Alles über Dichtungen Der richtige Ein- und Ausbau von Motorraddichtungen

Die Ölpfütze unterm Motor ist bei älteren Motorrädern keine Seltenheit. Doch wo tropft es raus? Und warum? In dieser Folge nehmen wir die Dichtung auseinander und passen sie sauber und tropffrei wieder ein.

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Foto: Bilski

Öl überall, Flecken unter dem Motor, wie kommt’s? Erst mal mit dem Finger in die Pfütze langen, daran riechen und den aufgenommenen Tropfen zwischen den Fingern verreiben. Ist es wirklich Öl? Öl stinkt und ist schmierig. Es kann aber auch Kühlflüssigkeit sein oder Bremsflüssigkeit - beides ist zwar „glitschig“, aber nicht „schmierig“.

Problemzone feststellen: Motor sauber putzen, und zwar NICHT mit einem Dampfstrahler, sondern mit den Händen, heißem Wasser, Motorradreiniger, Bürsten und Schwamm. Nach der Warmwasserwäsche den Motor mit einem weichen Strahl kalten Wassers sorgfältig abspülen und mit einem weichen Lappen trocknen. Man kann auch ganz weiche Druckluft nehmen und die Ecken am Motor, welche man mit dem Lappen nicht erreicht, trocken blasen.

Danach das Motorrad über eine trockene, saubere Stelle schieben und ein großes, sauberes und möglichst helles Tuch unterlegen. Motor starten und im Stand mindestens zehn Minuten warmlaufen lassen, abstellen. Jetzt genau hinschauen: Läuft irgendwo Öl heraus? Kommt es durch Gehäusedichtstellen durch? Läuft es aus einem Simmerring, der am Ende einer Welle eingebaut ist, wie z.B. bei der Getriebeabtriebswelle hinter dem Kettenritzel?

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Foto: Schermer

Motorgehäuse

Horizontal geteilte Motorgehäuse sind bei Reihen-Mehrzylindermotoren generell zu finden: Die untere und die obere Motorgehäusehälfte sind ohne zusätzliche Dichtung miteinander verschraubt. Bei der Montage wird eine feine Raupe flüssiger Dichtmasse auf die Dichtfläche einer Gehäuseseite gegeben.

Vertikal geteilte Motorgehäuse sind bei Einzylindern üblich und bei Zweizylindern selten: Zwischen den Gehäusehälften ist meistens eine Formdichtung verbaut; sie ist aus einem papierähnlichen Material und heißt deswegen „Papierdichtung“. Diese Motorgehäusedichtung wird sehr selten undicht. Und wenn, dann meist nur auf einem kleinen Stück.

Foto: Jahn

Gehäusedeckel

Rechts und links auf dem Motorgehäuse sind Deckel aufgeschraubt, wie z. B. über der Kupplung („Kupplungsdeckel“) oder der Lichtmaschine („Lichtmaschinendeckel“). In den meisten Fällen ist hier eine Papierdichtung zwischengelegt, die gerne mit Deckel und Gehäuse verklebt. Gefühlvolle Schläge mit einem Gummi- oder Plastikhammer ringsum auf den Deckel lösen ihn von der Dichtung.

Beim Zusammenbau immer eine neue Dichtung einbauen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Wenn keine neue vorhanden und die alte Dichtung bei der Demontage noch auf dem Motorgehäuse klebt und nicht zerrissen ist, kann man etwas Silikondichtmasse auf die Dichtfläche des Deckels geben, ablüften lassen und zusammenbauen. Die Papierdichtung unter dem Deckel des Ölfiltergehäuses sollte aber immer erneuert werden!

Foto: Schermer

Dichtungen am Zylinder

Mit der Zylinderfußdichtung ist der Zylinderblock auf dem Motorgehäuse abgedichtet. Weiter oben zwischen Zylinderblock und Zylinderkopf befindet sich die Zylinderkopfdichtung. Beide stehen unter großer Flächenpressung und gehen deswegen auch nicht kaputt, zumindest nicht bei Motorrädern aus den letzten 20 Jahren.

Bei älteren Motoren sind defekte Dichtungen an Zylinderfuß und Zylinderkopf normal. Bei älteren Motoren ist es zudem üblich, dass die Zylinderkopfschrauben (bzw. -muttern) regelmäßig nachgezogen werden müssen. Wer dies versäumt, hat mit einer durchblasenden Dichtung zu kämpfen. Von den beiden Zylinderdichtungen muss die Kopfdichtung mehr abdichten als die Fußdichtung, weil oben meist noch Kühlwasser- und Motorölkanäle eingearbeitet sind.

Die oberste Dichtung an einem Viertaktmotor ist die Ventildeckeldichtung. Bei den heute üblichen Ein- und Mehrzylindern ist sie als Gummi-Formdichtung gestaltet. Sie ist dauerelastisch und kann quasi ein Motorleben lang verwendet werden. Bei der Demontage also darauf achten, dass sie nicht zerreißt. Bei den meisten Motoren muss beim Einbau eine kleine Menge Silikondichtmasse in den „Halbmond“ der Nockenwellenlagerung gegeben werden, damit die Ventildeckeldichtung auch an den Ecken wirklich dicht ist.

