Saisonstart Teil 1 - Mentale Vorbereitung Die lebenswichtigen Sinne müssen neu kalibriert werden

Das Gas ist zwar auch nach Monaten des Entzuges immer noch rechts, trotzdem müssen nicht nur die vertrauten biomechanischen Abläufe, sondern auch die lebenswichtigen Sinne neu kalibriert werden.

Foto: Jahn

Wer sich nach fast einem halben Jahr Pause wieder aufs Krad schwingt, sieht die Welt aus einer anderen Perspektive. Allein das Sichtfenster unterm Integralhelm lässt die Umwelt völlig anders erscheinen als aus dem rundum verglasten Auto, mit dem man sich durch den Winter geholfen hat. Zudem rast der Film jetzt wieder wie im Zeitraffer, kippt in Schräglage, lässt den Horizont verschwimmen. Das von Haus aus instabile Motorrad fordert dabei intensiv die Feinmotorik mit jedem Befehl an Gas, Bremse und Lenker. Es ist eben ein Unterschied, ob man im klimatisierten Auto bei seiner Lieblingsmusik über die Bahn rollt oder ob man einspurig, dem Fahrtwind ausgesetzt, mit den Fahrleistungen eines 500-PS-Rennwagens bis auf den letzten Nerv gefordert ist. Aber keine Sorge, das wird schon wieder.

 

Die Standardabläufe beim Motorradfahren sollten so kompakt wie möglich trainiert werden. Sich einfach auf den Bock zu schwingen und sich mit einer 500-Kilometer-Marathontour wieder in Form zu bringen, macht wenig Sinn. Die Schlüsselfunktionen Bremsen, Beschleunigen, Schräglage und Blickführung sind zu verstreut, um sie in kurzen Wiederholungen neu zu erleben und abzuspeichern.

 

Machen Sie sich stattdessen Schritt für Schritt mit Ihrem Motorrad wieder vertraut, indem Sie es zuerst ohne Motorkraft rangieren. Vor, zurück, mit eingeschlagenem Lenker. Von der linken, der Lieblingsseite, genauso wie von der rechten Seite. Balancieren Sie Ihr Motorrad von der Seite zuerst mit einer Hand, dann mit einem Finger aus. Trainieren Sie das Gefühl für Gewicht, Schwerpunkt und den Kipppunkt, bei dem Sie das Motorrad noch locker aufrecht halten können. Beim Rangieren mit eingeschlagenem Lenker darauf achten, dass man das Motorrad sanft an der Hüfte anlegt und stützt. Was das Herumrangieren und statische Ausbalancieren mit sicherem Motorradfahren zu tun hat? Man hat bereits bei den ersten Metern nach der Winterpause ein gutes, sicheres Gefühl. Das hilft nicht nur beim langsamen Dahinrollen und der Parkplatzsuche, sondern macht einfach Lust auf mehr. Mehr Kurven, mehr Motorradfahren.

Alles wieder im Griff? Dann setzen Sie sich vor der ersten Ausfahrt oder Übungsrunde entspannt aufs senkrecht aufgebockte Motorrad und lassen Sie die schönsten Erinnerungen der letzten Saison noch einmal ablaufen. Fixieren Sie diese positiven Momente auf der „Festplatte“, sie sorgen dafür, sich schneller auf das fahrerische Niveau des Vorjahres zu hieven und verbreiten gute Laune. Die ist notwendig, weil der Mensch mit einem fröhlichen Grinsen im Gesicht Herausforderungen und Aufgaben leicht und effizient löst.

 

Und wenn nicht nur gute, sondern auch negative Erinnerung die Freude aufs Frühjahr blockieren? Stürze oder Unfälle, auch solche, die man nur am Rande und als Unbeteiligter erlebt hat, sollte man versuchen auszublenden und als Vergangenheit abzuhaken. Am besten natürlich in der Art, dass man die Ursachen analysiert und diese Erfahrung im mentalen Ordner „Gefahrenvermeidung“ ablegt.

 

Überlagern die negativen Erinnerungen den Spaß und die Lockerheit am Motorradfahren, sollte man sich behutsam und ohne Druck von außen die Freude wieder im wahrsten Sinn des Wortes erfahren. Reden Sie mit Ihren Freunden über die Blockade, fahren Sie nur in einer kleinen Gruppe mit zwei oder drei Maschinen. Lassen Sie sich Zeit. Und seien Sie sich sicher, dass auch die abgebrühtesten Renn- und Testfahrer mit solchen mentalen Blockaden zu kämpfen haben. Nicht umsonst bemühen sich Sportpsychologen und Mentaltrainer, Sportler von Risikosportarten, und dazu gehört Motorradfahren nun einmal, nach Unfällen und Verletzungen wieder in die Spur zu bringen.

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Bevor es an die dynamischen Fahrübungen geht, machen Sie einen kurzen Stopp an der Tankstelle. 

 

●Reifenluftdruck prüfen (zu wenig macht die Lenkung träge und ungenau)

●Kettendurchhang prüfen (zu viel Spiel erhöht das Lastwechselrucken)

●Passt die Einstellung der Griffe und Hebel, ist das Spiel am Gasgriff korrekt eingestellt? (Schlechte Ergonomie verursacht Schmerzen in den Handgelenken.)

●Bei der Kleidung im Frühjahr darauf achten, dass sie an Handgelenken und im Nackenbereich winddicht abschließt.

●Bei zu dunklen Visierscheiben lässt sich die von Streusalz oder Splitt verschmutzte Fahrbahn schlecht einschätzen.

 

Startklar? Na dann ab zu Obi oder zu Aldi oder sonst wohin, wo eine ausreichend große, asphaltierte Fläche zu finden ist. Noch besser, aber leider Mangelware, ist natürlich ein offizieller Übungsplatz. Wie man dort trainieren sollte, steht in MOTORRAD, Heft 7/2012.

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