Motorrad putzen und pflegen Reinigungs- und Pflegetipps für Motorräder

Drei Mann, eine Aufgabe: zu verraten, wie und womit man am beisten ein Motorrad reingen und pflegen kann. Unter anderem mit dem richtigen Lappen.

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Hochkarätiger kann eine Expertenrunde eigentlich nicht besetzt sein: Von links nach rechts sind das die Herren Hartmut Hauber (43), Leiter Anwendungstechnik; Dr. Mario Kraft (38), stellvertretender Leiter Forschung und Entwicklung; Dr. Joachim Becht (47), Leiter Forschung und Entwicklung. Alle schwer beschäftigt bei Dr. Wack in Ingolstadt, mit seinen S100-Produkten einer der Platzhirsche im Pflegemittelbereich. Diese Herren nahmen sich ganz viel Zeit, um dem MOTORRAD-Redakteur - und damit natürlich Ihnen, lieber Leser - ein paar Tricks und Tipps aus der großen weiten Welt der Motorradpflege zu verraten.

Das illustre Treffen hatte ursprünglich den Arbeitstitel "Lappenkunde", doch wie das beim Klönen oft so ist: Man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, und die ganze Sache geriet deutlich umfangreicher. Das Thema Lappen war relativ schnell abgehakt, der klare Dr. Wack-Favorit heißt Mikrofasertuch. Doch das tollste Tuch hilft nur wenig, wenn bereits im Vorfeld elementare Fehler gemacht werden. Einer davon ist das beharrliche Ignorieren der Anwenderhinweise bei Reinigungs- und Pflegeprodukten.

Es macht eben doch einen Unterschied, ob ein Reiniger direkt nach dem Aufsprühen, nach kurzer oder eben längerer Einwirkzeit abgespült werden soll. Besonders heikel: das Überschreiten der maximalen Einwirkzeit, was oft ganz unbewusst geschieht, wenn nämlich Reinigerreste an versteckten Stellen zurückbleiben. Besonders lösungsmittelhaltige Produkte können dann die fatale Eigenschaft haben - und das ggf. erst nach Jahren -, für Spannungsriss-Korrosion zu sorgen. Verkleidungsrückseiten und abgedeckte Verschraubungen sind besonders gefährdet.

Wer die Kunststoffteile seines Motorrads mit vermeintlichen Geheimtipps aus Opas Mottenkiste behandelt (z. B. Kalt- oder Bremsenreiniger) darf sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch schon sehr viel früher über Auflösungserscheinungen ärgern. Wer dagegen ganz auf Nummer sicher gehen will, achtet peinlich genau darauf, nur Mittel zu verwenden, bei denen vom Anbieter garantiert wird, dass Spannungsrisse vermieden werden – Stichwort „Polycarbonatverträglichkeit“.

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Zu den Todsünden im Motorrad-Putzgeschäft gehört die Anwendung von Reinigungs- und Pflegemitteln auf erhitzten Oberflächen und/oder in der prallen Sonne. Chemie kann nun mal sehr sensibel auf Erhitzen reagieren - ob man solche Experimente unbedingt am eigenen Motorrad durchführen muss, sollte man sich aber sehr genau überlegen.

Wer moderne Mittel verabscheut und bei der Grundreinigung noch nach alter Väter Sitte mit Wassereimer und Autoshampoo hantiert, kann auch einen elementaren Fehler machen. Genau dann, wenn er mit nur einem Eimer arbeitet. Der Ablauf sieht dann nämlich folgendermaßen aus: Schwamm in Eimer, Schwamm auf Motorrad, Schwamm wieder in Eimer - und genau dann ist es schon passiert. Der vom Schwamm aufgenommene Schmutz landet im Waschwasser, wird beim nächsten Wasserfassen wieder in den Schwamm gespült und kommt als fiese Schmirgelauflage zwischen Schwamm und die zu reinigende Oberfläche. Mit zwei Eimern zu arbeiten - einer für die Reinigungsflüssigkeit, einer fürs Spülwasser - ist so simpel wie effektiv, doch in der Praxis denkt längst nicht jeder daran.

Eine weitere Unsitte ist es, auf ewig nach dem Motto „das haben wir immer so gemacht“ zu verfahren. Natürlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier, doch Werkstoffe sowie Reinigungs- und Pflegeprodukte unterliegen einer ständigen Weiterentwicklung. Da ist es mittlerweile nur noch sehr bedingt zielführend, wie anno Tobak mit Polierwatte zu arbeiten. Das Fusselzeug hatte in der Vor-Mikrofaserzeit ganz sicher seine Berechtigung, doch heutzutage macht man sich damit das Poliergeschäft nur unnötig schwer. Beim Einpolieren wird sie zu schnell trocken; beim Auspolieren nimmt Watte zu wenig Mittel auf und sorgt relativ leicht für ungewünschte Wolken, Schleier, Hologramme und andere Ungleichmäßigkeiten.

