Tipps, Tricks und Bikes für kleine Fahrer/-innen Low-Rider: Motorräder für Kurzgewachsene

Kurze Beine, hohes Traumbike - was nun? Tipps, Kniffe und Motorräder für tiefergelegte Menschen.

Foto: jkuenstle.de

Fachleute wie Fahrwerksspezialist Winnie Kerschhaggl und viele Fahrschullehrer nennen es "Ampelsyndrom". Gemeint ist die Angst vorm Anhalten. Sie entsteht, wenn beide Füße keinen sicheren Stand auf dem Boden finden. "Auf rote Ampeln bin ich immer sehr langsam zugerollt. In der Hoffnung, dass es Grün ist, wenn ich ankomme", gibt die 1,61 Meter große Führerschein-Novizin Anna zu. Das Problem mit dem sicheren Stand haben jedoch nicht nur kurzbeinige Menschen.

MOTORRAD-Urgestein Werner "Mini" Koch, immer wieder auch als Tourguide unterwegs und selbst nicht eben der Größte, hat folgende Erfahrung gemacht: "Viele Motorradfahrer sind bereits damit überfordert, ihre bepackte Maschine ohne Umfallen aus der Garage zu schieben. Denn wir werden im Alter nicht routinierter, sondern unsicherer. Auf einmal fehlt die Kraft in den Füßen. Wo es früher noch reichte, das Bike nur auf den Zehenspitzen zu balancieren, braucht man heute den ganzen Fuß, um sicher zu sein." Das hat auch damit zu tun, dass die Sitzhöhe von Motorrädern in den letzten 25 Jahren zugenommen hat. "1985 hatte ein durchschnittliches Motorrad eine Sitzhöhe zwischen 750 bis 800 Millimeter. Heute messen wir 800 bis 850 Millimeter", sagt Fahrwerks-Guru Koch. Was also tun, wenn das Traumbike hoch ist, und man aber keine Alternative kaufen will?

Generell gibt es drei Wege, diesem Problem zu begegnen. Der beste: Lernen, dass es reicht, wenn nur ein Fuß sicher auf dem Boden steht. Das Motorrad in der Balance zu halten erfordert Routine und ist vor allem auch eine mentale Sache. Sport ist hier hilfreich: "Balancieren auf der Slackline (Trendsportgerät, ähnlich Seiltanz, Red.) ist eine besonders gute Übung für den Gleichgewichtsinn", rät Physiotherapie-Experte Andreas Fricke. "Aber auch Kampfsportarten wie Taekwondo oder Karate schulen das Gleichgewicht, verbessern darüber hinaus die Beweglichkeit und trainieren besonders Fuß- und Beinmuskulatur." Andere Alternative: Beine verlängern durch Tragen von Stiefeln mit hohen Absätzen und Sohlen. Von Plateauschuhen ist natürlich abzuraten - hier ist die Umknick-Gefahr besonders groß und die Schutzfunktion beim Sturz besonders gering. Stiefelhersteller Daytona hat mit einigen Modellen wie dem Lady Pilot GTX oder M-Star beispielsweise eine Lösung im Programm, mit der man 25 Millimeter gewinnen kann.

Erst, wenn Sport und/oder Schuhe absolut nicht infrage kommen, sollte Hand ans Motorrad gelegt werden. Auch hier führen verschiedene Wege zum Ziel, wobei fast ausnahmslos alle mit Nachteilen verbunden sind. Das Abpolstern der Sitzbank verringert beispielsweise nicht nur den Sitzkomfort, sondern auch den Beinkomfort, da es den Kniewinkel verengt. Gegenmaßnahme wäre das Tieferlegen der Fußrasten, was jedoch die Schräglagenfreiheit eingrenzt. Wer sich der Sitzbank trotzdem zuwendet, muss folgendes beachten: Bei besonders dicken Bänken sollte nicht nur deren Höhe, sondern auch die Schaumstoffbreite reduziert werden.

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Foto: Kuenstle

Alle bislang beschriebenen Möglichkeiten grenzen die Fahrdynamik eines Motorrads nicht ein. Die nachfolgenden schon. Denn jegliche Tieferlegung reduziert die Schräglagenfreiheit und verändert teilweise sogar die Fahrwerksgeometrie. Abzuraten ist von einseitigen Lösungen, die entweder nur die Gabel oder nur das Federbein betreffen - generell sollten Eingriffe vorn und hinten gemeinsam vorgenommen werden. Eine der günstigsten Tieferlegungs-Varianten ist das Durchstecken der Gabelrohre in Verbindung mit einem geänderten Umlenkhebel hinten und/oder dem Tausch des Federtellers (rund 100 Euro mit TÜV-Gutachten bei Alpha Technik).

