Was tun bei Verletzungen? Munter bleiben

Pokal oder Spital? Wer sich und sein Motorrad zu Höchstleistungen treibt, muss auch bei guter Ausrüstung mit körperlichen und seelischen Niederlagen rechnen. MOTORRAD sagt, wie Sie wieder auf die Beine kommen.

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Wann haben Sie sich zuletzt abfällig als „Organspender“ bezeichnen lassen müssen? Wahrscheinlich ist das nicht viel länger her, als sich das auch einer unserer Testfahrer oder Redakteure anhören musste. Auf den ersten Blick könnten die folgenden Seiten gerade den unreflektierten Spöttern noch ein paar Argumente dafür liefern, wie gefährlich das Motorradfahren ist. Auf der anderen Seite steht hier aber genau das, was einem erfahrenen Biker längst bekannt ist: Ein gewisses Risiko fährt natürlich mit. Und es ist gerade dieses Bewusstsein, das die Sinne schärft und aus einem guten einen noch besseren Fahrer macht. Fragen Sie doch mal den nächsten Sprücheklopfer, ob er mögliche Folgen seines Handelns einblendet, wenn er sich auf seine Skier stellt oder im luftigen Radlerdress ins Tal donnert?

Angst ist natürlich ein denkbar schlechter Partner, um aufs Motorrad zu steigen. Aber neben dem gesunden Selbstbewusstsein darf der Respekt an Bord nicht fehlen. Bei vielen, die bereits zigtausend Kilometer auf Landstraßen abgespult haben, sind die Sinne entsprechend geschärft: Da stellen sich zum Beispiel sofort die Nackenhaare auf, wenn sich ein Auto zu schnell einer Einmündung nähert. Mit wachem Blick permanent den Verkehr abzuscannen, ist eine der wesentlichen Fähigkeiten, die zur sicheren Fahrt auf dem Motorrad beitragen.

Nun beschäftigt sich diese Ausgabe von MOTORRAD schwerpunktmäßig mit dem Sport auf zwei Rädern, sei es auf der Rennstrecke oder Crosspiste. Hier ticken die Uhren natürlich anders. Und beim Ausloten des Limits wird mancher garantiert über das Ziel hinausschießen. Umso wichtiger ist es, gerade für diese Fälle auf eine absolut solide Ausrüstung zu setzen.
Nicht nur das Motorrad muss technisch fit sein. Der bunte Querschnitt aus dem Redaktionsalltag zeigt: Vieles, was wehgetan hat, wäre mit der richtigen Fahrerausstattung vermeidbar gewesen, und so manches Aua wäre durch eine solche gemildert worden. Anderes wiederum wäre ohne Protektoren & Co. deutlich brisanter verlaufen. Natürlich ist klar: Den ultimativen Schutz gibt es nicht. Ein paar biomechanische Fakten lassen sich selbst mit der besten Lederkombi nicht wegdiskutieren. Manche Knochen können bei ruckartiger Belastung bereits deutlich unter 10 Kilonewton (kN) Krafteinwirkung brechen; die gängigen Grenzwerte bei der Zertifizierung liegen für Protektorenbauer laut europäischer Norm aber zwischen 18 (Rücken) und 35 kN für die Gelenke.

Allerdings hat gerade diese Branche in den letzten Jahren riesige Entwicklungssprünge gemacht. Die neuesten Rückenprotektoren bleiben mittlerweile weit unter dem zulässigen Grenzwert von 9 kN Restkraft in der schärferen Schutzklasse 2, und auch etliche Gelenkprotektoren unterbieten die hohe Vorgabe von 35 kN inzwischen um die Hälfte. Mehr als ein Grund dafür, die eigene Ausrüstung in dieser Hinsicht mal wieder kritisch zu prüfen.

Ein besonders aufmerksamer Blick sollte dem optimalen Schutz der Hände und Füße gelten. Ohne gutes Hand- und Schuhwerk kann bei heftigen Stürzen ein komplizierter Trümmerbruch mit langwierigem Heilungsverlauf drohen. Nicht nur in zahlreichen MOTORRAD-Vergleichstests haben sich vor allem die Handschuhe von Held und Stiefel von Daytona als besonders empfehlenswert herausgestellt, auch vertrauen viele Profifahrer in der deutschen IDM-Rennserie aus gutem Grund auf die Hightech-Produkte der beiden in Bayern beheimateten Expertenschmieden.

Und schließlich spielt auch die körperliche Fitness eine entscheidende Rolle - sowohl für die aktive wie auch passive Sicherheit. Motorradfahren ist Sport, das gilt für einen MotoGP-Piloten genauso wie für den Teilnehmer eines Renntrainings, aber auch für Otto Normalfahrer auf der Hausstrecke. Wer fit und ausgeruht aufs Motorrad steigt, kann auch mancher Verletzung gelassener ins Auge sehen.