Diese Effekte kann auch eine falsche, nichtsdestotrotz beliebte und kaum ausrottbare Poliertechnik verursachen: das unsägliche Arbeiten in immer ein und derselben Richtung. Bei der Handpolitur sollte mit möglichst ungleichmäßigen Bewegungen gearbeitet werden. Kratzer sind nämlich auch ungleichmäßig – und gegen die muss man anarbeiten!

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Beim Auspolieren penibel darauf achten, ob das Tuch tatsächlich noch Mittel aufnimmt oder den Überschuss nur vor sich herschiebt und wieder auf dem Lack verteilt. Ein Tipp der Dr. Wack-Profis fürs Einpolieren: mit einem Viskose-Pressschwamm arbeiten. Der ist stabiler und damit besser zu handhaben als ein weicher Schaumstoffschwamm, bleibt lange konstant feucht und kann so die Inhaltsstoffe inklusive Schleifmittel viel gleichmäßiger verteilen. Doch noch bevor auch nur ein Quadratzentimeter poliert wird, sollte grundsätzlich geklärt sein, ob die Oberfläche überhaupt für eine solche Aktion geeignet ist. Überflüssig zu erwähnen? Nicht wirklich, unzählige Motorradfahrer haben sich durch gefärbte, nicht durch Klarlack geschützte Kunststoffteile oder neuerdings auch die immer beliebter werdenden Mattlacke durch genau solche Aktionen dauerhaft ruiniert.

Frühzeitige Oberflächenanalyse verhindert ohnehin in vielen Fällen ein böses Erwachen. Wer zum Beispiel der festen Meinung war, dass es sich bei den glänzenden Blinker- und Spiegelgehäusen oder auch Seitendeckeln seines (Fernost-) Choppers um verchromtes Metall handeln würde und ohne nähere Prüfung mit entsprechenden Metallpflegemitteln ans Werk ging, wird die Begriffe „Blender“, „Kunststoff“ und „Grundierung“ in einem völlig neuen Zusammenhang sehen.

Fassen wir zusammen. Erster Schritt: genaue Analyse der zu bearbeitenden Oberfläche und entsprechender Produkteinkauf. Hilfsmittel und Werkzeuge (Lappen!) nicht vergessen. Zweiter Schritt: Anwenderhinweise tatsächlich lesen und vor allem peinlich genau beachten. Dritter Schritt: kleinflächig, in Ruhe und dabei doch konstant und konzentriert arbeiten. Mit Hilfsmitteln und Werkzeugen nicht geizen. Letzter Schritt: übers tolle Ergebnis freuen. Noch ein Tipp für alle, denen jetzt doch der Kopf raucht und die noch Fragen haben: Einige der namhaften Anbieter haben Hotlines mit hilfsbereiten Anwendungstechnikern. Einfach anrufen. Zum Beispiel bei Dr. Wack.

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Clevere Helfer

Waschhandschuh:
Von Nigrin für 5,95 Euro (z. B. bei Bauhaus); Mikrofaser-Langflorseite zur schonenden Reinigung, Insektennetz (Vorsicht auf empfindlichen Oberflächen) für hartnäckigen Schmutz.

Mikrofaserschwamm:
Von Sonax, für 5,99 Euro (z. B. bei Obi); langflorige Reinigungsseite, glattere Seite für die Feinarbeit; für Naked Bikes etwas groß, auf Verkleidungen aber top.

Poliervlies:
Von Procycle (Detlev-Louis-Hausmarke) im 15er-Pack für 4,99 Euro; Einweg-Alternative zum Mikrofasertuch, gut für abschließende Feinarbeit.

Tücherset:
Mikrofasertücher im Dreier-Set für günstige 6,95 Euro von Polo; zwei Reinigungstücher, ein Poliertuch, jeweils 30 x 30 Zentimeter groß.

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Mikrofaserkunde

Unter dem Oberbegriff Mikrofaser werden alle Chemiefasern (z. B. aus Polyester, Polyacryl oder Polyamid) zusammengefasst, die feiner als 1 dtex (Dezitex) sind. Ein Dezitex stark ist eine Faser dann, wenn zehn Kilometer (!) davon genau ein Gramm wiegen. Seide, die feinste auf der Erde vorhandene Naturfaser, liegt in etwa bei 1 dtex, Baumwolle bringt es auf 1,5 bis 2,5 dtex, und Schurwolle hat bis zu 6 dtex. Die meisten Mikrofasern bewegen sich im Bereich von 0,5 bis 0,7 dtex, Supermikrofaser sogar unter 0,3 dtex.