Vorteile hier: Der Federweg der Gabel bleibt voll erhalten, allerdings muss auch die Freigängigkeit des Vorderrads beim Einfedern gewährleistet bleiben (Kollisionsgefahr mit Kühler, Krümmer oder Motor). Nachteil: Ein anderer Federteller verändert den Positiv- wie Negativfederweg. Das Fahrzeugheck sinkt zwar tiefer ein, der nutzbare Federweg nimmt dadurch aber ab. Der Einbau einer weicheren Feder hinten, damit das Bike tiefer einsackt, ist nicht empfehlenswert. Damit werden Fahrten mit Sozius oder Gepäck zur Qual, da zu viel Unruhe ins Fahrwerk kommt. Der Tausch des Umlenkhebels ist nur dann empfehlenswert, wenn dadurch die Kinematik nicht negativ beeinflusst wird. Und Vorsicht: Alle genannten Arbeiten sollten von einer Fachwerkstatt durchgeführt werden, Umrüstteile müssen entweder TÜV-Gutachten haben und nach der Montage eingetragen werden, oder eine EG-ABE.

Das ausgewogenste Setup erzielen aufeinander abgestimmte Fahrwerks-Sätze, bei denen ein neues, kürzeres Federbein in Verbindung mit kürzeren Gabelfedern und einem speziellen Gabelöl zum Einsatz kommen. Spezialisten wie Wilbers oder Öhlins (siehe Kawasaki ER-6n unten) haben solche Kits für diverse Motorräder entwickelt. So bietet Wilbers beispielsweise für die Triumph Tiger einen Fahrwerks-Kit (574 Euro) an, der die Sitzhöhe um 50 Millimeter reduziert, bei der beliebten BMW R 1200 GS sind sogar 85 Millimeter weniger möglich. Zwar wird auch hier die Schräglagenfreiheit verringert, das Fahrverhalten verbessert sich jedoch in vielen Fällen durch die deutlich straffere Auslegung der Federelemente. Im Gegenzug leidet der Federungskomfort ein wenig. Letztlich gilt zu beachten: Ab einem bestimmten Maß der Absenkung muss auch der Seitenständer gekürzt werden (Fachwerkstatt). Ebenso der Hauptständer - sonst wird das Aufbocken desMotorrads zum schier unüberwindbaren Kraftakt. Bleibt die Qual der Wahl: Umbauen, oder vielleicht ein anderes Bike aussuchen? MOTORRAD hat drei Modelle unter die Lupe genommen, die viel Fahrspaß für Kurzbeinige garantieren.

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Harley-Davidson Sportster

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Die 8295 Euro teure Super Low verdient das Prädikat anfängerfreundlich", urteilt Führerschein-Novizin Anna, die mit ihren 1,61 Metern mit der 258 Kilogramm schweren Maschine überraschenderweise super zurecht kommt. Ein besonders niedriger Schwerpunkt, die geringe Sitzhöhe sowie der für diese Art von Bike recht große Lenkeinschlag ermöglichen es, die 883 gut auf der Straße zu wenden. "Wer sich unsicher ist, kann beim Wenden und Rangieren super mit den Füßen paddeln", meint Anna. Der breite Lenker gibt zusätzliche Sicherheit für ungeübte, denn die Lenkkräfte sind gering und man hat das Gefühl, immer alles unter Kontrolle zu haben. Komfort ist erwartungsgemäß keine Stärke der Super Low. Zwar ist der Sattel recht breit, das Fahrwerk jedoch insgesamt sehr weich abgestimmt. Es gibt harte Schläge sofort an den Fahrer weiter. Bauartbedingt ist die Schräglagenfreiheit stark eingeschränkt, was sportliches Fahren von vornherein ausschließt. Der Abstand zwischen Fußbremse oder auch Schalthebel zur Fußraste sowie die Anbringung des Seitenständers erwiesen sich für Anna als besonders lästig: "Kurzbeinige haben meist auch kleine Füße - zum Bremsen oder Schalten muss ich den Fuß fast von der Raste nehmen, um die Hebel zu erreichen. Zudem ist mein Bein zu kurz, um im Sitzen den Ständer auszuklappen."

