Um nicht durch die Gänseblümchen zu schlittern sollte man die erste Ausfahrt sehr entspannt und ohne Hektik unter die Räder nehmen.

Technik: Fahrdynamik/Sicherheit Mentale Vorbereitung für den Saisonstart

Die Motorradszene steht in den Startlöchern und wartet auf das erste laue Lüftchen. Doch bevor man sich hurtig ins Vergnügen stürzt, gilt es zuerst, den Rost des strengen Winters abzuschütteln.

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Um nicht durch die Gänseblümchen zu schlittern sollte man die erste Ausfahrt sehr entspannt und ohne Hektik unter die Räder nehmen.
Um nicht durch die Gänseblümchen zu schlittern sollte man die erste Ausfahrt sehr entspannt und ohne Hektik unter die Räder nehmen.
Meterhoher Schnee und eisige Temperaturen haben uns in diesem Winter ein strenge Diät verordnet, die bei vielen Motorradfreaks zu ernsten Entzugserscheinungen führte. Jetzt aber geht es endlich wieder los: Aufgesattelt, den Tank noch vom Überwintern randvoll, führt der Weg trotzdem zuerst an die Tankstelle, denn die Reifen verlieren nach langen Standpausen meist deutlich an Luftdruck. Nein, nicht auf den nächsten Tankstopp verschieben - gleich erledigen.

Wer einige Monate Auto gefahren ist, muss die Motorrad-Reflexe wieder wecken.
Die rasante Beschleunigung zum Beispiel steht in keinem Vergleich zum phlegmatischen Rumgezuckel mit dem Auto. Nur als kleine Erinnerung: Ein 65 PS starker Mittelklässler sprintet in vier Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, ein aktueller Mittelklassewagen mit 140 PS müht sich dafür neun bis zehn Sekunden. Damit Auge und Sinn aus dem Sprint heraus auch den Bremsvorgang wieder beherrschen, ist die alte Sprint-Brems-Prüfung eine gute Übung. Dabei wird auf einem verkehrsarmen, übersichtlichen Streckenabschnitt oder einem offiziellen Übungsgelände kräftig auf etwa 80 bis 100 km /h beschleunigt, um dann sofort eine stramme Bremsung einzuleiten. Bei diesem Wechselspiel trainiert man die feinmechanische Koordination genauso wie das Gespür für den richtigen Bremspunkt. Natürlich liegt das Augenmerk auf der optimal dosierten Vorderradbremse, bei der man mit gezogener Kupplung gefühlvoll den maximalen Bremsdruck aufbaut. Sind die Reifen handwarm aufgeheizt, kann man sich bis an die Blockiergrenze, beziehungsweise an ein leicht abhebendes Hinterrad wagen. Dabei darf auch ruhig das Hinterrad kurz überbremst werden, um ein Gefühl für das ausbrechende Heck zu bekommen.

Wer mit ABS unterwegs ist, hat es zwar mit seinen elektronischen Helferlein deutlich einfacher, sollte sich aber unbedingt wieder mit den gleichen Übungen fit halten und sich bis zum Regelbereich an das physikalische Limit heranarbeiten.
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Blickführung, Schräglage, Lenkimpulse: Holen sie sich Ihre Grundlagen fürs Motorradfahren zurück.

Man sollte es nicht glauben, aber allein die Übungen in Schrittgeschwindigkeit trainieren das Balancegefühl nachhaltig. Die Grundübung: Wenden auf engstem Raum, wer es sich zutraut, auch durchaus am Lenkanschlag. Dabei wird das Motorrad leicht zur Kurveninnenseite gedrückt, die Geschwindigkeit über Kupplungseinsatz, Gas und leichten Einsatz der Hinterradbremse reguliert. Geschwindigkeit deutlich unter zehn km/h. Nächster Schritt auf einem passenden Übungsgelände: Die Acht, die praktisch eine Wendeübung von Links- zu Rechtskurve mit kurzem Beschleunigen verbindet. Die Kurvenscheitelpunkte werden mit Pylonen oder gut sichtbaren Gegenständen (Plastikflaschen etc.) markiert. Achten sie darauf, sich nicht zu verkrampfen, drehen Sie den Oberkörper beim Wenden parallel zur Lenkung, balancieren Sie die Maschine aus der Hüfte heraus und setzen nicht sofort den Fuß zum Abstützen auf die Erde. Bei ausreichend Platz, können die Kurven auch dazu genutzt werden, sich ganz gezielt wieder an die Schräglage zu gewöhnen.