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Dichtscheiben

Wenn Schrauben von der Außenseite des Motors in Durchgangsgewinde eingeschraubt werden, sind Dichtscheiben untergelegt; diese bestehen aus Aluminium, Kupfer oder einem Fibermaterial. Die Ölablassschraube ist das klassische Beispiel; weiterhin gibt es solche Dichtscheiben noch an der Wasserablassschraube, an der Verschlussschraube des Ölsteigkanals (Anschluss des Öldruckmessers) sowie an Sensoren für Öl- oder Wassertemperatur.

Zwar kann man Alu-Dichtscheiben zwei- oder dreimal verwenden, besser ist es aber, sie bei jeder Montage zu erneuern - sie kosten quasi nichts. Wenn man keine neue Dichtscheibe zur Hand hat, kann man eine schon benutze Kupferdichtung ausglühen und wieder „weich“ machen: Auf einer Heizplatte oder in einer Gasflamme auf 150 Grad erhitzen und unter kaltem Wasser abschrecken.

Foto: Schermer

Flüssiges Dichtmittel

Flüssiges Dichtmittel gibt es in Tuben oder Dosen. Fürs Motorrad unbedingt benzin- und ölresistente „Kraftfahrzeug-Dichtmasse“ kaufen, keine Sanitär-Dichtmasse aus dem Baumarkt verwenden.

  1. Bei den Dichtmitteln aus Tuben erlaubt eine feine Spitze exakt dosiertes Aufbringen auf die Dichtfläche.
  2. Dichtmittel aus der Dose werden durch einen am Verschlussdeckel angebrachten Pinsel auf die Dichtfläche aufgestrichen.


Bitte beachten, dass flüssiges Dichtmittel eine begrenzte Haltbarkeit hat. Es darf nur sehr dünn auf die fettfrei gereinigte Dichtfläche aufgetragen werden und nicht in Ölkanäle hineingeraten. Nach dem Aufbringen muss es etwa zehn Minuten ablüften, bis es „fingerfest“ angetrocknet ist. Erst dann die Bauteile zusammenfügen!

Dichtmittel aus der Dose, wie etwa „Teroson“, eignen sich in begrenztem Umfang auch dazu, ölundichte Stellen von außen ohne Zerlegung der Bauteile abzudichten: Dichtflächen fettfrei reinigen (Bremsenreiniger zu Hilfe nehmen), eine kleine Menge „Teroson“ aufschmieren und antrocknen lassen.

Foto: Schermer

O-Ringe

Als O-Ring bezeichnet man einen Dichtring, der aus einem im Querschnitt gleichmäßig runden Gummi- oder Silikonmaterial besteht. Die Gesamtform des O-Rings muss allerdings nicht „rund“ sein, sondern er kann entsprechend vorgeformt sein, wie das z. B. bei einer Vergasergehäusedichtung der Fall ist. O-Ringe gehen selten kaputt, es sei denn, sie werden bei der Montage gequetscht.

Ein neuer O-Ring muss genau dem vorgeschriebenen entsprechen; die Maßtoleranz beträgt nur 1/10 mm! Andernfalls ist er entweder zu dick und wird beim Einbau gequetscht. Ist er jedoch zu dünn, kann nicht richtig abgedichtet werden. Wenn eine Nut vorgesehen ist, muss der O-Ring exakt in diese eingelegt werden und darf weder seitlich herausstehen, noch sich aus der Nut herauswölben. Beim Einbau etwas Motoröl oder leichtes Fett an den O-Ring geben, auf keinen Fall aber eine „klebrige“ Dichtmasse!

Foto: Bilski

Ölnebel am Öleinfüllstutzen

Häufige Ursache: Der O-Ring, der in seiner Nut am Ende des Gewindes des Verschlussstopfens sitzt, ist zerdrückt, gerissen oder nicht mehr vorhanden. Dann wird immer etwas Öl während der Fahrt vom vorbeistreichenden Fahrtwind regelrecht herausgesogen.

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Wellendichtring („Simmerring“)

Ein Simmerring dichtet mit seiner haarfeinen Dichtlippe eine sich drehende Welle gegen ein stehendes Gehäuse ab. Simmerringe sind am Getriebeausgang hinter dem Kettenritzel, auf der Kurbelwelle rechts und/oder links, auf der Welle der Kupplungsbetätigung und der Schaltung eingebaut. Ein Simmerring kann kaputt gehen, wenn er verschmutzt ist und so seine Dichtlippe zerstört wird. Die Stelle am Getriebeausgang ist dafür sehr empfänglich, wenn über die Jahre viel Kettenfett abgeschleudert wird, das sich mit Straßendreck vermischt hier sammelt.

Einen defekten Simmerring kann man mit einem breiten Schraubendreher aushebeln. Nach dem Reinigen der Sitzstelle den neuen Simmerring exakt ansetzen und gleichmäßig eindrücken - oft lässt er sich mit einem kräftigen Daumendruck einbauen. Wenn nicht, ein spezielles „Einschlagwerkzeug“ zu Hilfe nehmen, oftmals passt auch eine entsprechend große Sechskantnuss.

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