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Ducati Monster 696

Ducati-Händler Gerhard Mörk aus Leonberg (Baden-Württemberg) verpasst der Monster 696 ein selbst entwickeltes Ergonomie-Packet (590 Euro inklusive Einbau), das im Wesentlichen aus einem Tourenlenker plus angepassten Bremsleitungen und Kabelbaum besteht. Im direkten Vergleich mit einer Serien-Monster sitzt man aufrechter und deutlich entspannter. Zudem reduziert Mörk die Sitzhöhe um 15 Millimeter auf 755 Millimeter durch Veränderung der Federbasis und das Durchstecken der Gabel. Die ohnehin recht passable Schräglagenfreiheit der kleinen Monster wird dadurch nur minimal beschnitten. "Man sitzt super auf der Maschine", urteilt Gast-Fahrerin Anna. Leider ist der Lenkeinschlag ziemlich klein, der Wendekreis fällt dadurch recht groß aus. Mit nur 187 Kilogramm ist die 8690 Euro teure Duc das Fliegengewicht im Trio und gefällt durch formidables Handling. "Der Sound ist super, die Kupplung extrem leichtgängig, und die Bremsen sind um Lichtjahre besser als die der Harley", freut sich Anna. Weniger gelungen findet sie aber die Motorabstimmung. Unterhalb von 3000/min ruckelt der V2 in der Serienabstimmung. "Die Unart kann durch Aufspielen eines anderen Mappings beseitigt werden.

Die 696 ist dann ein optimales Anfängerbike", sagt Mörk. Eine Testfahrt mit einer derart aufbereiteten Monster bestätigte dies. Der V2 hängt spürbar direkter am Gas, die Unarten unter 3000/min sind verschwunden und die Kraftentfaltung im unteren und mittleren Drehzahlbereich hat sich leicht verbessert. Gute Nachrichten. Der Haken dabei: Diese Veränderung ist nicht TÜV-konform, da sich das Abgasverhalten ändert. Doch die Mörk-Ducati überzeugt Anfängerin Anna: "Draufsetzen, wohlfühlen, losfahren. Die Monster ist leicht, handlich und sieht gut aus."

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Kawasaki ER-6n

Obwohl die kleine Kawa mit 204 Kilogramm exakt 17 Kilo schwerer als die Ducati ist, spürt man das Mehrgewicht kaum. "Der Knieschluss zum Motorrad ist fantastisch", freut sich Anna. Durch die Verwendung einer tieferen Sitzbank (original Kawasaki, 268,90 Euro), die nicht nur die Höhe, sondern auch die Sitzbreite verringert, und dem Öhlins-Fahrwerkskit (655 Euro) hat die ER-6n eine Sitzhöhe von nur 740 Millimeter (Serie: 785 Millimeter). Das Setup der Öhlins-Komponenten ist gelungen. Sie sind rund 25 Millimeter kürzer als die Originalteile, sprechen sensibel an und dämpfen satter. Das Federbein ist in der Zugstufe 30-fach und in der Federbasis stufenlos verstellbar. Öhlins gewährt sechs Jahre Garantie auf die Komponenten. Die ER-6n liegt damit sehr stabil in den Kurven, das Minus an Schräglagenfreiheit fällt erst dann auf, wenn man richtig sportlich unterwegs ist. Der großzügige Lenkeinschlag, die schmale Taille und der breite Lenker vermitteln nicht nur beim Fahren, sondern auch beim Rangieren und Wenden sehr viel Sicherheit.

"Mit der kleinen Kawa würde ich bedenkenlos auf Weltreise gehen", freut sich Anfängerin Anna. Sie ist ebenso erfreut über den Preis: Mit 6995 Euro ist die Maschine nicht übermäßig teuer. Der 650er-Twin zeigt sich von seiner Sonnenseite. Er hat Kraft über das gesamte Drehzahlband, lässt sich schaltfaul fahren, dreht aber bei Bedarf willig in höchste Drehzahlregionen. Die produzierten 72 PS reichen für sicher und schnell durchgeführte Überholvorgänge jederzeit aus.

Adressen

Alpha Technik GmbH
08036/300720
www.alphatechnik.de

Motorradzentrum Mörk
07152/939030
www.gerhardmoerk.de

Öhlins DTC
02691/9377890
www.ohlins.eu/de

Wilbers Products GmbH

05921/74099
www.wilbers.de

Daytona Schuhe
08721/8424
www.daytona.de

VH-Motorradtechnik(Umlenkhebel)
0441/34924
www.vh-motorradtechnik.de

mizu Motorradtechnik
(Umlenkhebel/Federteller)
07731/90670
www.mizu.de

Designwerkstatt Schmidt
(Sitzbankabpolstern)
05151/107277
www.designwerkstatt-schmidt.de

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