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Kurven-ABS der BMW HP4 Vollbremsung in Schräglage

Vollbremsung in Schräglage? Der blanke Horror. Der aber ein Ende haben könnte. Denn BMW hat mit ABS Pro ein Regelsystem entwickelt, das diesen Situationen den Schrecken nehmen und selbst in größter Schräglage Stürze vermeiden helfen soll. Ob es wirkt? Wir gingen mit der BMW HP4 in die Kreisbahn.

Es ist der Albtraum schlechthin. Die Ausfahrt läuft mal wieder erstklassig. Man ist richtig im Fluss, der Grip klasse und die Schräglagen ansehnlich. Man pfeffert das Ding immer schwung­voller von einer Kurve in die nächste. Bis hinter dieser einen Biegung ein Grüppchen Radfahrer die halbe Fahrbahn versperrt. Dem ersten Schreck folgt der panikartige Griff zur Bremse. Im günstigsten Fall richtet sich die Maschine schlagartig auf und verlässt die Kurve auf geradem Weg, ohne auf ein Hindernis zu treffen. Viel wahrscheinlicher aber: Das Vorderrad kündigt in Schräglage die Haftung auf, und schon geht’s dahin. Mit etwas Glück bleibt es bei einem ­gehörigen Schrecken und Schrammen im Bike und Selbstbewusstsein.

Bei Geradeausfahrt entschärfen schon seit einigen Jahren messerscharf an der Haftgrenze regelnde ABS-Systeme solche unliebsamen Überraschungen. In Kurven allerdings ist die Sachlage etwas kniffliger, weil mit zunehmender Schräglage immer weniger Seitenführungskräfte übertragen werden können. Ein kurzfristig blockierendes Vorderrad dann wieder zum Drehen und Greifen zu bringen, ist ungleich schwieriger als bei Geradeausfahrt.

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Den Anfang machte KTM

Der Schnelligkeit und Güte der Regelvorgänge kommt dann essenzielle Bedeutung zu. Und verlässliche Schräglagenerkennung, vor allem aber entsprechend schnelle und sensible Druckmodulatoren sind unabdingbare Voraussetzung für ein Kurven-ABS. Den Anfang machte vor Kurzem KTM und entwickelte zusammen mit Bosch ein solches ABS, zunächst nur für die langbeinige Adventure. Dabei handelt es sich um eine reine – nachrüstbare – Software-Lösung. Die komplette Hardware, von Sensorik bis zum Druckmodulator, wird dabei unverändert übernommen.

Nun zieht BMW mit dem Regelsytem "ABS Pro" nach. Und wählte mit dem Supersportler BMW HP4 die Fahrzeuggattung, die die höchsten Anforderungen stellt. Leichtes Fahrzeug mit kurzem Radstand, mächtig bissige Bremsen, niedriges Blockierdruck-Niveau im hydraulischen System – eine Bremse, die solche Bedingungen meistert, sollte auch mit allen anderen Fahrzeugtypen zurechtkommen. Zumindest theoretisch. Aber bleiben wir bei der Praxis, unserem abgesperrten Top-Test-Gelände mit Kreisbahn und Ausweichversuch im Regelbereich.

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Foto: fact
Weil es nicht für das Bremsen am Limit, sondern auf die Bedürfnisse des öffent­lichen Straßenverkehrs abgestimmt wurde, ist ABS Pro nur in den Fahrmodi Sport und Rain aktiv. Bei Race und Slick steht das normale ABS zur Verfügung.
Weil es nicht für das Bremsen am Limit, sondern auf die Bedürfnisse des öffent­lichen Straßenverkehrs abgestimmt wurde, ist ABS Pro nur in den Fahrmodi Sport und Rain aktiv. Bei Race und Slick steht das normale ABS zur Verfügung.

Wie KTM vertraut auch BMW bei der BMW HP4 auf Druckmodulator und Sensorbox von Bosch, die bei der HP4 für ABS und Traktionskontrolle bereits ohnehin an Bord sind. Das ABS Pro ist eine reine Software-­Lösung, die zum Nachrüsten für 380 Euro angeboten wird. Erfasst werden Querbeschleunigung, Schräglage, Roll- und Gierrate des Motorrads. Je nach Schräglage und Tempo begrenzt das System den Anfangsbremsdruck und baut anschließend den Bremsdruck langsamer auf als bei Geradeausfahrt.

Dazu verteilt die Elektronik beim Griff zur vorderen Bremse permanent den Bremsdruck zwischen vorderer und hinterer Bremse. Dies dient zur Stabilisierung der BMW HP4 und der maximalen Verzögerung. Wobei auch das ABS Pro die physikalischen Grenzen weder verschieben noch überlisten kann. Eine Garantie für Unstürzbarkeit gibt es auch damit nicht. Als Referenz dient die Kreisbahn aus unserem Top-Test-Parcours, bei 46 Meter Durchmesser, erlaubt sie eine Geschwindigkeit von gut 55 km/h. Ein Tellert-Messgerät auf der Gabelbrücke zeigte dabei die gefahrene Schräglage an.

Mit 56 km/h und 45 Grad Schräglage um die Pylonen

Das Aufwärmprogramm: bei rund 30 Grad voll in die Eisen steigen. Eine Übung, die auch ein sauber abgestimmtes konventionelles ABS durchaus beherrscht. Allerdings verbunden mit einem kräftigen Aufstellmoment, das die Maschine schnurstracks auf geradem Weg aus der Kurve führen will. Da muss man schon bewusst und energisch am Lenker dagegenhalten. Die BMW HP4 mit ABS Pro meistert diese Situa­tion lammfromm, sanft setzt die Bremswirkung ein, kein Aufstellen, die Maschine bleibt auf Kurs, und der Fahrer muss aufpassen, dass er beim Anhalten nicht nach innen umfällt.

