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In MOTORRAD Classic 10/2015: Service - Kabelbaum erneuern.

Kabelbaum reparieren und nachfertigen Wie geht's? Worauf ist zu achten?

In MOTORRAD Classic 09/2015 haben wir gezeigt, wie der Kabelbaum am Motorrad auf Beschädigungen untersucht wird. Ist danach ein Austausch unumgänglich, kommt einiges an Arbeit auf den Schrauber zu. Ein Experte erklärt, worauf man dabei besonders zu achten hat.

Das Strippenziehen ist kein Hexenwerk, wenn man dabei einige Grundregeln beachtet. Dazu gehört vor allem das Vorgehen Schritt für Schritt. „Bevor man sich an den Nachbau eines Kabelbaums macht, muss zuerst festgestellt werden, welche Arten von Kabeln und Steckverbindungen nötig sind“, sagt Peter Steger, Kfz-Restaurierer und Mitgeschäftsführer der Firma R&R in Maisach-Überacker. „Entscheidend für den Erfolg ist, dass man systematisch vorgeht und jeden Arbeitsschritt penibel dokumentiert, um nichts zu übersehen.“ 

Das funktioniert natürlich nur, wenn der alte, vom Kupferwurm befallene Kabelbaum nicht mit Gewalt aus dem Motorrad gerissen wird. Bevor auch nur ein Kabel entfernt wird, müssen sämtliche Details schriftlich festgehalten werden. Dazu gehören neben den Kabelfarben und -querschnitten auch deren Längen, Anschlüsse und die dazugehörigen Verbraucher sowie Schalter. Hilfreich sind hierbei auch eine Teileliste sowie Fotos der einzelnen Abschnitte. Auf diese Dokumentation sollte selbst dann nicht verzichtet werden, wenn der Originalschaltplan noch vorhanden ist!

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Eigenen Schaltplan anfertigen

„Ideal ist es, alle gesammelten Informationen in einem eigenen Schaltplan zusammenzufassen“, empfiehlt Peter. „Häufig haben nämlich die Motorradhersteller im Zuge der Modellpflege die Elektrik verändert, ohne dies im Schaltplan des Handbuchs oder in der Reparaturanleitung zu vermerken.“ So ein eigener Plan sollte deshalb immer als Grundlage für den Kauf aller Teile und als Anleitung für den Nachbau eines originalen Kabelbaums dienen. Mit einer Einschränkung: Wurde der Kabelbaum durch frühere Reparaturen verändert, indem falsche Farbkennungen, andere Kabelquerschnitte oder Stecker verbaut wurden, bleibt nichts anderes übrig, als diese Änderungen durch einen Abgleich mit dem Originalschaltplan oder Rücksprache mit Experten zu ermitteln. „Selbst wenn der alte Kabelbaum funktioniert hat, sollte man nie den Fehler begehen, diese Veränderungen eins zu eins nachzubauen“, warnt Peter. „Denn jeder Stecker und Kabelquerschnitt wurde einst vom Hersteller so festgelegt, dass sie die Stromstärken und sogar gewisse Überspannungen aushalten.“ 

In einigen Fällen müssen Änderungen am serienmäßigen Kabelbaum allerdings übernommen werden. So beispielsweise bei einer Nachrüstung des Oldies mit Blinkern. Darauf achten auch die Sachverstän­digen der Prüforganisationen, da die Elektrik zu den sicherheitsrelevanten Bauteilen gehört.

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Foto: Marcel Schoch
Wenn Peter Steger einen Kabelbaum nachfertigt, dokumentiert er jeden einzelnen Arbeitsschritt.
Wenn Peter Steger einen Kabelbaum nachfertigt, dokumentiert er jeden einzelnen Arbeitsschritt.

"Finger weg von der Billigware aus Fernost"

Deshalb sind einige Regeln zu beachten, damit die nächste Hauptuntersuchung problemlos verläuft. In Abhängigkeit vom jeweiligen Verbraucher und der Länge des Kabels sind stets die passenden Kabelquerschnitte (Wichtige Hinweise), Isolierungen, Kabeltüllen, Sicherungen und Befestigungen zu verwenden. Wer darauf nicht genau achtet, bekommt Ärger mit dem Prüfer. Im Schadenfall entscheidet die fachgerechte Verlegung und Verwendung des richtigen Kabelmaterials darüber, ob die Versicherung – zum Beispiel nach einem Kabelbrand – bezahlt. Wer in dieser Hinsicht unsicher ist, sollte einen Fachmann um Rat bitten. Oder die notwendigen Arbeiten am besten dem Profi überlassen. 

