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Ratgeber Werkstatt Kette und Kettenräder erneuern

Die Laufleistungen moderner Motorradketten sind gewaltig. Doch selbst bei bester Pflege muss irgendwann getauscht werden. Am Beispiel der Suzuki Bandit 1250 zeigen wir, wie man Kette, Ritzel und Kettenrad richtig erneuert.

Das Lebensende der Kette deutet sich an, wenn die Zähne der Kettenräder regelrecht spitz werden oder sich die Kette am hintersten Punkt des Kettenrads mit den Fingern um mehr als eine halbe Zahnhöhe abheben lässt. Ein weiteres Indiz für das Ende der Kettenlebensdauer: Die Hinterradachse steht weit hinten, die Kettenspann-Möglichkeit ist nahezu erschöpft. Darüber hinaus gibt es aber auch ein Verschleißmaß des Herstellers. Suzuki gibt für die 1250er-Bandit 319,4 mm an. Mit den folgenden Schritten wird dieses Maß genommen:

  1. Hinterachsmutter lösen und mindestens zwei Umdrehungen aufdrehen
    • Mit 12er-Gabelschlüssel die Kontermuttern beider Einstellschrauben lösen
    • Mit 10er-Gabelschlüssel die Einstellschrauben so weit nach hinten ausdrehen, dass die Kette straff gespannt ist.
  2. An mehreren Stellen der Kette jeweils zwischen der Mitte des ersten und 21. Bolzen Maß nehmen. Beträgt dieses Maß an einer Stelle mehr als 319,4 mm, muss die Kette erneuert werden.


Kette wechseln

Bei normalem Verschleiß sind Kettenräder und Kette zugleich verschlissen, weshalb neben der Kette auch die Kettenräder erneuert werden sollten. Neu- und Altteile zu kombinieren ist wenig sinnvoll, sie nutzen sich gegenseitig extrem schnell ab.

Werkzeuge

Zum Wechseln von Kette und Kettenräder werden folgende Werkzeugteile benötigt:

  • 36er-Nuss für die Hinterachsmutter
  • 10er- und 12er-Gabelschlüssel für die Kettenspannschrauben und Kontermuttern.
  • Drehmomentschlüssel mit einem Einstellbereich bis mindestens 120 Nm.
  • Inbusschlüssel für die Schrauben der äußeren Kettenritzelabdeckung, Befestigungsschrauben von Geschwindigkeits-Sensor und Geschwindigkeits-Sensorrotor.
  • Schlüssel für die Schrauben der Halterung von Regler/Gleichrichter und der Klemmschraube im kurzen Schalthebel.
  • 32er-Nuss für die Ritzelmutter mit Verlängerung zum Drehmomentschlüssel.
  • 14er-Nuss für die selbstsichernden Bundmuttern am hinteren Kettenrad.
  • kombiniertes Ketten-Trenn- und –Vernietwerkzeug
  • mittlerer Hammer, kleiner Meißel, Durchschlag
  • Reinigungsmittel (Bremsenreiniger, WD-40), reichlich Lappen, gutes Wälzlagerfett zum Einfetten der Keilnuten der Getriebeabtriebswelle.


Weiterhin empfehlen wir einen Schlagschrauber zum Öffnen der Ritzelmutter, denn diese kann so fest sein, dass sie sich auch bei Benutzung einer Verlängerung nicht öffnen lässt.

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Foto:
Mit einem speziellen Werkzeug (ab ca. 100 Euro) lässt sich die Kette fachgerecht vernieten.
Mit einem speziellen Werkzeug (ab ca. 100 Euro) lässt sich die Kette fachgerecht vernieten.

Vorbereitungen

Zum Trennen der alten Kette und Vernieten der neuen ist ein Spezialwerkzeug erforderlich. Sollte kein Kettentrenner-Vernietwerkzeug zur Hand sein, kann man die Kette auch an den Gliederplatten oder Nietköpfen mit einem Winkelschleifer („Flex“) trennen. Bei der Montage der neuen Kette bzw. des neuen Nietglieds ist zum freihändigen Vernieten der Überstände an den Gliedbolzen eine geübte Hand nötig, die den Hammer zielsicher führt, was nicht jedermanns Sache ist. Deswegen  ist der Gebrauch eines Kombiwerkzeugs zum Kettentrennen und Vernieten allemal die bessere Wahl.

Alte Kette abnehmen

  1. Äußere Ritzelabdeckung abschrauben.
  2. Regler/Gleichrichter abschrauben.
  3. Kurzen Schalthebel abschrauben.
  4. Geschwindigkeits-Sensor abschrauben.
  5. Wir empfehlen, auch den Kupplungsnehmerzylinder abzuschrauben, damit sich die innere Ritzelabdeckung ohne Probleme vollständig abnehmen lässt.

