Grundlagen Alles über ABS

Bei Autos ist es längst Standard, im Motorrad hatte es das ABS schwer, sich durchzusetzen. Jetzt scheint’s geschafft.

Foto: Gargolov
Marktsituation
Von allen rund 280 in diesem Jahr in Deutschland an­gebotenen Motorradmodellen haben rund 80 entweder serienmäßig oder gegen einen Aufpreis von 600 bis 1000 Euro ein Antiblockiersystem (ABS) – darunter auch preisgünstige Alltagsmotorräder vom Schlage einer Suzuki SV 650 oder Kawasaki ER-6. Beide Modelle werden in Deutschland ohne ABS gar nicht mehr angeboten. Damit hat sich der Blockier­verhinderer bei den Zweirädern 2008 endgültig vom Status des exotischen oder Luxus-Zubehörs verabschiedet. Reichlich spät: Dieses Sicherheitsplus ist im Automobilbereich bereits seit Jahren bei jedem Kleinwagen eine Selbstverständlichkeit. Doch der Vergleich mit dem Auto hinkt: Dort soll das Anti-Blockier-System in erster Linie während einer Vollbremsung die Lenkbarkeit der Vorderräder gewährleisten. Beim Motorrad ist die Hauptaufgabe des ABS eine andere: den Sturz, den ein blockierendes Vorderrad fast sicher bedeutet, zu verhindern. Außerdem soll es (genau wie beim Auto) den Bremsweg so kurz wie möglich halten.

Funktion
Beim Motorrad liegt der entscheidende Vorteil des ABS darin, dass der Fahrer in einer überraschenden Notsituation sofort und völlig bedenkenlos voll in die Bremse greifen und treten kann. Das Feintuning, etwa die nötige Abstimmung auf den jeweiligen Fahrbahnzustand (Ist die Straße nass? Liegt Sand drauf? Sind rutschige Markierungen da?), regelt die Elektronik für ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen. Diese misst – vereinfacht gesagt – mittels Sensoren an Vorder- und Hinterrad die jeweilige Raddrehung und verringert bei zunehmender Blockierneigung die Bremswirkung. Im Idealfall löst das Steuergerät die Bremse wieder genau so weit, dass sich bis das Rad jeweils noch ausreichend dreht, um genügend Seitenführungskraft übertragen zu können; sprich: dass das Rad nicht unkontrolliert zur Seite wegrutscht. Ein rutschendes Vorderrad führt zur völligen Instabilität des kompletten Motorrads, also höchstwahrscheinlich zum Sturz. Unterschiedliche Systeme regeln je nach Auslegung verschieden stark: Manche erlauben das Bremsen bis hart an die Blockiergrenze, andere gehen deutlich sanfter vor und nehmen die Bremskraft früher zurück.
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Der Nachteil, der keiner ist

Die physikalisch maximal mögliche Bremsleistung wird mit ABS nicht zu 100 Prozent erreicht. Allerdings wäre dazu auch ohne ABS nur ein bestens trainierter Fahrer unter absoluten Idealbedingungen in der Lage – die im öffentlichen Straßenverkehr so gut wie nie vorkommen. Mit anderen Worten: In der Praxis ist ein ABS-Motorrad einem Modell ohne ABS in Sachen Bremswirkung immer überlegen. Auch in psychologischer Hinsicht: Viele haben Angst vor den Folgen eines überbremsten Vorderrads. Des­halb bremsen Fahrer eines Motorrads ohne ABS oft viel zu vorsichtig und verschenken so möglicherweise lebensrettende Meter Bremsweg. Dies gilt umso mehr, je schlechter der Fahrbahnzustand ist. Bei Regen ist eine sichere Vollbremsung ohne ABS selbst für Profis praktisch nicht mehr machbar. Bei Enduros muss ein ABS abschaltbar sein, da diese auch auf losem Untergrund, etwa Sand oder tiefem Schotter, fahren. Dort kann zum Teil nur mit blockiertem Hinterrad effektiv gebremst werden. Das wiederum bricht dann zwar auch seitlich aus, die Folgen sind aber gut kontrollierbar.

Geschichte
Vorreiter war weltweit ganz klar BMW: 1988 führten die Bayern in ihrer K-Baureihe das erste Motorrad-ABS ein. Damals war es noch mit einem Mehrgewicht von 11 Kilo­­gramm verbunden. Zum Vergleich: Das Steuergerät des BMW-ABS der neuesten Generation wiegt gerade mal 2,3 kg. Andere Hersteller wie Honda oder Yamaha stat­teten in den Neunzigern lediglich ihre Luxus-Tourer mit dem Antiblockierer aus. Mittlerweile sind neben der Antiblockierfunktion weitere Brems­hilfen beim Motorrad möglich und auf dem Markt; etwa die Integralbremse.

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ABS im Detail

  • Der Sensor am Impulsring übermittelt in Sekundenbruchteilen die Werte der Raddrehung ans Steuergerät
  • Handbremsarmatur

  • Das Steuergerät regelt den Bremsdruck vorn und hinten im Idealfall bis unmittelbar vor die Blockiergrenze zurück, bis zu 15 Mal pro Sekunde
  • Fußbremshebel

  • Manche Systeme haben sogar eine Überschlagerkennung: Registriert der Sensor ein stehendes Hinterrad und ein drehen des Vorderrad, senkt er den Bremsdruck vorn
Warum rutscht ein blockierendes Rad weg?
Die Aufstandsfläche eines Reifens kann nur eine gewisse Gesamtmenge an Kraft auf die Straße übertragen. Diese Gesamtmenge müssen sich die Bremskraft (oder im umgekehrten Fall die Beschleunigungskraft) und die sogenannten Seitenführungskräfte, die ein Wegrutschen nach rechts oder links verhindern, teilen. Erreicht eine dieser Kräfte den maximalen Wert, ist für die andere nichts mehr übrig. Beim Bremsen ist dieser Maximalwert beim Blockieren erreicht, Folge: Seitenführungskraft geht gen Null, der Reifen rutscht seitlich weg. Im umgekehrten Fall kann bei maximaler Seitenführungskraft (extremer Schräglage) keine Bremskraft mehr auf die Straße übertragen werden.
 

Vor- und Nachteile

+ Enormes Plus an Sicherheit

+ Höhere Wertstabilität des Motorrads


- Zwischen 600 und 1000 Euro höherer Kaufpreis

- Etwas höheres Gewicht

- Alles, was zusätzlich dran ist, kann kaputt gehen

- Höherer Strombedarf bei eingeschalteter Zündung (Batterie hält bei abgestelltem Motor und angeschalteter Zündung nicht mehr so lang durch)

 

 

Stichwort-Lexikon


ABS
Anti-Blockier-System.
 
CBSCombined Braking System (Kombi-Bremse), Honda-Bremssystem, bei welchem die Hinterradbremse (via Fußhebel) auch eine gewisse Bremsfunktion auf das Vorderrad ausübt (Single-CBS) und auch umgekehrt (Dual-CBS).
TCSTraction-Control-System, Traktionskontrolle. Auf elektronischem Weg wird das Durchdrehen des Antriebsrads beim Beschleunigen unterbunden, eine Art umgekehrtes ABS.
Teilintegral-BremseBremssystem, bei welchem die Vorderradbremse (Handhebel) auch das Hinterrad mit abbremst, der Fußbremshebel jedoch ausschließlich das Hinterrad bedient.
Vollintegral-BremseBeide Bremshebel wirken je auf beide Räder (wie Dual-CBS).

 

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