Dasselbe bei rund 37 Grad Schräglage, die Grenze des Machbaren für ein gutes konventionelles ABS. Wieder verzögert die BMW HP4, ohne mit der Wimper zu zucken, und bleibt sauber auf Kurs. Gut, dann das harte Programm. Arschbacken zusammenkneifen, mit 56 km/h und 45 Grad Schräglage pfeilt der Tester um die Pylonen. Da müssen auch abgebrühte Tester beim Gedanken, gleich voll in die Eisen zu langen, dem inneren Schweinehund einen mächtigen Tritt in den Hintern verpassen. Dann der blitzartige Griff zur Bremse. Zunächst scheint die HP4 vorn kaum zu verzögern, die vielen feinen Regelvorgänge sind deutlich im Handbremshebel zu spüren. Doch die BMW bremst, wenngleich in den ersten Sekundenbruchteilen nur sanft. Aber das genügt, damit sich auch die Schräglage verringert.

Mit ABS Pro deutlich ruhiger

Die Reifenaufstandsfläche und damit die Möglichkeit, Bremsleistung auf den Boden zu bringen, steigt rapide. Sofort fährt das System mit abnehmender Schräglage den Bremsdruck hoch, verteilt ihn auch spürbar ans Hinterrad. Kurz zuckt der Lenker, doch bäumt sich die BMW nicht auf – und steht nach rund 14,8 Metern. Was einer mittleren Verzögerung von 7,8 m/s² entspricht, mit Spitzenwerten von 9,1 m/s². Eine enorme Leistung. Das Verblüffende: Aus Geradeausfahrt voll zusammengestaucht, kommt die HP4 bei gleichem Tempo auch nur rund einen halben Meter früher zum Stehen. Offensichtlich helfen G-Kräfte der Kurvenfahrt, welche bewirken, dass in Schräglage beide Räder auf dem Boden sind. Bei einer Messung mit 30 Grad Schräglage kommt die BMW HP4 nur per Fußbremse verzögert sogar geringfügig eher zum Stehen als bei Geradeausfahrt.

Auch die anspruchsvolle Ausweichübung meistert die BMW HP4 ordentlich. Bei etwa 120 km/h Vollbremsung, um einem imaginären Hindernis auszuweichen. Keine leichte Sache, die Lenkkräfte der BMW zu überwinden und abzubiegen. Eine S 1000 RR hatte sich beim gleichen Versuch im Jahr 2012 bockend wie ein Rodeo-Pferd mit maximal 10,9 Grad abwinkeln lassen. Die HP4 mit ABS Pro bleibt deutlich ruhiger und schafft 15,9 Grad. Was nichts anderes bedeutet, als dass man mit regelndem ABS ­einen größeren Haken um das Hindernis schlagen kann. Sofern man es geübt hat. Denn das beste ABS nützt nur wenig, wenn man es nicht einsetzt.

Foto: Hersteller, MOTORRAD
Ohne Schräglagenmessung über die Sensorbox und die Bremskraft­verteilung zwischen vorn und hinten wäre ABS Pro nicht machbar.
Ohne Schräglagenmessung über die Sensorbox und die Bremskraft­verteilung zwischen vorn und hinten wäre ABS Pro nicht machbar.

So funktioniert "ABS Pro"

Das ABS Pro von BMW ist wie bei der KTM Adventure auch eine reine Software-Lösung, die nachträglich aufgespielt wird. Es werden dabei sämtliche vorhandenen Bosch-ABS-Komponenten wie Sensorbox und Druckmodulator weiterverwendet. Es werden die Schräglage sowie Roll- und Gierrate und Querbeschleunigung erfasst. Dazu die Raddrehzahlen. Aus diesen Parametern errechnet das System, wie viel Bremskraft auf die beiden Räder gebracht werden kann. Dabei ist freilich ein Sicherheitspolster eingebaut, weshalb das System auch auf der Straße und nicht auf der Rennstrecke seine erste Bestimmung hat.

Beim Bremsen limitiert das System je nach Schräglage von vornherein die maximale Bremskraft sowie die Geschwindigkeit des Bremsdruckaufbaus. Dabei verteilt es permanent die Bremskraft zwischen Vorder- und Hinterrad. Ohne Verbundsystem ist ABS Pro also nicht machbar. Durch das Begrenzen der maximalen Bremskraft und des Bremsdruckaufbaus mit zunehmender Schräglage wirkt ABS Pro selbst beim schreckhaften Griff zur Bremse einer abrupten Lenkkraftänderung, die im Normalfall zum Aufstellen des Motorrads führt, entgegen.

Foto: fact
Kurven-ABS der BMW HP4.
Kurven-ABS der BMW HP4.

Fazit

Und? Es wirkt! Natürlich macht ABS Pro nicht unstürzbar oder hilft, wie Márquez, Rossi und Co. am physikalischen Limit zu bremsen. Aber es entschärft Schreckbremsungen selbst in größten Schräglagen. Zwar sind moderne ABS bis zu einer Grenze von etwa 35 Grad auch schräglagentauglich.

Doch während bei ihnen die Schreckbremsung mit einem kräftigen Aufstellmoment und der Gefahr, geradeaus in den Gegenverkehr zu bremsen, verbunden ist, bleibt die BMW mit ABS Pro in der Spur. Selbst bei weitaus größeren Schräglagen. Und erzielt dann noch dank der intelligenten Bremskraftverteilung bemerkenswert kurze Bremswege. Doch ob ABS Pro oder normales ABS, die besten technischen Möglichkeiten sind nur so gut wie ihre Anwender. Was heißt: Üben, üben, üben, um sie im Ernstfall auch einzusetzen.

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