Ratgeber Werkstatt: Gabel wechseln Gabel-Aus- und Einbau

Simmerring undicht? Gabelölwechsel fällig? Federn austauschen? Dämpfung optimieren? Egal, welche Arbeiten anstehen, MOTORRAD verrät, wie man die Gabelholme schnell aus- und richtig einbaut.

Foto: Schermer
Aus welchem Grund auch immer die Gabelholme raus müssen, ganz so einfach ist diese Prozedur nicht. Es fängt schon damit an, dass die Frontpartie der Maschine komplett entlastet werden muss. Das geht entweder über einen Montageständer, der an der unteren Gabelbrücke angreift, oder mittels einer Aufhängung an einem soliden Querträger in der Werkstatt. Vor riskanten Mausefallen über Seitenständer und wackeligem dritten Standbein sei gewarnt. Denn wer den Blechschaden hat, spottet jeder Beschreibung.

Papier, Kugelschreiber, Schieblehre – alles schön notieren und vermessen, bevor es zu spät ist
1. Im ersten Schritt werden das Vorderrad mitsamt Bremszangen und Kotflügel entfernt. Bremszangen nicht an den Leitungen, sondern an einem Bindedraht an der unteren Gabelbrücke baumeln lassen.

2. Bevor die Gabelbeine aus den Brücken gezogen werden, sollte man sich die Verlegung der Züge und Elektrik genau einprägen oder noch besser skizzieren. Nichts ist ärgerlicher, als nach der Montage falsch verlegte oder geknickte Gaszüge reparieren zu müssen. Außerdem alle Einstellungen von Dämpfungsschrauben und Federvorspannung vor dem Ausbau notieren.

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3. Bei Sportmotorrädern ganz wichtig: Der Überstand der Gabelholme über die Brücken muss gemessen und notiert werden. Dieser Überstand beeinflusst die Lenkgeometrie und damit das Fahrverhalten der Maschine. Eine weit durchgesteckte Gabel reduziert den Nachlauf und erhöht den Lenkkopfwinkel für ein besseres Handling, umgekehrt verbessert sich die Fahrstabilität.

4. Die Arbeitsschritte gelten für Upside-down-Gabeln ebenso wie für Telegabeln. Bei Letzteren ist nur das Anziehen der Klemmschrauben an der unteren Gabelbrücke weniger aufwendig.

5. Da für Gabelreparaturen stets die oberen Stopfen entfernt werden müssen, diese bereits vor dem Ausbau lösen. Zuerst die Klemmschrauben an der oberen Brücke und erst dann den Gabelstopfen mit Ringschlüssel oder Nuss lösen. Ansonsten überträgt sich die Spannung auf das Innengewinde des Tauchrohrs, weshalb sich der Stopfen nur mit viel Kraft lösen lässt.

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6. Weil die Oberfläche des meist eloxierten Sechskants optischen Schaden nehmen kann, empfiehlt es sich, diesen mit einer Lage stabilem Textilklebeband zu schützen und eine Nuss mit gerundetem Sechskant zu benützen.

7. Damit die Gleitlager und Reibungsflächen der Gabelholme wieder in der ursprünglichen Position montiert werden können, sollte die Einbaurichtung der Gabelholme mit einem wasserfesten Stift markiert werden.

8. Dieser Schritt entfällt, wenn die oberen Gabelstopfen generell eine festgelegte Einbauposition erfordern (zum Beispiel bei exzentrisch angebrachte Entlüftungsschrauben).
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Alle Schrauben gelöst – und nix bewegt sich

Wenn sich Klemmungen verklemmen
9. Erst jetzt werden die Klemmschrauben der unteren Gabelbrücke um zwei Umdrehungen gelöst und die vorher gereinigten Holme mit einer leichten Drehbewegung nach unten herausgezogen. Geht nicht? Dann ist die Passung der Klemmfaust sehr eng gefertigt, oder es hat sich eine leichte Korrosionsschicht gebildet. Oft genügt bereits ein leichter Druck auf die Köpfe der gelösten Klemmschrauben, um die Spannung oder Korrosionsschicht zu knacken. Bei hartnäckigen Fällen muss nachgeholfen werden. Mittels Schraubendreher mit möglichst dicker Klinge kann man die Klemmfaust vorsichtig aufspreizen. Achtung: nicht mit dem Hammer in den Klemmschlitz treiben, die Oberfläche des Standrohrs könnte irreparabel zerstört werden.

10. Jetzt können die ausgebauten Holme zerlegt, repariert oder umgebaut werden – Arbeiten, die man der Fachwerkstatt oder einem Fahrwerksspezialisten überlassen sollte. Lediglich der Austausch von Federn und Gabelöl ist für einen talentierten Bastler zu stemmen. Diese Arbeitschritte werden in MOTORRAD 6/2009 erklärt.

11. An dieser Stelle bleiben wir bei der Anleitung, wie die renovierten Gabelholme wieder fachgerecht eingebaut werden. Denn dabei gelten im Prinzip die bereits beschriebenen Arbeitsschritte in umgekehrter Reihenfolge. Trotzdem gibt es ein paar Dinge zu beachten.

12. Vor dem Einbau sollten die Gabelholme im Bereich der Klemmung mit Bremsenreiniger entfettet werden. So wird eine effiziente und verdrehsichere Klemmung gewährleistet. Dabei darauf achten, dass die Markierung der Einbaurichtung nicht verwischt wird.

13. Das Gabelholmpärchen muss sich absolut spannungsfrei in die Bohrungen der oberen Gabelbrücke einführen lassen. Ist dies nicht der Fall, können entweder Standrohre oder Gabelbrücken verzogen sein.

Nur wer das Drehmoment im Handgelenk spürt, kann auf den Drehmomentschlüssel verzichten

14. Ist das Maß des notierten Gabelüberstands korrekt, werden die Schrauben der unteren Gabelbrücke in vier Schritten mit dem Drehmomentschlüssel angezogen.

15. Beispiel: Schritt eins 5 Nm, Schritt zwei 10 Nm, Schritt drei 15 Nm, Schritt vier die vorgegebenen 18 Nm Drehmoment. Der Grund: Bei vielen Upside-down-Gabeln laufen die Gleitlager im Bereich der unteren Gabelbrücke, die bei einem zu hohen Drehmoment das Standrohr und damit die Lagerstelle oval verziehen kann. Das Resultat: schlechtes Ansprechverhalten und hoher Abrieb.

16. Ist keine Angabe zum Drehmoment vorhanden, gilt für handelsübliche Upside-down-Gabeln ein Wert von 18 bis 20 Nm für die unteren und 22 bis 25 Nm für die Klemmschrauben der oberen Gabelbrücke.

17. Sind Gabelbeine, Vorderrad und Bremszangen fertig montiert, werden alle Schraubverbindungen (außer den unteren Gabelrücken) nochmals kontrolliert und nachgezogen. Denn ein lockerer Lenkerstummel oder lose Schrauben an den Bremszangen können fatale Folgen haben.

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