Um die extrem feinen Mikrofasern überhaupt nutzen zu können, werden sie zusammengefasst und zu einem Faden gezogen, der wiederum zu einem sehr dichten Stoff verwebt werden kann. Die einzelnen Fasern kleben dabei aber nicht aneinander, was dem Gewebe hohe Formstabilität bei einer gleichzeitig sehr weichen Struktur beschert. Und - das ist für Reinigungszwecke ein entscheidender Faktor - auch jede Menge Platz für die Aufnahme von Reinigungsmitteln, Wasser oder auch Schmutz. Im Vergleich mit Baumwolle ist die Saugfähigkeit von Mikrofaser zweimal höher.

Mikrofaser ist dabei nicht gleich Mikrofaser, und bei Reinigungstüchern reicht die Bandbreite von glatt und dünn bis zu frotteeartig und flauschig dick. Die für die Fahrzeugpflege geeigneten Mikrofasertücher haben auch nichts mit den typischen (Billig-) Haushaltsputztüchern aus dem Supermarkt gemein. Deren harte Kanten und die gröbere Webstruktur mögen für Arbeitsplatten und Edelstahlspülen taugen, aber sie sind Gift für sensible Fahrzeugoberflächen. Im einschlägigen Motorradzubehörhandel werden oft komplette Mikrofasersets angeboten. Eine gute Wahl, denn mit den dickeren, flauschigeren Oberflächen lassen sich Reinigungsarbeiten prima erledigen, die langflorige Struktur löst den Schmutz und nimmt ihn auf, ohne Lack oder Chrom zu schädigen.Mit den eher glatten Tüchern wird dagegen am Ende fein auspoliert.

Weiterer Vorteil von Mikrofasertüchern: Sie stellen keine hohen Ansprüche, wenn sie verschmutzt sind. Ganz im Gegenteil: Zu viel Kümmern ist schädlich. Der Einsatz von Weichspüler ist unbedingt zu vermeiden, denn der würde sich wie ein Film um die feinen Fasern legen und die Aufnahmefähigkeit unwiderruflich zerstören. Mikrofasern mögen auch keinen Wäschetrockner. Um die Tücher wieder einsatzbereit zu machen, genügt oft schon das Ausspülen mit klarem Wasser oder eine Runde Waschmaschine mit nur geringem Waschmittelzusatz. Die Mikrofasertuch-Hersteller erlauben den Einsatz bei 60 oder sogar 90 Grad, meist reichen aber schon 30 Grad - im Zweifelsfall am besten die Herstellerangaben beachten.

Wer sich partout nicht mit Mikrofasertüchern anfreunden mag, darf aber auch weiterhin zum bewährten Frotteetuch greifen. Das war bis vor ein paar Jahren der Mikrofaser teilweise sogar überlegen, die ¬ihren Job zu gut machte, indem sie von der schützenden Wachsschicht beim Polieren zu viel entfernte. Moderne Pflegemittel gelingt aber eine sehr feste Bindung an die Oberfläche – und sind dadurch perfekt mit Mikrofasern zu verarbeiten.



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Typische Fehler

Die Dr. Wack-Profis wissen eines ganz genau: Man kann gar nicht so verrückt denken, wie einige Verbraucher das Thema Reinigung und Pflege angehen. Dass die harte Rückseite von Muttis Haushaltsschwamm so ziemlich jeden Lack zerkratzt, mag dabei noch einleuchten (und passiert trotzdem immer wieder), dass auch vermeintlich weiche Bürsten fast immer den gleichen Effekt haben, erschließt sich schon weniger Menschen.

Besonders verwirrend wird es dann, wenn der Anwender von identischen Oberflächen ausgeht und diese auch gleich behandelt, es sich trotz baulicher Nähe aber um völlig unterschiedliche Oberflächen handelt. Gern genommen: eloxiertes und poliertes Aluminium (z. B. an Fußrastenträgern) oder lackierte und unlackierte Kunststoffe. Wer z. B. dem nur durchgefärbten Verkleidungskiel mit Lackpolitur zu Leibe rückt, darf sich nicht über Flecken wundern, die nie wieder zu entfernen sind.

Wolken und Schleier nach dem Auspolieren lackierter Oberflächen lassen sich dagegen durchaus wieder rückgängig machen - allerdings nur mühsam. Wer nicht den Fehler macht, mit längst gesättigten Poliertüchern zu arbeiten, hat das Problem erst gar nicht. Merke: Lappen grundsätzlich lieber zu früh als zu spät tauschen. Ein Klassiker aus der Reihe „dauerhaft verwachst“ - und das im wahrsten Sinne des Wortes - ist strahlender Glanz auf Oberflächen, die eigentlich gar nicht glänzen sollen. Mattlacke werden zwar auch bei Motorrädern immer beliebter, doch aus alter Gewohnheit nimmt der etwas verwirrte Anwender die Reinigungs- und Pflegemittel, mit denen er seit jeher hantiert hat. Das glänzende Ergebnis fällt dann unter „ganz doof gelaufen“.

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