Kurvenfahren Teil 1: Technische und psychologische Grundlagen Richtig durch die Kurven fahren

Es macht den besonderen Reiz von Motorrädern aus, dass sie fürs Kurvenfahren Schräglage brauchen. MOTORRAD gibt Tipps für den sicheren und genussreichen Umgang mit gekippten Horizontlinien.

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Kurvenfahren mit einem Einspurfahrzeug - zum Glück haben es die meisten von uns als Kinder auf dem Fahrrad gelernt, denn es besteht aus einer langen Serie von absichtlich eingeleiteten und wieder abgefangenen Beinahe-Stürzen. Vor diesem physikalischen Hintergrund ist die möglichst früh erworbene Erfahrung psychologisch wertvoll, dass es tatsächlich funktioniert. Und meist sogar ohne Sturz.

Wer mit dem Motorrad eine Kurve, zum Beispiel eine Linkskurve, einleitet, tut das mit einem kurzen Lenkeinschlag in die Gegenrichtung. Der Schräglauf des Reifens erzeugt ein Kippmoment nach links, das Motorrad mit allem, was darauf ist, fällt in Schräglage. Es würde auf die Straße klatschen, wenn nicht der Fahrer das Abkippen mit einem Lenkimpuls nach links stoppen würde - der hat ein aufrichtendes Moment zur Folge. Wirkt dies zu lange, verringert sich die Schräglage, der Kurvenradius vergrößert sich, das Motorrad droht, von der Fahrbahn abzukommen. Also wird mit einem Lenkimpuls nach rechts gegengesteuert, das entstehende Kippmoment vergrößert die Schräglage, es muss wieder durch Lenken nach links gestützt werden und immer so weiter. Egal ob der Motorradfahrer dabei schnell oder langsam fährt, zusätzlich noch bremst oder beschleunigt - mit diesem ständigen Wechsel von gegengerichteten Lenkimpulsen steuert er seine Fahrt. Übrigens nicht nur in Kurven, sondern auch geradeaus. Dies verdeutlicht, wie wichtig eine leichtgängige Lenkung ist. Tadelloser Zustand und präzise Einstellung der Lenkkopflager (im Zweifel lieber ein wenig lockerer) sowie korrekt verlegte Züge und Kabelstränge sind fundamentale Voraussetzungen für sensibles Steuern.

Was eben beschrieben wurde, muss man sich beim Fahren nicht bewusst machen, das wäre sogar kontraproduktiv. Viel wichtiger für sicheres, zügiges Kurvenfahren ist die richtige Blickführung, die wiederum von der richtigen Sitzposition erleichtert wird. Mit den Augen erfasst der Fahrer nicht nur die Verkehrssituation, vor allem den Verlauf und den Zustand der Straße, sondern er sieht auch die Linie, der er in wenigen Sekunden folgen wird, buchstäblich vorher. Im Idealfall gelingt der Übergang von einem Streckenabschnitt zum anderen so, dass diese eben nicht als Abschnitte, sondern als nahtlose Abfolge empfunden werden. Jeder wird dann den Eindruck haben, er hätte sein Motorrad nur mit den Augen durch die Kurven gesteuert. Die Hände am Lenker haben die dazu nötigen Impulse automatisch gegeben.

Leider wird ein solch ideales Fahrerlebnis in der Praxis häufig deshalb gestört, weil der Fahrer an seine eigenen Grenzen stößt. Stichwort Schräglagenangst. Zum Beispiel lenken viele aus Angst vor zu großer Schräglage in Bergab-Linkskurven sehr früh ein, um nur ja Abstand von der Leitplanke zu halten. Doch selbst wenn dann kein Auto entgegenkommt, das zu hektischem Ausweichen zwingt, führt dieses frühe Einlenken genau zu dem, was der verunsicherte Fahrer eigentlich vermeiden wollte: Im weiteren Verlauf der Kurve ziehen die Fliehkräfte sein Motorrad immer weiter Richtung Planke. Jetzt nicht nach außen schauen und unter schreckensstarrer Beibehaltung der persönlichen Maximalschräglage in die Planke einschlagen, sondern bewusst vom Straßenrand wegsehen und die Maschine legen, legen, legen. Gerade das kann man aber nicht einfach so können. Die vererbte psychologische Grundausstattung des Menschen toleriert nicht mehr als 20 Grad Schräglage. 45 Grad oder sogar mehr sind bei trockener Straße zwar problemlos möglich, müssen aber ständig trainiert werden. Das gilt für jeden. Erfahrene und talentierte Piloten werden sicherlich auf einem anderen Schräglagenniveau üben als ein normal begabter Anfänger, aber auch sie brauchen regelmäßig eine Einheit zur Auffrischung.

Sicherheitstrainings mit ausgiebigen Kreisbahnfahrten vermitteln Erkenntnisse über Körper- und Kopfhaltung bei großer Schräglage und ein Gefühl dafür, welche Seitenkräfte moderne Reifen übertragen können. Mehrfache Wiederholungen mit zwischengeschalteten Erholungspausen ermöglichen es, die beeindruckende Erfahrung schräger Horizontlinien zu verarbeiten. Im nächsten Schritt kann ein geführtes Rennstreckentraining, bei dem die Instruktoren das Tempo allmählich steigern, dabei helfen, die neu erlernten Schräglagen auch bei 150 statt bei nur 50 km/h zu beherrschen. Oberstes Übungsziel ist sowieso nicht die Fähigkeit, 48 oder 52 Grad schräg fahren zu können, auch wenn man die oben gebrauchte Wiederholung „legen, legen, legen“ so deuten könnte. Es kommt vielmehr darauf an, höhere Kurvengeschwindigkeiten zu beherrschen. Die größere Schräglage kommt dann von alleine.

Fazit: Sicheres und lustvolles Kurvenfahren ist das Resultat eigener Arbeit. Jede Möglichkeit, sich selbst und sein Motorrad fit zu halten, sollte man nutzen.

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