Saisonstart - Fahrtraining Man sollte sich auf dem Motorrad eine Eingewöhnungsphase gönnen

Eigentlich möchte man beim ersten Frühlingslüftchen sofort lospreschen. Besser allerdings ist's, wenn sich der eilige Reiter in aller Ruhe wieder mit seinem Ross vertraut macht.

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Lassen Sie sich Zeit. Die nächsten 200 Tage ist Motorradsaison, und die muss nicht gleich mit einem hektischen Ausritt beginnen. Gehen Sie’s locker an und lassen Sie sich nicht von der Ungeduld verführen. Es heißt: „Nur die Übung macht den Meister.“ Also üben wir, machen uns warm für eine lange Saison. Haben Sie für die Trainingsfahrten einen großen Parkplatz oder eine verkehrsfreie Asphaltfläche ausgespäht, kann’s losgehen. Und zwar ganz langsam.

Balancieren Sie als erste Übung das Motorrad bei Schrittgeschwindigkeit aus, ohne zu fußeln. Dabei locker bleiben und über sanfte Lenkbewegungen die Maschine stabilisieren. Nutzen Sie Bremse und Kupplung wie im Stadtverkehr. Fahren Sie bei dieser Übung nicht nur geradeaus, sondern schlängeln Sie sich dabei durch ein mit alten Dosen oder Plastikflaschen aufgebauten Slalom. Langweilig? Dann geht’s zur nächsten Übung, bei der Sie enge, aber flüssige Wendemanöver trainieren. Als Parcours werden zwei Wendepunkte im Abstand von 30 bis 50 Metern zu einer Acht zusammengekoppelt. Achten Sie dabei auf die Blickführung, mit der man sich von einem zum anderen Scheitelpunkt ziehen lassen kann. Dabei wird jedoch nicht nur der Kopf in Richtung Kurvenrichtung gedreht, sondern der ganze Oberkörper, der sich etwa parallel zum Lenker bewegen sollte.

Achten Sie darauf, dass Bremsen, Einlenken und Gas-geben sanft ineinandergreifen. Wenn das nicht gleich gelingt, machen Sie eine kurze Pause und versuchen Sie, Ihre Fahrfehler zu überdenken. Am engen Wendepunkt kann man üben, die Geschwindigkeit mithilfe der Hinterradbremse anzupassen. Mit diesem Trick lassen sich Motorräder, die mit harten Lastwechselschlägen den Strich verhageln, sanfter und ohne störendes Ruckeln um Haarnadelkurven bugsieren Dabei wird das Gas bereits beim Einlenken leicht geöffnet, und die Kurvengeschwindigkeit wird über einen sanften Tritt auf die Fußbremse reguliert. Am Kurvenausgang wird dadurch beschleunigt, dass man die Hinterradbremse langsam freigibt. Wichtig bei dieser Übung: Der Blick nimmt bereits beim Einlenken den Kurvenausgang ins Visier, wodurch das Motorrad wie von selbst der angepeilten Linie folgt.

Ein ganz wichtiges Thema zum Saisonstart: das richtige, gefühlvolle Bremsen. Dabei geht es um drei zentrale Abläufe, die man trainieren sollte. Der Aufbau des Bremsdrucks ist beim Motorrad mit oder ohne ABS ganz entscheidend. Als Faustregel gilt, dass innerhalb einer halben Sekunde der maximale Bremsdruck aufgebaut sein sollte. Wird der Bremshebel ruckartig gezogen, neigt das Vorderrad zum schlagartigen Blockieren beziehungsweise das ABS zum unnötig frühen Einsatz der Regelung. Denn nur wenn das Vorderrad genügend Anpressdruck hat, kann es sicher und mit hoher Verzögerung abgebremst werden. Stichwort dynamische Achslaständerung.

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Und das wichtigste, gerade wenn man in lustiger Runde unterwegs ist: Pause machen und sich besinnen. Richtig: Motorrad fahren fängt im Kopf an, erfordert Konzentration und die kritische Selbsteinschätzung.
Und das wichtigste, gerade wenn man in lustiger Runde unterwegs ist: Pause machen und sich besinnen. Richtig: Motorrad fahren fängt im Kopf an, erfordert Konzentration und die kritische Selbsteinschätzung.

Um die dafür notwendige Feinmotorik wieder zu aktivieren, wird diese Übung aus zirka 50 km/h nur mit der Vorderradbremse ausgeführt. Beim nächsten Schritt wird das Zusammenspiel von Vorder- und Hinterradbremse trainiert. Dieser komplexe Vorgang ist auch mit viel Erfahrung nicht 100-prozentig zu lösen. Weshalb die Regel, sich auf die Vorderradbremse zu konzentrieren und hinten so gut wie möglich mitzubremsen - wenn es sein muss auch mit blockiertem Hinterrad -, den kürzesten Bremsweg garantiert. Ob die Reflexe wieder richtig funktionieren, lässt sich am besten mit einer Fahrkombination abschätzen. Dabei folgt der zackigen Beschleunigung aus dem Stand eine Zielbremsung auf einem festgelegten Punkt. Diese uralte Prüfung schult Augen und Sinne für die Geschwindigkeit und die Dynamik.

Erst wenn sich das Gefühl für eine reaktionsschnelle, sichere Bremsung eingestellt hat, geht’s an die Geschwindigkeit. Rasant vorbeifliegende Landschaften und schnelle Wechsel von Beschleunigung zu Bremsmanöver fordern die Konzentration enorm. Um sich mit höheren Geschwindigkeiten wieder vertraut zu machen, sucht man sich eine verkehrsarme Autobahn und steigert das Tempo Schritt für Schritt in dem Bereich, in dem man sich noch wohlfühlt. Wichtig: Gehörschutz und gut sitzende Bekleidung. Generell sollte man sich immer im „Wohlfühl-Tempo“ aufhalten und sich speziell im Frühjahr nicht zu einem Speed verleiten lassen, der mehr Stress als Spaß bereitet. Zumal selbst gut trainierte Reflexe und Motorik unter Stress oft nicht mehr funktionieren wie gewohnt.

Nicht gewohnt sind wir im Frühjahr für die Autofahrer, die unsere schmale Silhouette nicht mehr auf dem Film haben. Deshalb gilt beim Saisonstart erst recht: auf Gefahrenstellen (Parkplatzausfahrten, Linksabbieger, landwirtschaftliche Fahrzeuge) noch genauer achten und beim leisesten Verdacht auf Gefahr das Gas zudrehen. Die Zeit sollten wir uns nehmen.

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