Insbesondere wenn auch beim Originalzustand Abstriche gemacht werden müssen. Ein Grund können bei vielen Oldtimern zum Beispiel die stoffummantelten Kabel sein. „Wer einen solchen Kabelbaum in seinem Motorrad vorfindet, kommt – auch wenn er noch funktionstüchtig ist – über kurz oder lang um einen kompletten Austausch nicht herum“, weiß Peter. 

Bei diesen Kabeln ist die stromführende Litze nämlich nur in Stofffäden eingewebt. Zum Schutz vor Wasser wurden sie mit Harz oder ähnlichen Substanzen getränkt, die im Lauf der Zeit aber aushärten und brüchig werden. Dann liegt die Litze frei und verursacht Kurzschlüsse. Wer trotzdem aus Gründen der Originalität wieder stoffummantelte Kabel verwenden möchte, wählt lieber solche Produkte von den auf Oldtimer-Elektrik spezialisierten Herstellern, die unter der Stoffummantelung zusätzlich noch mit einer Kunststoffisolierung ausgestattet sind. 

Solche Stoffummantelungen werden heute sogar mit speziellen Farbkennungen und Mustern als Meterware angeboten. „Beim Kauf solcher Kabel ist unbedingt auf Qualität zu achten“, sagt Peter. „Finger weg von der Billigware aus Fernost, das gilt ebenso für Stecker und gewöhnliche Kabel.“ Qualitativ gute Kabel mit einer Stoffummantelung sind allerdings nicht günstig, da ihre Herstellung sehr aufwendig ist. Dafür sind sie absolut betriebssicher und gewährleisten eine reibungslose Abnahme des Oldtimer-Motorrads.

Foto: Marcel Schoch
Es empfiehlt sich, alle Eigenheiten und Informationen des alten Kabelbaums in einem eigenen, selbst angefertigten Schaltplan festzuhalten.
Es empfiehlt sich, alle Eigenheiten und Informationen des alten Kabelbaums in einem eigenen, selbst angefertigten Schaltplan festzuhalten.

Kabel stets in Kabelbündeln zusammenfassen

„Beim Auf- und Einbau des neuen Kabelbaums sollte man sich aber nicht in jedem Fall sklavisch ans Original halten“, rät Peter. „So etwa, wenn es dadurch rasch wieder zu Beschädigungen kommen könnte, weil die Hersteller einst – oft aus Kostengründen – zu enge Radien, zu kurze Kabel oder eine Kabelverlegung über scharfkantige Teile gewählt haben.“ Dann bessert man lieber in Eigenregie nach. Dabei aber nicht vergessen, die serienmäßige Verlegung so im Restaurierungs­bericht zu beschreiben, dass man sie jederzeit wieder rekonstruieren kann! Nur bei Museums- oder Sammlerfahrzeugen, die gar nicht oder selten gefahren werden, ist eine Originalverlegung der Kabel trotz solcher Unzulänglichkeiten kein Problem. 

„Wie beim serienmäßigen Kabelbaum fasst man auch bei der Nachfertigung einzelne Kabel stets in Kabelbündeln zusammen“, erklärt Peter. „Neben den originalen Stoffschläuchen hat sich hierfür besonders der sogenannte Schrumpfschlauch bewährt.“ Er wird über die jeweiligen Kabelstränge gezogen und mit einem Industriefön oder Gasbrenner leicht erhitzt. Dabei zieht sich der Kunststoff zusammen und bündelt die Kabel zu kompakten, flexiblen Strängen, die sehr widerstandsfähig und wasserdicht sind. An Stellen, wo der Kabelstrang hohen mechanischen Belastungen ausgesetzt ist, kann zusätzlich noch mit Elektriker-­Isolierband eine zweite Schutzschicht um den Kabelstrang gelegt werden. Das Isolierband ist auch überall dort nützlich, wo ein Einziehen der Kabel in Schrumpfschläuche nicht möglich oder nicht sinnvoll ist. Auch Gewebeband kann problemlos um Schrumpfschläuche gewickelt werden. Mit ihm lässt sich leicht wieder die Originaloptik des Kabelbaums herstellen. Schrumpfschläuche kauft man am besten als Meterware in verschiedenen Durchmessern. Sie sind – je nach Einsatzzweck – in verschiedenen Stärken und unterschiedlichen Schrumpfungsgraden erhältlich.

