Motorradflüsterer Werner "Mini" Koch nimmt sich der Leserfrage bezüglich des Reifenluftdrucks an.

PS-Serie Technik-Leserfragen Der Luftdruck-Trick

Dieses Mal in der Rubrik Technik-Leserfragen: PS-Leser Andreas wollte prinzipiell mal wissen, wie sich das Fahrverhalten bei veränderten Luftdrücken in den Reifen ändert. Wir erklären's.

Foto: Kawasaki
Weniger Luftdruck im Reifen hat sowohl Vor- wie auch Nachteile. So erwärmt sich der Reifen beispielsweise schneller, weil die Karkasse stärker walkt und durch die innere Reibung der Karkassfäden Hitze entsteht. Gleichzeitig ist aufgrund der höheren Arbeitstemperatur der Verschleiß größer und es kann zu gefährlichen Reifenschäden kommen.
Weniger Luftdruck im Reifen hat sowohl Vor- wie auch Nachteile. So erwärmt sich der Reifen beispielsweise schneller, weil die Karkasse stärker walkt und durch die innere Reibung der Karkassfäden Hitze entsteht. Gleichzeitig ist aufgrund der höheren Arbeitstemperatur der Verschleiß größer und es kann zu gefährlichen Reifenschäden kommen.

"Hersteller-Angaben werden als unumstößlich dargestellt und sind selbst mit Präzisionsluftdruckgeräten zum Beispiel von Flaig nur schwer einstellbar. Von Luftdruckgeräten/Werten von der Tankstelle, die eher einer Lotterie gleichen, ganz zu schweigen. Wann wird es gefährlich?"

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PS-Antwort

Reifenluftdruck ist ein stets aktuelles Thema, auch deshalb, weil viele widersprüchliche Meinungen in der Szene kursieren.

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Foto: Dunlop
Die Karkasse ist als tragendes Gerüst  der Verwendung entsprechend aufgebaut. Hier mit zusätzlichem Schnittgürtel auf der Lauffläche des Supersportreifens.
Die Karkasse ist als tragendes Gerüst der Verwendung entsprechend aufgebaut. Hier mit zusätzlichem Schnittgürtel auf der Lauffläche des Supersportreifens.

Generell ist für jedes Motorrad ein Fülldruck vorge­sehen, den der Fahrzeughersteller in Absprache mit dem Reifenlieferanten festlegt. Dabei steht die Sicherheit und die Erfüllung der gesetzlichen Normen an oberster Stelle. Deshalb hat sich in den letzten Jahren für die meisten Radial­reifen der sogenannte Norm-Luftdruck etabliert. Egal, ob es sich um eine leichte 600er handelt oder das Motorrad 300 Kilogramm auf die Waage bringt – in den meisten Fällen wird vorn 2,5 und hinten 2,9 bar empfohlen. Warum? Weil mit diesem hohen Luftdruck die maximal zulässige Traglast in Verbindung mit der erreichbaren Höchstgeschwindigkeit sichergestellt und der Fahrzeughersteller aus dem Schneider ist.

Je nach Reifenkonstruktion und Einsatzzweck muss der Norm-Luftdruck ­natürlich nicht dem Luftdruck entsprechen, mit der Reifen am besten funktioniert. Bis vor wenigen Jahren wurden für viele Motorräder zwei Luftdrücke angegeben. Ein niedriger Wert für den Betrieb nur mit Fahrer und ein hoher Wert für Fahrten mit Sozius und/oder Gepäck. Aktuell ist meist nur noch ein hoher Wert im Fahrerhandbuch aufgeführt, der jedoch individuell verändert werden kann. Es gilt jedoch generell: Für hohe Zuladung bei hohem Tempo ist immer der für das Fahrzeug vor­geschriebene Wert zu verwenden. 

