27.10.2011 Von: Joachim Deleker
Erschienen in: 23/ 2011 MOTORRAD

Unterwegs: Pyrenäen mit dem Motorrad durchqueren Erkundung der französischen und spanischen Pyrenäen

Die spanischen Pyrenäen sind ganz anders als ihr französisches Pendant: spannender, einsamer, überraschender und wilder. Eine Hochgebirgs-Kreuzfahrt zwischen zwei Meeren.

Einmal quer durch: Erkundung der französischen und spanischen Pyrenäen.

Foto-Show: Motorradreise durch die französischen und spanischen Pyrenäen.  

IN DIESEM ARTIKEL

Es gibt in Europa nicht viele Gebiete, wo der Weg vom Meer bis in die Wüste so kurz ist. Kaum zwei Stunden sind vergangen, seitdem ich dem Atlantik am Cabo Higuer das Rücklicht der Ténéré gezeigt und durch die üppig grünen Hügel des Baskenlands Kurs auf Zaragoza genommen habe. Und nun, eine Handvoll Kilometer östlich von Arguedas, zerbröckelt die schmale Teerstraße zu einer steinigen Staubpiste, die geradewegs in die Wüste zielt. Bárdenas Reales, ein knochentrockenes Areal im Regenschat-ten der Pyrenäen, zerfurcht von wasserlosen Barrancos, garniert mit bizarr erodierten Bergen in allen Pastellfarben zwischen Weiß, Rot und Braun. Eine wundersame Szenerie, die mächtig nach Freiheit, Weite und Abenteuer schmeckt.

Eine lange Staubfahne wirbelt hinter der XT, die ich über die rumpelige Piste nordwärts treibe. Allmählich bleibt die Wüste zurück, vereinzelte Weizenfelder, magere Wiesen und ein paar Schafe tauchen auf. Im letzten Licht des Tages erreiche ich Ruesta am Stausee von Yesa, folge dem kleinen Schild „Albergue“. Elena, Chefin vom Dienst, hat noch eine Gazpacho-Suppe für mich. Und einen ungewöhnlichen Platz fürs Zelt: direkt neben den Ruinen des alten Dorfs. Und sie erzählt von der langen Geschichte Ruestas. Im elften Jahrhundert erbauten die Mauren das mächtige Castello. In dessen Schutz entstand der wohl-habende Ort. Die Jahrhunderte verstrichen, bis Diktator Franco das Dorf in den 1960er-Jahren zwangsräumte und dem Verfall preisgab. Heute ist Ruesta ein Wiederaufbauprojekt. Zwei Häuser sind perfekt restauriert, alles andere ist aber akut einsturzgefährdet. Wenigstens gibt es wieder Leben zwischen den Ruinen, der Jakobsweg-Boom bringt Pilger in die urige Herberge.

Mehr über ...
Frankreich  Motorradreisen  Pyrenäen  Spanien 

Nördlich von Ruesta beginnen die Pyrenäen. Kleine, einsame Straßen legen sich mit den Bergen an, sind außerhalb der sommerlichen Saison fast verkehrsfrei. Ein ideales Revier für - je nach Gusto - entspanntes oder verschärftes Motorradwandern. Zweisprachige Schilder, baskisch und spanisch, erleichtern das Navigieren zwischen blitzsauberen Orten und führen mich zur „Foz de Arbayún“, der berühmten Schlucht bei Lumbier. Der Rio Salazar modelliert schon eine Weile an diesem Canyon mit seinen senkrechten weißen Kalkwänden herum. Gänsegeier kreisen in der Thermik des Morgens lautlos über der Schlucht. Ein Platz zum Staunen.

Ich folge dem Rio Salazar flussaufwärts zum Grenzpass Puerto de Larrau, schwinge 1200 Höhenmeter hinab ins französische Vallée de Soule und treibe die XT über das kleine Sträßchen gleich wieder hinauf zum Col de la Pierre St. Martin. Die Aussicht von dort oben könnte pausenfüllend sein, kämen nicht mächtig dunkle Wolken von Norden, aus denen zackige Blitze flackern. Nichts wie weg hier. Offenbar habe ich ein Highspeed-Gewitter hinter mir. Obwohl die Ténéré keineswegs langsam unterwegs ist, kann ich die schwarze Wand kaum abhängen. Erst im Tal des Rio Aragón entkomme ich dem bedrohlichen Spektakel, düse aber gleich weiter bis nach Riglos am Rio Gállego.

