Ratgeber: Besser fahren Sicher in die Motorradsaison

Nach einem klirrend kalten Winter wird es höchste Zeit für die erste flotte Ausfahrt. Mit etwas Geduld und einem guten Plan lassen sich die lebenswichtigen Sinne wieder schärfen.

Foto: Jahn

Bevor man sich euphorisch aufs Krad schwingt, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass seit der letzten Ausfahrt im Herbst fast ein halbes Jahr vergangen ist. Eine Zeit, in der im Vergleich zum Motorradfahren alles in gemächlicher Zeitlupe abgelaufen ist. Auf den ersten 1000 Kilometern geht es darum, den Blick, die Sinne und das Gefühl für höchst dynamische Vorgänge wieder auf Trab zu bringen. Dazu gehören vor allem die Anpassung der Geschwindigkeit, das Gefühl für Schräglage und Kurvenspeed und letztlich das Aktivieren der mentalen Warnanlage für brandgefährliche Standardsituationen.

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Einfrieren auf der Bremse

Wenn er auf der Geraden alle Pferde aus dem Stall lässt, rast der Bremspunkt schneller auf den Motorradfahrer zu, als er diesen erfassen kann. Folglich wird in großer Panik mit aller Macht geankert. Statt beim Einlenkpunkt die Bremse zu lösen, einzubiegen und in schräger Fahrt auf dem rechten Weg zu bleiben, erstarrt der Pilot, steigt voll in die Eisen und wundert sich, warum das Zweirad nicht um die Ecke biegen möchte, sondern wie auf Schienen aus der Spur fährt - Stichwort "Aufstellmoment". Speziell in solchen Situationen fehlt es nach dem langen Winter an der Fähigkeit, sich auf hohe Geschwindigkeit und vehemente Verzögerung einzustellen. Deshalb gilt: langsames und bewusstes Steigern von Tempo und Schräglage.

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Schräg lass nach

Der Klassiker unter den Kurven-Fahrfehlern ist die Angst vor großer Schräglage. Die hat zur Folge, dass der Kurvenradius zu groß ausfällt und man auf der Gegenfahrbahn oder im Gemüse endet. Wer sich generell keine großen Schräglagen zutraut, was keine Schande, sondern eine Sache des Trainings ist, hat alle Hände voll zu tun, wenn sich der Kurvenradius plötzlich zuzieht (Hundekurve) oder die Einlenkgeschwindigkeit schlicht zu hoch ausfällt. Dann gilt es, das Motorrad durch gezielte Lenkimpulse in Schräglage zu zwingen. Dies gelingt jedoch nur, wenn die Wasserwaage im Kopf diesen Vorgang auch zulässt und entsprechend steuert. Immer mehr Veranstalter bieten deshalb Kurven- und Schräglagentrainings an.

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Wenn‘s eng wird, lenkt der Blick

Auf dem Motorrad muss der Fahrer weit vorausschauen, um Linienwahl, Einlenkpunkt und die dazu passende Geschwindigkeit koordinieren zu können. Was in allen Lehrbüchern steht, stimmt im Prinzip auch. Allerdings lassen sich die nach dem Winter zum Teil gefährlichen Fahrbahnschäden mit dem weit nach vorn gerichteten Blick kaum erfassen, weshalb sich der Blick ständig zwischen weit nach vorn und etwa zehn bis 20 Meter vor dem Vorderrad abwechseln sollte, um die Straße nach Stolperfallen abzusuchen.

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Stell dir vor, du kommst dir selbst entgegen

Wer diesen geflügelten Spruch ernst nimmt, wählt seine Fahrlinie immer so, dass genügend Reserven zur Gegenfahrbahn und zum rechten Fahrbahnrand übrig bleiben. Die sichere Fahrlinie richtet sich stets und ohne Einschränkungen nach der jeweiligen Verkehrslage. Ausschließlich bei übersichtlichen Strecken und großzügig bemessener Straßenbreite kann die Ideallinie, immer nur auf die eigene Fahrspur bezogen, umgesetzt werden. Für enge, unübersichtliche Kurvenstrecken gilt die eiserne Regel: so eng wie möglich am rechten Straßenrand fahren; denn in Schräglage nimmt der Raum, den ein Motorrad einnimmt, immens zu. Eine Tatsache, die von vielen Motorradfahrern beim Schneiden einer Linkskurve nicht berücksichtigt wird, was mitunter zu Kollisionen nicht nur mit entgegenkommenden Autos, sondern auch mit Motorrädern führt.

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Alarm - Gas zu, Augen auf

Viele Motorradunfälle mit Fremdbeteiligung laufen nach einem bestimmten, sich ständig wiederholenden Muster ab. Deshalb müssen wir lernen, die Verkehrswelt nicht aus unserer Sicht, sondern aus der des reinen Autofahrers zu sehen. Wir, für die ein Sprint von 0 auf 100 km/h in fünf Sekunden völlig normal ist, müssen erkennen, dass bei dem Mensch, der im Auto sitzt, ein anderer Film läuft. Diese beiden Welten prallen speziell im Frühjahr aufeinander.

Was uns Motorradfahrern bleibt

Es ist die Anpassung der Geschwindigkeit an die reale Verkehrswelt.

Der Linksabbieger: In dieser Standardsituation hilft nur gedrosseltes Tempo und der Blickkontakt zum Autofahrer. Schweift dessen Blick suchend und orientierungslos durch die Landschaft, hat er den entgegenkommenden Motorradfahrer womöglich gar nicht auf dem Film.

Querverkehr: An viel befahrenen Kreuzungen und Einmündungen gibt es nur eins: Gas raus und sich bremsbereit auf alle möglichen Aktionen gefasst machen.

Vorsicht Wandersmann: Höchste Konzentration und angepasste Geschwindigkeit sind auch bei Wanderparkplätzen, Hofeinfahrten und Wegeinmündungen dringlichst angesagt.

Falschfahrer: Auf kurvigen Strecken muss man darauf gefasst sein, dass Auto- oder Motorradfahrer die Kurven schneiden und auf der Gegenfahrspur daherkommen. Was oft keine nachlässige Absicht, sondern Folge einer falsch gewählten Kurvenlinie ist.

Und schließlich gibt es zum Saisonanfang Tage, an denen beim Motorradfahrer nichts zusammenläuft, weil sich die Psyche querstellt. Ängstlich und unsicher, meist ohne ersichtlichen Grund, stochert man durch die Landschaft. Solche Situationen mit dem Brecheisen zu bewältigen und einfach drauflos zu brettern, um von der Gruppe nicht abgehängt zu werden, können richtig ins Auge gehen. Die vernünftigste Lösung: ein Tempo anschlagen, bei dem man sich rundum wohl fühlt. Außerdem sollte man keinerlei Leistungsdruck zulassen, weder selbst gemachten, noch von den Freunden; denn meist fährt man sich von solchen Blockaden innerhalb weniger Stunden frei und findet zum gewohnten Fahrkönnen zurück.

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