PS
Die Aufstandsfläche eines Vorderrad-Sportreifens bei konstanter Fahrt (grün) und unter voller Bremslast (rot). Um Reifenschäden oder schlechtem Handling vorzubeugen, sollte der Luftdruck alle zwei Wochen ...
Die Aufstandsfläche eines Vorderrad-Sportreifens bei konstanter Fahrt (grün) und unter voller Bremslast (rot). Um Reifenschäden oder schlechtem Handling vorzubeugen, sollte der Luftdruck alle zwei Wochen ...

Wer sein Motorrad aber auf kurvige Strecken perfekt abstimmen möchte, kann durchaus den Luftdruck leicht absenken. Dazu sollte man aber wissen, dass reine Straßensportreifen wie der Bridgestone S 20/Pro, Conti Sport Attack, Dunlop Sportsmart, Metzeler M 5/7 oder Michelin Pilot Power/Power3 nicht für den bei reinrassigen Renn­reifen verwendeten Luftdruck von deutlich unter 2,0 bar gebaut sind. ­Diese Rennreifen haben eine Karkasse, die so kräftig aufgebaut ist, dass sie mit einem Kaltluftdruck von bis zu 1,6 bar vorn und 1,2 bar hinten bestens funktio­nieren, aber erst, sobald der Reifen auf rund 80 Grad erhitzt ist. 

Dabei steigt der tatsächliche Reifendruck um bis zu 0,4 bar vorn und 0,6 bar hinten an. Für den sportlichen Straßeneinsatz können die Kaltluftdrücke vorn bis auf 2,2 und hinten auf etwa 2,3 bar reduziert werden. Heiß gefahren steigern sich die Reifendrücke im Straßenbetrieb dann vorn um rund 0,3 und hinten um 0,4 bar.

Mögliche Vorteile bei abgesenktem Druck

 ■ Der Reifen erwärmt sich schneller, weil die Karkasse stärker walkt und durch die innere Reibung der Karkassfäden Hitze entsteht. 

■ Je nach Fahrzeuggewicht kann sich die Auflagefläche des Reifens vergrößern, was bessere Haftung und verbesserte Rückmeldung bewirken kann. 

■ Die Stoßdämpfung bei rauem Asphalt oder an Trennfugen/Frostaufbrüchen verbessert sich.

Übersicht über alle bisher gestellten PS-Leserfragen

Mögliche Nachteile bei abgesenktem Druck

■ Der Reifen verschleißt wegen der höheren Arbeitstemperatur schneller, und es kann zu gefährlichen Reifenschäden kommen.

■ Lenkkraft und Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage werden stärker. Ursache: der vergrößerte sogenannte Latsch, also die Aufstandsfläche unter Last.

■ Das Verschleißbild kann nach längerem Gebrauch mit abgesenktem Luftdruck speziell vorn Sägezahnbildung oder Profilauswaschungen aufweisen. 

Foto: Hertler
Motorradflüsterer Werner
Motorradflüsterer Werner "Mini" Koch nimmt sich der Leserfrage bezüglich des Reifenluftdrucks an.

Besser ein eigener Luftdruckprüfer

Wird das Motorrad auf der Autobahn bewegt, muss vorher der Luftdruck zwingend auf den korrekten Wert angehoben werden. Nein und noch mal nein – VOR der Autobahn wird an der Tanke Druck nachgefüllt und nicht irgendwann. Dabei wird genau der Wert ausgeglichen, der unter dem Norm-Luftdruck verwendet wurde. Wer also beispielsweise hinten 2,5 anstatt 2,9 bar eingefüllt hat, drückt jetzt die 0,4 bar mehr in den Reifen, auch wenn der heiß gefahren schon 2,9 bar anzeigt. 

Sicherheitshalber wird der Luftdruck bei abgekühlten Reifen nochmals gecheckt. Wer sichergehen will, macht dies mit einem eigenen Luftdruckprüfer (siehe Vergleich in PS-Heft 11/2013). Denn nicht alle Manometer an der Tankstelle werden regelmäßig einer Eichprüfung unterzogen.

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