Motorradreise_Pyrenaen_Frankreich_Spanien_100 (jpg)

In der Einsamkeit der spanischen Pyrenäen finden sich uralte Brücken, die immer noch halten.  

Foto: Deleker  

Direkt hinter den weißen Häusern ragen die Mallos de Riglos in den endlich wieder blauen Himmel. Fantastische rotgelbe Felstürme, senkrecht, riesig und bizarr, ein Paradies für Kletterer und Fotografen - und doch kaum bekannt. Nicht mal der Reiseführer erwähnt diese Berge.

Ganz anders ergeht es da dem Herzstück der spanischen Pyrenäen, dem Ordesa Nationalpark. Im Sommer ist sogar die Zufahrtsstraße von Torla ausschließlich per Shuttlebus befahrbar. Zum Glück bleibt mir das erspart, ich darf auf den eigenen Rädern ins enge Ordesatal rollen. Eine beeindruckende Schlucht, gestaltet von eiszeitlichen Gletschern und eingerahmt von gewaltigen Bergen. Trotzdem bleibt mir der wahre Reiz des Tals verborgen, dazu müsste ich noch einige Stunden am Ufer des Rio Arazas bergauf stiefeln. Ich bekenne mich zur momentanen Fußfaulheit, wende die Yamaha und klettere lieber hinauf zum Aussichtspunkt hoch über der Garganta de Añisclo. 1200 Meter hohe senkrechte Wände engen den berühmtesten Canyon der Pyrenäen ein. Weit oben bohren sich die drei verschneiten Gipfel des Monte Perdido in den Himmel. Eine monumentale Bergwelt, von der UNESCO zum Weltnaturerbe geadelt.

Mindestens genauso spannend ist der benachbarte Canyon des Rio Vellos. Für die kaum 15 Kilometer im Desfiladero de Vellos brauche ich drei Stunden. Was nicht daran liegt, dass ich die XT schiebe, sondern weil es einfach so viel zu bestaunen gibt. Die Eindrücke wechseln im Sekundentakt. Von den überhängenden Felswänden fallen feine Wasservorhänge auf die einspurige Straße. Manchmal verengt sich die Schlucht zu einem so schmalen Einschnitt, dass der Himmel kaum noch zu sehen ist. In Kalksteinhöhlen am Wegesrand wachsen meterlange Stalaktiten.

Nur ein paar Gasstöße weiter ist das Tal des Rio Ara von ganz anderem Charakter, eine der schönsten Landschaften des nördlichen Aragón. Pappeln säumen die Ufer, Mohnblumen und Weizenfelder leuchten im Gegenlicht vor schwarzen Bergen. Und immer wieder Geisterdörfer, die von der Landflucht des letzten Jahrhunderts zeugen. Die jungen Leute wollten das karge Leben der Alten nicht mehr und zogen in die großen Städte. Das Schicksal vieler Dörfer war besiegelt. Fast jeder zweite Ort im Hoch-Aragón ist heute verlassen und verfällt. Immerhin ist dieser Trend gestoppt, der Tourismus bringt ein wenig Geld und Hoffnung, einige alte Häuser sind restauriert worden. Wie in Javierre, einem winzigen Ort zwischen Leben und Sterben, morbide, aber voller Atmosphäre.

Motorradreise_Pyrenaen_Frankreich_Spanien_080 (jpg)

Javierre zählt zu den alten Dörfern im Tal des Rio Ara, in die langsam Leben zurückkehrt, die aber noch immer diese reizvolle, morbide Atmosphäre ausstrahlen.  