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Foto: jkuenstle.de

Interview

Der 44-jährige Unfallchirurg aus der Unfallbehandlungstelle Berlin kennt sich nicht nur in der „Biologie der Knochenheilung“ (sein wissenschaftlicher Schwerpunkt) aus, sondern hat auf seiner Harley-Davidson Sportster 1200 mit 160 PS starkem S&S-Motor („Thunderbutt“) die Dragster-Rennszene mit zahlreichen ersten Plätzen aufgemischt

Du bist Unfallchirurg, leidenschaftlicher Motorradfahrer, sogar erfolgreicher Dragsterpilot. Wie viele Sprüche muss man sich täglich anhören?
Schon einige, aber ich sehe keinen Widerspruch zwischen meiner Tätigkeit und meiner Leidenschaft. Außerdem habe ich viel häufiger mit unfallverletzten Autofahrern und Fußgängern als mit Motorradfahrern zu tun!

Was sollte sich ein verletzter Motorradfahrer grundsätzlich vor Augen halten?
Ich erlebe regelmäßig, dass Patienten mit falschen Vorstellungen oder aber schlecht informiert ins Rennen gehen. Bei der Heilung sind im Gegensatz zum Motorsport keine Rekorde zu brechen. Geduld zahlt sich oft aus. Die betroffenen beziehungsweise benachbarten Gelenke nach einer Verletzung wieder beweglich zu machen und Kraft sowie Kraft-Ausdauer auf das vorherige Level zurückzuführen, dauert oft drei- bis fünfmal so lange wie die Phase der Schonung beziehungsweise Ruhigstellung.

Knochenbrüche sind bei Stürzen keine Seltenheit. Wie schnell ist ein Bruch nach heutigen medizinischen Standards wieder verheilt?
Zeitangaben kann man pauschal nicht machen. Maßgeblich für die Heilungsdauer ist vielmehr die Art und Schwere des Knochenbruchs: einfach, mehrfach oder getrümmert, offen oder geschlossen. Dann muss beurteilt werden, wie es um die Stabilität des Knochenbruchs im Rahmen der Heilung bestellt ist. Je stabiler sich der entwickelt, desto schneller ist man auch wieder hergestellt. Ein wichtiger Punkt ist bei Brüchen aber auch die Art und Schwere des sogenannten Weichteilschadens: Wie ist es um Haut, Muskeln, Sehnen und Bänder bestellt? Viele haben noch die lange Gipsruhigstellung im Kopf. Wenn der Knochenbruch „übungsstabil“ ist, sollte er auch „beübt“ werden, damit die Gelenke nicht einsteifen. Das gilt insbesondere für Fingerverletzungen.

Einem aktiven Sportler eine lange Schonzeit aufzubrummen, wird heutzutage wahrscheinlich immer schwerer vermittelbar sein.
Als Arzt musst du empfehlen und beraten - nicht verbieten oder überreden. Ich persönlich verstehe meinen Beruf so, dass zum Beispiel die Therapie dann richtig gewählt ist, wenn ich selbst beziehungsweise ein guter Freund oder Angehöriger auch so behandelt worden wäre. Und: Medizin hat auch oft mit Ausprobieren zu tun - man nennt das „Empirie“. Das gilt es zu vermitteln!

Gelten im Profisport andere Regeln?
Der bekannte Rennarzt Dr. Claudio Costa und sein Team, die ich letztes Jahr beim Deutschland-Grand-Prix auf dem Sachsenring besucht habe, tun alles, was den Fahrern hilft und sie fahrtauglich macht: 100 Prozent Pragmatismus, weil auch 100 Prozent Willen, Ehrgeiz und Leidenschaft in den Fahrern steckt! So kann man aber im normalen Leben aus haftungsrechtlichen Gründen nur schwer Medizin machen. Schnell würde der Erste laut „Kunstfehler!“ schreien.

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Mögliche Verletzungen

Narben zieren einen Mann? Profifahrern wie dem Ex-WM-Piloten Dirk Heidolf mangelt es jedenfalls nicht an medizinischen Ziernähten. Und auch in manch anderem stecken mehr Titanschrauben als an seinem Bike. Doc Martin Hüning über mögliche Verletzungen bei Stürzen.

Schulter & Schlüsselbein
Durch Sturz auf die betroffene Seite sind je nach Krafteinwirkung Schlüsselbein, Schultereckgelenk (AC-Gelenk) oder Oberarm, seltener das Schulterblatt betroffen. Schlüsselbeinbrüche werden zur Schmerzreduzierung durch einen Rucksackverband oder - bei erheblicher Verschiebung - operativ behandelt. Das AC-Gelenk wird häufig operativ versorgt. Werden die Brüche mit einer Platte oder einem Nagel stabilisiert, können Nachbehandlung und Reha-Maßnahmen („Beübungen“) zügiger erfolgen.

Unterarm
Möglich sind Prellungen, aber auch Brüche, die je nach Schwere und Verschiebung ent-weder mit Gips („konservativ“) oder operativ behandelt werden.