    Wichtig: Beim abgeschraubten Kupplungsnehmerzylinder denKolben mit einer Klammer gegen Herausrutschen sichern.
    • Innere Ritzelabdeckung abnehmen.
    • Kupplungsdruckstange ausziehen.
    • Schrauben der Ritzelabdeckung lösen und ausdrehen, Deckel abnehmen.
  6. Mit 6er-Inbus den Geschwindigkeits-Sensorrotor abschrauben
    • Mit 32er-Sechskantnuss und Verlängerung die Ritzelmutter öffnen. NICHT versuchen, die Ritzelschraube mit einem Gabelschlüssel zu öffnen. Das geht schief und ist sehr gefährlich, weil man mit Sicherheit abrutscht und sich die Hände verletzt.
    • Hinterrad durch Druck auf den Fußbremshebel blockieren. KEINEN Gang einlegen, um die Ritzelmutter zu öffnen.
    • Falls sich das Hinterrad mitdreht, weil die Mutter extrem fest ist und die Bremskraft zum Gegenhalten beim Öffnen der Mutter nicht ausreicht, Hammerstiel oder Holzstück durch das Rad stecken und eine Speiche gegen die Schwinge blockieren. Vorsicht: Hammerstiel nicht auf die Bremsleitung drücken!
    • Der einfachste Weg, die Mutter zu öffnen, ist mit einem Schlagschrauber.
  7. Nach dem Öffnen der Ritzelmutter alle Kettenrad-Befestigungsmuttern am Hinterrad lösen und zwei Umdrehungen öffnen.
  8. Kette mit dem Kettentrennwerkzeug durchtrennen:
    • Nietglied suchen, Kettentrenner ansetzen, Gewindebuchse mit Zange festziehen, Durchschlag einschieben, Kettentrenner mit einer Hand festhalten und mit dem Hammer in der anderen Hand kräftig auf den Durchschlag klopfen: Bolzen wird entnietet. Anschließend die Kette von den Kettenrädern abheben.
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Richtig vernieten: Um das korrekte Maß einzuhalten, ist eine Abstandslehre hilfreich.
Richtig vernieten: Um das korrekte Maß einzuhalten, ist eine Abstandslehre hilfreich.

Neue Kette und Kettenräder montieren

  1. Altes Kettenritzel vorne abziehen. Getriebewelle mit Bremsenreiniger säubern. Keilnuten mit dickem Fett schmieren.
  2. Neues Ritzel mit der Aufschrift nach außen aufschieben. Scheibe aufstecken, gereinigte und leicht eingeölte Mutter handfest aufdrehen.
  3. Kettenrad hinten wechseln:
    • Hinterrad ausbauen, Kettenradmuttern abdrehen, altes Kettenrad abnehmen.
    • Anlageflächen am Kettenblattträger und Gewinde der Stehbolzen gut reinigen und einölen. Anlageflächen des Kettenrads etwas einfetten oder einölen, Kettenrad mit Aufschrift nach außen aufstecken, Muttern aufdrehen und handfest anziehen.
    • Kettenspann-Einstellschrauben ganz weit in die Schwinge eindrehen, Hinterrad einbauen, Hinterachse so weit es geht nach vorne schieben.
    • Neue Kette auf Kettenräder auflegen.
    • Nietglied gut mit Kettenfett einfetten, neue O- oder X-Ringe auf Bolzen schieben.
    • Enden der Kette mit Nietglied verbinden: Kette muss sicher auf Kettenrädern sitzen.
    • Neue O- oder X-Ringe auf die herausstehenden Bolzen des montierten Nietglieds aufsetzen, Kettenlasche gleichmäßig ansetzen, aufschieben und mit Kettenwerkzeug etwas aufpressen.
  4. Abstandslehren auf beiden Seite der Kette einstecken: Damit werden die O- oder X-Ringe fixiert, und die Kettenlasche wird mit dem vorgeschriebenen Maß aufgepresst.

    Wichtig: Bei Nachrüstketten ohne beigelegte Abstandslehre ist das exakte Maß für die Außenbreite des Nietglieds im Beipackzettel der neuen Kette vermerkt. Suzuki nennt als Maß nach dem Aufpressen der Außenlasche: 21,85 bis 22,15 mm.
  5. Kette vernieten:
    • 6.1.  Verniet-Gewindebolzen in Kettenwerkzeug montieren.
    • 6.2.  Kettenwerkzeug ansetzen und mit der Gewindebuchse die Kettenlasche gleichmäßig auf beide Bolzen aufpressen, bis sie auf den Abstandslehren ansteht.
    • 6.3.  Mit dem Nietwerkzeug die Bolzenüberstände vernieten. Abstandslehren herausziehen.
    • 6.4.  Vernietung kontrollieren: Suzuki nennt 5,45 bis 5,85 mm für den Durchmesser des Nietkopfs bei der Serienkette; bei einer Nachrüstkette im Beipackzettel nachsehen.
  6. Ritzelmutter mit 115 Nm festziehen: Hinterrad mit Bremse blockieren. Wenn die Bremskraft nicht ausreicht, Hammerstiel gegen eine Radspeiche unter Schwinge durchstecken.
  7. Bundmuttern der hinteren Kettenblatt-Befestigung mit 60 Nm festziehen.
  8. Kette spannen: Der Durchhang des unteren Kettentrums in der Mitte zwischen vorderem Ritzel und hinterem Kettenrad muss bei ausgefedertem Hinterrad 30 bis 40 mm betragen.
    • Muttern auf den Kettenspannschrauben gegen die Schwinge kontern: gut handfest.
    • Hinterachsmutter festziehen nicht vergessen. Abgebaute Teile wieder anschrauben.
  9. Alles Fett, das sich außen auf der Kette befindet, mit einem Lappen abwischen.


Ausrüstungstipp: Von der Kettenmarke Enuma (Bezug ausschließlich im Fachhandel, Infos über Motorrad Schüller, Tel. 06245/9947910, www.enuma.de) gibt es neben Nietschlössern auch Schraubglieder für die meisten gängigen Motorradketten. Vorteil der Kette mit Schraubverschluss: Sie kann ohne Spezialwerkzeug montiert werden. Die Schraubverbindung gilt in Fachkreisen als sehr betriebssicher und langlebig. Wer seine Ketten weiterhin fachgerecht ent- und vernieten will, sollte seine Ausrüstung mit dem qualitativ hochwertigen Ketten-Trenn- und Vernietwerkzeug von Whale (über den Motorradfachhandel, Preis: ca. 190 Euro) erweitern.

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