Bei der ersten Ausfahrt über die Hausstrecke sollte man sich Schritt für Schritt an Schräglage und Kurvengeschwindigkeit heranarbeiten. Allein die für eine saubere Kurvenfahrt erforderliche Blickführung hat sich über den Winter und die vielen Kilometer im Auto bis auf einen kleinen Rest verloren und muss, auch in Verbindung mit einer leicht schrägen Haltung von Oberkörper und Kopf, bewusst trainiert werden. Das Gleiche gilt für die Ideallinie, mit dem sicheren Hinterschneiden von Kurven und der effektiven Ausnutzung der rechten Fahrbahnseite.
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Gut, wenn Schilder vor der Gefahr warnen. Noch besser, wenn man die Straßenverhältnisse selbst genau beobachtet.
Gut, wenn Schilder vor der Gefahr warnen. Noch besser, wenn man die Straßenverhältnisse selbst genau beobachtet.

Schotter, Schlaglöcher, Salzreste: Der Winter hat seine Spuren hinterlassen

War im vergangenen Jahr die Hausstrecke mit allen Schwierigkeiten und Stolperfallen im Gedächtnis fest eingebrannt, muss sie jetzt mit aller Vorsicht wieder ganz neu ausgekundschaftet werden. Allein der verstärkte Einsatz von Rollsplitt sorgt dafür, dass die Seitenränder die nächsten Wochen noch mit einer dicken Schicht Splitt überzogen sind. Da heißt es Vorsicht beim Einlenken wie beim Beschleunigen aus dem Kurvenscheitel.

Eine Gefahr ganz andere Sorte ist die Einschätzung des eigenen Fahrkönnens und der Routine: Die an den ersten schönen Tagen im Jahr auffallend hohen Unfallzahlen sprechen leider für sich. Auf den ersten Ausfahrten geht es darum, seinen Rhythmus und seine Sicherheit neu aufzubauen. Und das geht nicht mit der Brechstange und selbstmörderischem Risiko, sondern mit der Erkenntnis, dass alle technischen Sportarten, egal ob Mountainbike, Klettern oder Surfen, regelmäßig trainiert werden müssen. Motorrad fahren ist da keine Ausnahme, sondern geradezu ein Paradebeispiel für die Anforderung an höchste Konzentration und Koordination.
Lassen Sie sich Zeit für dieses Training. Waren im letzten Jahr Tagesetappen von 500 Landstraßenkilometern kein Thema, sollte man die ersten Ausflüge halbieren und die Pausen verdoppeln; denn beim Stopp zwischendurch gibt sich die Gelegenheit, Fahrlinie, Schräglage, Fehler, Unsicherheiten oder Selbstüberschätzung zu überdenken. Dazu gehört auch der kritische Umgang mit dem sogenannten Flow, einem rauschähnlichen Zustand, der bei vielen dynamischen Sportarten auftritt und zuweilen einem Realitätsverlust gleichkommt. Im Rennsport kann dies zu erstaunlichen Leistungen führen, auf der Landstraße sollte man sich durch eine gezielte Pause wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückholen, bevor es die Wirklichkeit auf ihre Weise tut.

Neben der Selbstüberschätzung kann die neue Saison auch von einer meist unbegründeten Angst begleitet werden. Man scheut höhere Geschwindigkeiten, bremst aus unersichtlichen Gründen ab, fährt nur zögerliche Schräglagen und verliert mit jeder wackelig umrundeten Kurve den Fahrspaß. Dann sind die eingangs erwähnten Grundübungen besonders wichtig. Zusätzlich sollte man sich auf einer wenig befahrenen Autobahn Schritt für Schritt wieder an ein höheres Tempo gewöhnen, da die Empfindung für Geschwindigkeit zu Anfang der Saison oft ungewohnt und unter dem einengenden Helm unrealistischer und abgekoppelt ausfallen kann. In solchen Fällen hilft nur geduldiges Üben und langsames Herantasten an die alten Fähigkeiten.

Genau so, wie sich der Motorradfahrer in die neue Saison einarbeiten muss, müssen sich andere Verkehrsteilnehmer wieder mit den schmalen Silhouetten der Zweiräder vertraut machen. Deshalb gilt beim Überholen, an Kreuzungen, bei entgegenkommenden Linksabbiegern und bei allen landwirtschaftlichen Fahrzeugen Alarmstufe Rot. Rechnen Sie immer damit, dass andere nicht mit Ihnen rechnen. In diesem Sinne viel Spaß, lassen Sie sich Zeit, die Saison ist lang.

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