21.01.2010 Von: Rolf Henniges
Erschienen in: 03/ 2010 MOTORRAD

Roadstory: eine Schnapsidee Unterwegs zum Monte Grappa

Die Grappa-Flasche war leer. Wir hatten vier Tage Zeit, um aus Italien eine neue zu besorgen. Eine Roadstory.

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Die Grappa-Flasche war leer. Wir hatten vier Tage Zeit, um aus Italien eine neue zu besorgen. Eine Roadstory.  

Foto: Henninges  

Irgendwann vergisst man zu zählen. Sind 18 oder gar 19 Monate vergangen seit unserer letzten Tour? Egal, zwei wären schon zu viel. Aber was willst du machen? Als Sklave des Alltags? Seit Ewigkeiten planen Andreas und ich, mal wieder einfach drauflos zu fahren. Seit Ewigkeiten kommt irgendwas dazwischen. Kind plötzlich krank, Kind plötzlich da, Banktermin, Eltern zu Besuch, Zimmer ausbauen, Garten umgraben - irgendwas ist immer.

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Gemeinsame Events reduzieren sich nur auf Schwimmen, Radeln oder Grillen. So wie an diesem Abend im Mai 2009. "Mist", sagt Andreas, "die Flasche Grappa ist leer. Ich bring dir beim nächsten Mal wieder eine mit."

 

Ich schaue auf das Etikett: Nardini Aquavite Riserva. "So einen bekommst du hier nicht so einfach." Wir sitzen neben dem Lagerfeuer, Funken sprühen, die Kinder sind im Bett, die Frauen vorm Fernseher. "Wären wir jetzt noch 20, würden wir einfach eine aus Italien holen. Eine echte. Werksmaterial sozusagen." Das Holz prasselt, Minuten vergehen. Wir schauen uns an. Irgendwann gibt es keine Ausreden mehr. Man sollte das Leben nicht immer auf den nächsten Tag verschieben. "Morgen früh Punkt neun", sagt Andreas, "vier Tage sollten reichen." Ich schlage ein: "Hand drauf!"

Um neun regnet es. Bedröppelt schaue ich auf den Reifen meiner Suzuki Gladius: Dunlop Sportmax Qualifier. Ein Gummi, der die Feuchtigkeit so liebt wie der Fisch das Land. "Keine Ausreden", sagt Andreas. Schlechte Reifen, mieses Wetter? "Denk an früher", sagt er. Und ich denke zurück an die vielen gemeinsamen XT-Touren: kein ABS, kein Fahrwerk, keine Bremsen. Alpen extrem. Beim scharfen Bergabfahren konntest du den Bremsgriff nach der dritten Kurve bis an den Lenker ziehen. So what?


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603 Kilometer einfache Strecke von der Haustür bei Stuttgart bis zum Berggipfel des Monte Grappa nahe Bassano, der Stadt, in der wir die Flasche kaufen wollen, berichtet Google. Wenn man Autobahnen ausgrenzt. Und das werden wir tun: quer über die Alp, die Lechtaler Alpen, vorbei an den Dolomiten und rein in die Vicentiner Alpen. Es ist Feiertagsverkehr, viele Biker sind unterwegs.

 

Nahe Gomadingen kommt uns ein Geschwader neuer BMW-Maschinen entgegen. Sie grüßen nicht zurück. Ob‘s an der zierlichen Gladius liegt? Zwiefalten auf der Alb, endlich hört der Nieselregen auf. Lichtblicke Richtung Süden. Die Wolken, eine Melange aus Grautönen, der Asphalt abgetrocknet, fern am Horizont glüht Hoffnung auf Wärme. Bad Buchau, Bad Wurzach, Isny - die Wolkendecke bekommt langsam Lücken. Endlich Sonne. Von Hindelang geht‘s über den Oberjoch-Pass zum Hahntenn-Joch.

Schmelzwasserfluss

Brücke über den Brenta bei Valstagna – von hier aus windet sich einer der atemberaubendsten Pässe Richtung Asiago.  

Foto: Henniges  

Dort stoppt uns ein Schild: "Wintersperre ab Passhöhe" prangt unübersehbar auf dem Wegweiser. Gleich daneben der Hinweis: "14 Tonnen". "Na, was jetzt?", sagt Andreas, "da liegen wir doch locker drunter." Ob die Schilder tatsächlich in Verbindung zueinander stehen? Ein paar Biker kommen den Berg runter, wir stoppen sie, wollen wissen, ob sie von der anderen Seite kommen. "Keine Chance", sagt ein Kerl auf einer KTM Supercompetition, "der Schnee liegt meterhoch."

 

Es ist Mitte Mai, ich nehm‘s ihm ab. Wir wenden uns Richtung Flexen-, Arlberg- und Reschenpass. Eine Baustelle im Tunnel stoppt den Verkehr. Auf der Pole Position der Warteschlange drängeln sich unzählige Motorradfahrer. Wir kommen uns vor wie Teil einer Invasion. Nichts für uns, Fahrer mit Pfadfindergedanken. Das Stilfser Joch ist ebenfalls noch geschlossen, so stranden wir abends in Kastelbell irgendwo vor Meran. Kleines Kaff, kleines Zimmer, nette kleine Bar, Holzofenpizza. Blick aufs Tal, wo tausende Obstbäume von den silbrigen Schweifen der Wasserwerfer geküsst werden. Als ich die junge Frau, die uns die Pizza bringt, frage, wo denn hier heute was los ist, beginnt sie zu lachen. Sie lacht beim Servieren, lacht beim Zurückgehen und lacht Minuten später noch in der Küche.


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Als sie uns am nächsten Morgen sieht, lacht sie wieder los, schüttelt den Kopf und echot: "Wo ist hier was los...?" Auf der Weiterfahrt sinniere ich über den Auslöser ihrer Heiterkeit. Ist hier wirklich nichts los, oder sehe ich aus, als würde ich nichts los machen können? Wir brechen unseren Vorsatz und stoßen bei Bozen kurz auf die Autobahn. Schmelzwasser tost in den Flüssen Adige und Isario. Bei Bozen Nord verlassen wir die Bahn, um unseren Pfadfinder-Hunger zu stillen: Eine kleine, zauberhaft einsame Straße schraubt sich von Prado aus kehrenreich nach oben. Zum Greifen nah, dennoch gut 15 Kilometer Luftlinie entfernt, sticht der 2564 Meter hohe Schlern aus den bepuderzuckerten Gipfeln. Ein gigantisches Panorama, das zur Pause ködert.

 

Für Momente wie diesen sind wir aufgebrochen. Wasserflasche, Wurst, Käse, Brot raus. Gevespert wird auf einem Baumstumpf. Stille sackt über uns zusammen wie eine flauschige Decke. Wir sind beide Ü40. Sind wie so viele unserer Altersgenossen termin- und verpflichtungshörig. Doch fast scheint es, als wäre diese Tour, wären diese vier freien Tage ein wuchtig gestanztes Loch in unserem durchgeplanten, gehetzten Dasein. "Weißt du", presst Andreas neben der Zigarette heraus, "ist eigentlich egal, ob sie am Monte Grappa das Zeug verkaufen oder nicht. Es ist gut, ein Ziel zu haben. Aber noch viel wichtiger ist es, einfach aufzubrechen."


WEITER ZU SEITE 2: Unterwegs zum Monte Grappa

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