Foto: Deleker  

Javierre liegt an der Nationalstraße 260, jener Pyrenäen-Lebensader, die am Mittelmeer beginnt und sich westwärts immer in Sichtweite der Berge hält. Die verkehrsarme N260 musste mächtig unter dem Bauwahn der letzten 20 Jahre leiden, Milliarden Euro von EU-Geldern wurden nicht nur hier in äußerst fragwürdige Schnellstraßenprojekte verbuddelt. Dort, wo die N260 noch im Originalzustand ist, macht sie einfach nur Spaß, bis die gute, kurvige Straße dann urplötzlich das Schlängeln bleiben lässt und sich schnurgerade über Brücken, durch Tunnel und ohne Rücksicht auf die Landschaft Bahn bricht.

Zum Glück sind die meisten Nebenstraßen von der Bauwut verschont geblieben. Als ich in Tremp auf die C1412 abbiege, liegt eine der spannendsten Etappen Kataloniens vor mir. Über die Pässe Bóixols und Jou entlang der Serra de Cadi. Bester Teer, eine Endorphin-fördende Streckenführung, die den Angstnippeln erst Angst und dann den Garaus macht, null Verkehr und unendliche Blicke über die hitzeflirrenden Ebenen im Süden. Ab und an kleine Dörfer mit ver-räuchterten Bars, wen interessiert hier das Rauchverbot? Ein schneller Café cortado, ein paar Tapas - und weiter. La Seu d‘Urgell, ein Stück N260 zum Entspannen, dann die Hammerpässe Toses und Merolla. 300 Kilometer purer Genuss.

Weitere Artikel: Reise
Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien

Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien Den nahen Osten auf zwei Räder erkunden

Spanien von Nord nach Süd

Spanien von Nord nach Süd Mit dem Motorrad von Costa Verde bis zur Costa de la Luz

Kurvengespickte Strecken zwischen drei Bergen

Kurvengespickte Strecken zwischen drei Bergen Motorradttour im Süden Frankreichs

Soll ich umkehren? Noch mal fahren? Ein verlockender Gedanke, aber das Mittelmeer ist inzwischen so nah, dass ich es fast riechen kann. Nur noch eine Stunde bis zum östlichsten Punkt der Iberischen Halbinsel, dem Cap de Creus. Der fotogene weiße Leuchtturm hoch auf den Klippen markiert das Ende der spanischen Pyrenäen. Schade, dass ich keine Zeit mehr habe, denn sonst würde ich jetzt tatsächlich umdrehen und zurück zum Atlantik fahren. Es gäbe noch so unendlich viel zu entdecken.


WEITER ZU SEITE 2: Reiseinfos

1 | 2 |     

DIESEN ARTIKEL KOMMENTIEREN 


  • Marke

    Lade...

  • Modell

    Bitte Marke auswählen!

Thema: Elektro-Bikes
Das E-Bike ist im Stadtverkehr eine echte Alternative. Hier finden Sie alle Infos zu E-Bikes und alternativen Antrieben.
PS-Redaktion: VIP-Fahrtraining mit Neukirchner
Für das zweitägige Motorradtraining auf dem Sachsenring gibt es noch freie Plätze. Mit dabei: Redakteure und Profi-Rennfahrer!
Neu: iPhone-App von MOTORRAD
Ab sofort steht die neue iPhone-App "MOTORRAD für iPhone" im App-Store zum Download zur Verfügung.
"Oben ohne" an der star Tankstelle
Gratis-Kaffee für alle Biker – Die Kaffee-Biker-Aktion der star Tankstellen geht pünktlich zum Beginn der Saison in die nächste Runde.
Reifen-Spezial: Alles über Motorradreifen
Große Übersicht über Tourenreifen, Sportreifen und Hypersportreifen - inklusive Testergebnisse, Reifenkunde und Testtagebuch.
Motorrad-Hotels
powered by
Reiseangebote
Aktuell aus dieser Rubrik
Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien

Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien Den nahen Osten auf zwei Räder erkunden

Spanien von Nord nach Süd

Spanien von Nord nach Süd Mit dem Motorrad von Costa Verde bis zur Costa de la Luz

Kurvengespickte Strecken zwischen drei Bergen

Kurvengespickte Strecken zwischen drei Bergen Motorradttour im Süden Frankreichs