Bei Klassikern möglichst Originale verwenden

Zur Befestigung des Kabelbaums am Motorrad sollten, wo es möglich und sinnvoll ist, die originalen Laschen, Metallbinder oder Tüllen verwendet werden. Eine gute Alternative sind auch die praktischen Kunststoffkabelbinder. Aus Gründen der Originalität verwendet man sie bei vielen älteren Klassikern aber nur dort, wo man sie nicht sofort erkennt. „Bei der Auswahl der Kabelbinder, die in verschiedenen Längen, Breiten und Farben geliefert werden, rate ich zu möglichst breiten. Bei schmalen Varianten besteht die Gefahr, dass sie durch Vibrationen die Isolierungen oder die Schrumpfschläuche verletzen.“ Bei Kabelführungen durch Kotflügel oder Lampentöpfe empfehlen sich außerdem Gummiringeinsätze, die ein Aufscheuern der Kabel an deren scharfen Kanten verhindern.

„Bei den Steckern können zwei Wege beschritten werden“, klärt Peter auf. „Viele werden zunächst aus Originalitätsgründen möglichst die originalen Stecker wieder verbauen. Trotzdem macht es im Hinblick auf die Zuverlässigkeit Sinn, speziell im Spritzwasser­bereich moderne und besonders gut dichtende Steckverbindungen zu verwenden.“ Solange die Veränderungen im Restaurierungsbericht vermerkt sind und ein Tausch gegen die originalen Stecker leicht möglich ist, gehört solch ein Umbau am Kabelbaum zu den sinnvollen Verbesserungen.

Löten oder crimpen?

Eine der häufigsten Fragen beim Nachbau eines Kabelbaums lautet: löten oder crimpen? Beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Gelötete Kabelanbindungen an Steckern neigen im Laufe der Zeit dazu, durch die im Lot enthaltene Säure zu oxidieren, was den Stromfluss negativ beeinflusst. Auch können die Kabel am Übergang der Lötstelle zum Kabel brechen. 

Bei gecrimpten (gequetschten) Verbindungen hingegen lockern sich mitunter die Kabel. Dies hat speziell bei Kupferlitzen mit einer besonderen Eigenschaft des Metalls zu tun. „Mit der Zeit neigen sie dazu, quasi ‚davonzulaufen‘, um dem Quetschdruck auszuweichen“, weiß Peter, der das Problem seit Langem kennt. „Die Folge sind lockere Kabelanschlüsse, die nur noch einen schlechten Kontakt haben.“ Aus demselben Grund sind auch bei verschraubten Anschlüssen über die Litze stets Kabelendhülsen zu ziehen. Sie verhindern, dass die feinen Drähte der Litze dem Schraubendruck ausweichen können. Bei Unsicherheiten hinsichtlich der geeigneteren Verbindungsmethode sollte man den zu ersetzenden Originalkabelbaum zum Vorbild nehmen. Hat sich hier Löten oder Crimpen bewährt, kann auch die jeweilige Methode wieder verwendet ­werden.

Sehr zu empfehlen sind Elektriker-Handschuhe

Wichtig: Bei allen Arbeiten am Kabelbaum stets an die eigene Sicherheit denken! Wichtigste Maßnahme ist dabei das Abklemmen und gegebenenfalls der Ausbau der Batterie, damit sämtliche Arbeiten an den Kabeln, Steckern und Verbrauchern spannungsfrei erfolgen. Muss zu Testzwecken ein einzelner Verbraucher oder Schalter an die Batterie angeschlossen werden, sollte immer eine Sicherung zwischengeschaltet werden. Diese verhindert, dass sich der neu verlegte Kabelbaum bei Kurzschluss sofort „in Rauch“ auflöst. „Sehr zu empfehlen sind auch Elektriker-Handschuhe“, rät Peter. „Sie schützen nicht nur die Finger vor scharfen Kabelenden, sondern verhindern auch, dass Körperfett oder Schweiß auf Steckkontakte übertragen werden.“ Speziell Schweiß führt zu Korrosion, was mittelfristig zu Kontaktproblemen führen kann.