Hand & Handgelenk
Brüche mit Gelenkbeteiligung werden in der Regel operativ versorgt, weil Stufen beziehungsweise Verschiebungen der vom Bruch betroffenen Gelenkflächen oft zu einem vorzeitigen Gelenkverschleiß (Arthrose) führen. Für die Hand gilt: Ruhigstellung so kurz wie möglich, weil hier rasch Einsteifungen auftreten, die nur schwer wieder rückzubilden sind.

Becken
Beckenbrüche sind im Vergleich zu Extremitätenverletzungen eher selten, bei starker Verschiebung und Instabilität: Operation.

Bein
Gelenke wie Hüfte, Knie, oberes und unteres Sprunggelenk sowie Mittelfußreihe sind lasttragend. Daher treten hier besonders häufig Arthrosen bei Gelenkfrakturen auf. Die Therapie fußt deshalb überwiegend auf einer Operation.

Knie/Unterschenkel
Brüche des Schienbeinkopfs sowie Bandverletzungen werden operativ oder mit einer Orthese behandelt, die in der Beugung einstellbar ist.

Fuß
Hier werden regelmäßig schwere Verletzungen (Verrenkung der Mittelfußknochenbasen - der Mediziner spricht von der „Lisfranc-Luxation“) - übersehen. Im Zweifel sollte mittels CT (Computertomografie) unbedingt eine Abklärung erfolgen.

Haut & Muskeln
Weichteilverletzungen wie zum Beispiel Prellungen, aber auch Schürfungen/Verbrennungen werden je nach Ausmaß medikamentös beziehungsweise mit Salben und Verbänden behandelt. Zerrungen, Muskelverspannungen werden heute oft mit den bekannten bunten Klebebändern, dem sogenannten Kinesio-Taping versorgt.

Wirbelsäule

Verletzungen werden meistens durch erhebliche indirekte Gewalteinwirkung (axiale Stauchung, massive Beugung oder Streckung) hervorgerufen. Betroffen sind vor allem die siebengliedrige Halswirbelsäule (HWS) im oberen und unteren Bereich, die zwölfgliedrige Brustwirbelsäule (BWS) am Scheitelpunkt, etwa in Höhe des sechsten bis achten Brustwirbelkörpers sowie am thorakolumbalen Übergang (elfter Brust- bis zweiter Lendenwirbelkörper). Verschobe-ne und instabile Brüche mit Gefährdung des hinter beziehungsweise in den Wirbelkörper verlaufenden Rückenmarkkanals (Spinalkanal) werden operativ stabilisiert. Das hierfür eingesetzte Gestänge (Fixateur interne) überbrückt die Brüche und wird in den darüber und darunter befindlichen intakten Wirbelkörpern verankert.

Foto: Hersteller

Was schützt?

"Win on Sunday, sell on Monday": Vieles, was im Profi-Rennsport mittlerweile zum Standard gehört, ist auch für den Motorradalltag erhältlich. Ein Blick auf den aktuellen Stand der Schutzausrüstung

Neckbrace
Vor knapp zehn Jahren von einem südafrikanischen Neurologen entwickelte Halskrause. Soll das Überstrecken des Kopfes beim Sturz minimieren und so heftigen Verletzungen der Wirbelsäule entgegenwirken. Gehört mittlerweile zur Standardausrüstung bei Motocrossern. Auch die Piloten der Rallye Dakar sind bis auf wenige Ausnahmen mit einem Neckbrace unterwegs. Gibt es inzwischen auch für Straßenfahrer. Kosten je nach Anbieter: rund 400 Euro

Protektoren
Gelenkprotektoren gehören seit Jahren zur Standardausrüstung selbst bei preiswerten Einsteiger-Textilkombis. Große Ausnahme auch bei teuren Renn-Ledereinteilern: der Schutz von Rücken und Hüfte, wo nur dünne, nicht zertifizierte Alibipolster zum Einsatz kommen. Nachrüstsätze mit guten Schlagdämpfungswerten sind aber überall im Fachhandel erhältlich (Test in MOTORRAD 4/2013). Neuester Trend: asymmetrische, auf die jeweilige Körperseite angepasste Protektoren (Foto) und Protektoren für die Brust, die der Norm EN 1621-3 entsprechen, als Umschnall- oder Nachrüstkit.

Airbagsysteme
In der Profiliga des Motorradsports sind viele Fahrer mit im Einteiler eingenähten Airbags unterwegs. Eine prozessorgesteuerte Auslöseeinheit soll den Schutz in Millisekunden garantieren. Tests haben gezeigt, dass die per Reißleine ausgelösten Airbags sich aufgrund der langen Reaktionszeit nicht effektiv entfalten können (MOTORRAD 4/2011). Mittlerweile gibt es auch kabellos gesteuerte Airbagwesten für Straßenfahrer (Dainese D-Air Street, Preis mit Transponder: 1208 Euro).

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