Kurvenfahren Teil 2: Geschmeidige Übergänge schaffen Richtig durch die Kurven fahren

Kurvenfahren besteht nicht darin, einzelne Bögen aneinander oder an eine Gerade zu stückeln. Richtig gut wird es und am meisten Spaß macht es, wenn die Übergänge vom einen zum anderen fließend geschehen. Das will gelernt und geübt sein.

Foto: Jkuenstle.de

Bremsen, Rollen, Beschleunigen - die MOTORRAD-Grafik zeigt die einzelnen Phasen einer Kurvenfahrt in unterschiedlichen Farben und der richtigen Reihenfolge. Das ist anschaulich und verständlich, methodisch also gerechtfertigt, aber nicht ganz korrekt. Denn die Wechsel von der einen zur anderen Phase erfolgen nie so abrupt, so scharf, wie es die klar voneinander getrennten Farbstreifen suggerieren. Sie sollen es auch gar nicht.

Wer auf eine Kurve zufährt, zieht nicht mit einem Ruck am Bremshebel, sondern dreht erst einmal das Gas zu, betätigt leicht den Fußbremshebel und greift zum Handbremshebel, wenn er die Gewichtsverlagerung nach vorne spürt. Schon diese Abfolge besitzt viel Potenzial zur Optimierung. Man kann das Drehen des Gasgriffs und den Griff zum Hebel in einer Bewegung ausführen. Dann gleiten sie schnell ineinander, ohne abgehackt zu wirken.

Wenn der Fahrer nun in der Anfahrt auf eine Kurve auch noch einen oder mehrere Gänge zurückschalten muss, geht es erst so richtig los: Kupplung ziehen, Schalthebel betätigen, zugleich die Bremsen betätigt lassen, nach dem Zurückschalten gefühlvoll einkuppeln, Bremsen lösen, einlenken - alles will in sinnvoller Abfolge beziehungsweise Gleichzeitigkeit getan sein. Und das ist nur die Arbeit von Händen und Füßen. Der Kopf hat währenddessen eine Vielzahl von Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen. Und je weniger er mit den handwerklichen Angelegenheiten des Motorradfahrens beschäftigt ist, desto besser kann er das Fahrprogramm für die nächsten Sekunden entwerfen.

Es hilft also nichts: Wieder einmal, wie stets beim Motorradfahren, müssen die Abläufe und ihre Variationen geübt werden. Wer sich die Phasen eines Fahrmanövers einzeln nacheinander vorbeten muss, hat noch Trainingsbedarf. Und auch die Motorradfahrer, denen die Abläufe längst in Fleisch und Blut übergegangen sind - der Psychologe und Verhaltensforscher Bernt Spiegel hätte geschrieben „die sie an die Tiefenperson abgegeben haben“ -, sind nicht schlecht beraten, diese Abläufe ab und zu durchzugehen und eventuell zu optimieren. Denn schon allein auf die Frage, mit wie vielen Fingern der Handbremshebel gezogen wird, wobei ja immer noch der Lenker geführt werden muss, finden fünf verschiedene Motorradfahrer sechs verschiedene Antworten. Einen interessanten Ansatz wählt Pascal Eckert, der Pilot auf dem Aufmacherfoto, der mit Mittel- und Ringfinger den Hebel zieht, den kleinen Finger nur auflegt und den Gasgriff zwischen Zeigefinger und Daumen hält. So kann er im nächsten Moment, wenn er die nur noch leicht anliegende Bremse vollends gelöst hat, wieder das Gas aufziehen, um in der Rollphase die Fahrt in Schräglage zu stützen. Valentino Rossi hingegen greift mit allen vier vorderen Fingern betont vom Bremshebel auf den Gasgriff um, bringt aber trotzdem sanfte Lastwechsel zustande. Nebenbei sei noch darauf hingewiesen, dass der „Aufmacherpilot“ in schon beträchtlicher Schräglage noch zurückschalten und gefühlvoll einkuppeln kann. Das gehört schon zur Hohen Schule.

Stichwort Rossi und Konsorten: Man muss nicht danach streben, so schnell zu fahren wie sie. Vorbilder sind sie eher als Meister des schnellen und dennoch nahtlosen Übergangs, der Integration komplexer Handlungsmuster in einen noch komplexeren Gesamtablauf - das Fahren. Die meisten verwenden viel Mühe darauf, sämtliche Details so auf sich anzupassen, dass alles ineinander flutscht. Normalfahrer sollten sich also nicht zu schade sein, zumindest die Stellung von Lenker und Hebeln sowie das Spiel in den Gaszügen richtig einzustellen

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