Entscheidend für die Arbeiten an der Elektrik ist ebenso das richtige Werkzeug. An spannungsführenden Kabeln darf nur mit Elektriker-Werkzeug gearbeitet werden. Es ist an der DIN-Kennzeichnung EN IEC 60900:2004 zu erkennen, das für Arbeiten unter Spannung geeignet ist. Alle anderen Werkzeuge mit so fantasievollen Bezeichnungen wie „Elektriker-Schraubenzieher“, „1000 Volt“ oder „isolierte Klinge“ können getrost im Baumarktregal verbleiben, da diese Bezeichnungen nichts über die Isolierungsqualität aussagen. Im Gegenteil, solche Bezeichnungen sind sogar falsch und daher eigentlich nicht zulässig! 

Wer Peters Empfehlungen folgt und sich nicht unter Zeitdruck setzt, sondern stattdessen das erforderliche Wissen aneignet sowie bei der Arbeit systematisch Schritt für Schritt vorgeht, wird am Ende feststellen, dass die Reparatur oder gar der Nachbau eines Kabelbaums tatsächlich kein Hexenwerk ist.

MOTORRAD
Diese Kabelquerschnitte dürfen keinesfalls unterschritten werden, um ein Durchschmoren der Kabel bei Belastung zu verhindern.
Diese Kabelquerschnitte dürfen keinesfalls unterschritten werden, um ein Durchschmoren der Kabel bei Belastung zu verhindern.

Richtwerte für Kabelquerschnitte

Es gelten diese Faustregeln:

  • Die Dauerbelastung soll pro mm2 maximal 5 Ampere nicht überschreiten. 
  • Bei Kurzzeitbelastung dürfen pro mm2 maximal 10 Ampere fließen.

Grundsätze bei Arbeiten an der Elektrik

  • Bei allen Arbeiten an der Elektrik immer den Minuspol der Batterie abklemmen.
  • Wer selbst elektrisches Zubehör wie zum Beispiel eine Griffheizung an seinem Motorrad verbaut, muss dieses mit einer eigenen Sicherung absichern. Die Sicherungsgröße muss an den Leitungsquerschnitt und die fließenden Ströme angepasst sein. Vergessen Sie nicht, die Sicherungen zu beschriften oder mit Kennzeichnungen zu versehen. Diese Veränderungen sind auch im Fahrzeugschaltplan zu ergänzen. Das erspart bei späteren Reparaturen viel Sucherei.
  • Die serienmäßigen Kabel und Sicherungen sind exakt auf die fließenden Ströme abgestimmt und haben nur bedingte Reserven. Werden hieran weitere Verbraucher angeschlossen, müssen meist auch Kabel und Sicherungen gegen entsprechend belastbarere getauscht werden.
  • Alle Kabel sollten möglichst zu Kabelsträngen gebündelt und erst danach befestigt werden. Dabei sind ausschließlich flexible Leitungen zu verwenden.

Vom richtigen Umgang mit dem Kabelbaum

  • Schützen Sie sämtliche Steckkontakte vor Spritzwasser. Dichten Sie alle Steckerverbindungen zusätzlich mit elastischer Silikondichtmasse ab. Sie verhindert zuverlässig, dass Wasser in den Stecker eindringen kann.
  • Kontakte niemals direkt mit den Fingern berühren. Schweiß enthält Säure, die die Kontaktflächen korrodieren lässt. 
  • Vermeiden Sie es, Steckkontakte häufig zu öffnen und wieder zu schließen. Zum einen leidet hierunter der Kontaktanpressdruck, zum anderen wird Material von den Kontaktflächen abgeschabt. Selbst gute Steckverbindungen sollten nicht öfter als etwa zehnmal geöffnet und geschlossen werden. Sollte der Anpressdruck der Kontakte zu gering sein, versucht man, den Kontakt vorsichtig mit einer kleinen Zange oder einem kleinen Schraubendreher nachzubiegen. Diese Maßnahme ist jedoch als Notbehelf zu verstehen. Besser: Austausch des  Steckers gegen einen hochwertigen neuen.  
  • Kontrollieren Sie regelmäßig die Befestigungen des Kabelbaums am Motorrad. Schadhafte Befestigungen sollten umgehend ersetzt werden, um Beschädigungen an der Isolierung oder lockere Steckkontakte zu vermeiden.
  • Mindestens einmal im Jahr den gesamten Kabelbaum auf Beschädigungen aller Art prüfen. 

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