PS-Leserfrage zur Motorrad-Technik Abweichender Lenkkopfwinkel nach Wheelie?

Ist es möglich, dass der Lenkkopfwinkel durch hartes Aufsetzen des Vorderrads nach Wheelies von der Werksvorgabe abweicht und ist die Maschine dann noch für Rennstreckentrainings nutzbar? Welche Gründe kann der abweichende Lenkkopfwinkel noch haben? Motorrad-Flüsterer Werner „Mini“ Koch klärt auf.

Frage von PS-Leser Bert Sander: Bei der Vermessung einer gebraucht gekauften Honda CBR 600 RR, Baujahr 2008, wurde festgestellt, dass der Lenkkopfwinkel um zwei Grad von der Werksvorgabe abweicht und zu flach steht. Die wahrscheinliche Ursache sei eine plastische Verformung des Lenkkopfbereichs durch hartes Aufsetzen des Vorderrads nach Wheelies (habe ich persönlich noch nicht versucht). Mir erscheint es unwahrscheinlich, dass durch solche Aktionen im Lenkkopfbereich höhere Biegemomente auftreten können als zum Beispiel in der Gegenrichtung bei einer Vollbremsung. Jetzt bin ich mir unsicher, ob ich die Maschine hauptsächlich für Rennstreckentrainings nutzen kann.

PS-Antwort: Lieber Bert, sollten die Werte der Vermessung stimmen, steht ja auch die Gabel rund zwei Grad flacher als beim Serienmotorrad. Womit als Folge der Nachlauf um etwa zwölf Millimeter länger wird. Mit solchen Werten müsste die Honda CBR 600 RR ein vergleichsweise träges Handling und ein indirektes, schwergängiges Lenkverhalten aufweisen. Die Ursache für eine solche gravierende Verformung im Lenkkopfbereich kann eigentlich nur an massiver Gewalteinwirkung etwa durch einen Sturz liegen. Natürlich können auch missglückte Wheelie-Versuche einem Motorradrahmen so zusetzen, dass sich die Geometrie dramatisch verändert. Knallt das Motorrad bei einem Wheelie abrupt aufs Vorderrad, können die dadurch wirkenden Kräfte und Momente den Lenkkopf nach oben biegen, wobei die unteren Rahmenzüge gestreckt, die oberen Profile gestaucht werden. Solche plastischen Veränderungen an den Aluprofilen müssten jedoch sichtbar sein. 

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Kräfte bei einer Vollbremsung höher als bei missglücktem Wheelie

Auch der flache Gabelwinkel müsste sich mit bloßem Auge von außen erkennen lassen. Selbst bei einer provisorischen Nachprüfung mit einem Winkelmesser lassen sich zwei Grad Fehlstellung nachweisen, wenn man darauf achtet, dass die Lenkung exakt in Geradeausstellung ist und der Winkelmesser an einem im 90-Grad-Winkel gefrästen Bauteil in der Motorrad-Längsachse anliegt. Dein Einwand, dass die Kräfte bei einer Vollbremsung höher sind als bei einem missglückten Wheelie, ist im Prinzip richtig. Allerdings sind solche Belastungen vom Konstrukteur berücksichtigt und werden durch eine entsprechende Rahmensteifigkeit oder Materialzugabe abgefangen.

In der Vergangenheit gab es schon mehrfach Probleme durch Gewalteinwirkungen bei Wheeliefahrten. Suzuki musste deshalb bei den K6-Modellen der GSX-R 1000 eine mit Epoxyd-Harz aufgeklebte Rahmenversteifung anbringen. Auf der Rennstrecke ohne Probleme, gab es speziell auf dem US-amerikanischen Markt Rahmenbrüche, die durch dilettantische Wheeliefahrten verursacht wurden. Klares Merkmal solcher Stuntversuche: Die Lamellen an den Wasserkühlern wurden durch die schlagartige Belastung nach unten gebogen. In jedem Fall sollten an Deiner Honda CBR 600 RR sämtliche Schweißnähte in den hochbelasteten Bereichen (Lenkkopf, Umlenkung, Federbeinaufnahme) auf Risse überprüfte werden. Ein andere Ursache für den zu flachen Lenkkopfwinkel könnte in einer komplett falschen Einstellung der Federvorspannung oder der Fahrhöhe liegen. Bei einem zwei Grad zu flachen Lenkkopfwinkel müsste die Fahrhöhe um insgesamt rund 50 Millimeter falsch eingestellt sein. Also vorn 25 Millimeter zu hoch und hinten 25 Millimeter zu tief, oder hinten die kompletten 50 Millimeter zu tief. Was über den Verstellbereich der Federvorspannung kaum möglich ist, trotzdem sind die Negativfederwege und die Länge von Gabel und Federbein zu überprüfen.

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