahrer machen ihren Job hervorragend. Quasi-Starrrahmen und Extrem-Apehanger hindern niemanden daran, die Serpentinen und Haarnadelkurven sehr flott zu umrunden.

Zurück auf der E68 ist Ausrollen angesagt. Äußerst konzentriertes Ausrollen, denn ein Großteil der einheimischen Autofahrer praktiziert eine eher lebensverneinende Überholtechnik. Bei rund 120 km/h. Und auf einer sehr dicht befahrenen rumänischen Landstraße. Verluste? Der unmittelbar vor Tourbeginn aus den USA angereiste Jens leidet noch etwas unter Jetlag, nimmt bei voller Fahrt ein kleines Nachmittagsschläfchen und wacht mit nur etwas Aua im gegenüberliegenden Straßengraben auf. Mächtig viel Glück gehabt! Tourarzt und Service-Car-Besatzung haben zu tun, der Rest der Truppe rollt in Brasov (deutsch: Kronstadt) ein.

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Kradeln in Radeln: Das abgelegene und von der Welt vergessene 400-Einwohner-Dorf ist Standort des jüngsten Projekts der Peter Maffay Stiftung.  

Foto: Ratering  

In einem Vorort der heute 280000 Einwohner zählenden Stadt kam Peter Maffay am 30. August 1949 zur Welt. Knapp 62 Jahre später fährt er das erste Mal im Leben mit einem Motorrad durch seine großzügig angelegte und südeuropäisch-heiter wirkende Heimatstadt, und man merkt ihm durchaus an, dass da nicht nur eine kleine Träne heimlich verdrückt wird. Beim Stadtrundgang und der Besichtigung der Schwarzen Kirche, des Wahrzeichens der Stadt, offenbaren sich Maffays Reiseführertalente. Der Mann ist auch ohne Musik äußerst unterhaltsam, sehr belesen und erstaunlich witzig. Mit der munteren Maffay-Reiseleitershow geht es nach einem etwas längeren Abend (nein, Maffay zog sich nicht um 20 Uhr zurück, der Mann hat Durchhaltevermögen) und einem morgendlichen Landregen (ja, Maffay fährt auch bei solchem Wetter Motorrad, was nicht für alle Tourteilnehmer gilt) im 30 Kilometer südwestlich von Brasov gelegenen Bran weiter.

Die dort als „Dracula-Schloss“ vermarktete Törzburg ist Schloss Neuschwanstein auf rumänisch. Also völlig überlaufen, von einem unglaublich kitschigen Souvenir-Markt umgeben - und trotzdem absolut sehenswert. Denn die märchenhafte Lage und liebevolle Ausstattung lassen jeden Touri-Trubel vergessen. Ob der walachische Fürst und als „Pfähler“ bekannte VladTepes III. - die historische Vorlage für die Romanfigur Dracula - überhaupt jemals in der Törzburg weilte, ist dabei gar nicht mal sicher, aber eigentlich auch egal.

 

Mit Dracula-Tassen im Gepäck geht es wieder richtung Kronstadt. Und weiter nördlich davon in eine Region mit hoher Kirchenburgen-Dichte. 300 dieser Kombinationen aus Sakral- und Wehrbauten entstanden vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in Siebenbürgen, rund 150 davon sind noch erhalten. Früher dienten die Kirchenburgen dazu, die Dorfbevölkerung mit Vieh und Vorräten vor durchziehenden Horden zu schützen. Eine der wehrhaften Anlagen ist heute ein Schutzraum für Kinder: Die Kirchenburg Radeln (rumänisch Roades), rund 100 Kilometer von Kronstadt entfernt, ist das jüngste Projekt der Peter Maffay Stiftung und Hauptziel der Charity-Tour. Spendenscheck-Übergabe, warme Worte des Bürgermeisters, Gruppenfoto-Termin - alles sehr schön. Doch was diesen Ort zum Höhepunkt der Reise werden lässt, sind die ausführlichen und sehr persönlichen Erläuterungen, die Maffay bei einem Rundgang gibt. Man muss seine Musik nicht unbedingt mögen, doch spätestens hier merkt man, dass der Typ ein echter Menschenfreund und einfach unglaublich feiner Kerl ist.

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