Masse, Gewicht, Schwerpunkt Motorrad-Physik verständlich erklärt

Wissen Sie, wo Ihr Motorrad seinen Schwerpunkt hat? Und mal ehrlich: Wann haben Sie ihn das letzte Mal ausgebaut und gereinigt?

Wenn Sie sich eben mit der flachen Hand an die Stirn geschlagen haben, spricht das für Sie: Natürlich kann man den Schwerpunkt nicht ausbauen, er ist lediglich das gedachte Zentrum, in dem sich das Gewicht des Motorrads vereint. Plastisch gesprochen: Würde man das Motorrad an einer Achse durch den Schwerpunkt aufhängen, wäre es im Gleichgewicht und würde nicht pendeln. So weit zur Theorie - interessanter ist jedoch, wie immer, die Praxis, und dazu gehört ein Fahrer: Der Schwerpunkt des Gesamtsystems Fahrer + Motorrad liegt normalerweise weiter hinten und weiter oben als der Schwerpunkt des Motorrads alleine. Wo genau, ist nicht pauschal zu sagen; das hängt im Wesentlichen vom Gewicht des Motorrads, des Fahrers und seiner Sitzposition ab. Logisch, dass ein 110-Kilo-Kerl mehr Einfluss auf den Schwerpunkt eines 50er-Mokicks ausübt als ein 65-Kilo-Leichtathlet auf einen 8-Zentner-Cruiser.
Wichtig für ein neutrales Fahrverhalten ist die Balance, auf beide Räder soll in etwa die gleiche Last wirken. Mit Sozius und vollem Topcase ist das nicht mehr der Fall; dann hängt das Heck tief, die Front wird leicht und das Motorrad reagiert vollkommen anders als im Solobetrieb. Ein Federbein mit variabler Federbasis und höherer Fülldruck in den Reifen können zwar den gröbsten Folgen entgegenwirken, doch der Schwerpunktverschiebung an sich ist damit nicht beizukommen. Es hilft einzig und allein, seinen Fahrstil an die veränderten Bedingungen anzupassen.

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Foto: Kuenstle

Bremsen 

Bei konstanter Geradeausfahrt ist die Lage des Schwerpunkts relativ unwichtig. Spannend wird es erst, wenn sich die Geschwindigkeit ändert - zum Beispiel beim Bremsen. Die sogenannte dynamische Radlastverlagerung lässt die Gabel eintauchen und das Heck ausfedern, mitunter sogar abheben. Die Intensität dieses Effekts hängt von drei Faktoren ab: Je kürzer der Radstand, je höher der Schwerpunkt und je schärfer die Verzögerung, desto größer die Radlastverlagerung. Vor Publikum sieht ein schwebendes Hinterrad zwar spektakulär aus; wenn es aber um maximale Verzögerung geht, sollte es besser am Boden bleiben und zur Bremsleistung beitragen. Deshalb verlagern geübte Fahrer ihren Körperschwerpunkt beim scharfen Bremsen nach hinten, d. h. sie rutschen auf der Sitzpank zurück und machen die Arme lang. Kehrseite der Medaille: Je weniger Last auf dem Vorderrad liegt, desto leichter blockiert es - wenn kein ABS an Bord ist.

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Foto: Kuenstle

Beschleunigen

Im Prinzip wie Bremsen - nur andersherum. Beim Beschleunigen verlagert sich die Last auf das Hinterrad, die Front wird leichter und kann sogar den Bodenkontakt verlieren. Lange, schwere Cruiser mit tiefem Schwerpunkt muss man schon sehr zwingen, damit sie das Vorderrad heben. Leichte, kurz übersetzte und leistungsstarke Funbikes wie die hier gezeigte KTM 990 Supermoto T machen das mitunter beim heftigen Beschleunigen von selbst. Wenns passiert: Cool bleiben und kurz die Fußbremse antippen; dann kommt das Vorderrad umgehend auf den Boden der Tatsachen zurück. Auf keinen Fall panisch die vordere Bremse ziehen: Das hilft nämlich erst einmal gar nichts, außerdem stabilisiert ein rotierendes Vorderrad selbst ohne Bodenkontakt das Motorrad. Und wie ein per Bremse festgehaltenes Vorderrad reagiert, wenn es wieder auf den Asphalt trifft, will man sich lieber nicht ausmalen. Eine andere schlechte Idee ist, dumme Sprüche über die Sozia und Schokolade zu machen.

Foto: 2Snap

Kurven fahren 

Für einen neutralen Bogen zählt die Position des Schwerpunkts in der Vertikalen. Je niedriger, desto leichter ist das Motorrad zwar zu manövrieren, aber desto mehr Schräglage braucht es auch, um eine Kurve mit einer bestimmten Geschwindigkeit zu fahren. Mit einem sehr tiefen Schwerpunkt ist oft eine geringe Schräglagenfreiheit verbunden: Irgendwas muss den Schwerpunkt ja da unten halten, meist massives Metall, welches bei Asphaltkontakt Funken sprüht und dann das Motorrad aushebelt. Ein zu hoher Schwerpunkt macht das Fahrzeug, wie oben gesehen, beim Beschleunigen und Bremsen instabil. Wieder einmal ist der mittlere Weg der goldene.

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