Design-Ausstellung (Archivversion)

Die Beschleunigung der Freiheit

Das staut sich was blechern und allerorten. Im Berufsverkehr, auf der Autobahn. Freiheit auf Rädern gibt’s eigentlich nur noch auf deren zwei. Erkennt mittlerweile sogar der offizielle Kulturbetrieb.

Design-Sommer in Karlsruhe. Und wie jedes Jahr mischt die Energieversorgung Baden-Württemberg (EnBW) spendabel mit. Kultursponsoring schönt das Image nun mal auf die feingeistige Art. »Macht doch was zum Thema Haushaltsgeräte!« schlugen die Ausstellungskoordinatoren vom Badischen Landesmuseum den Strom- und Gasfabrikatoren vor. Hätte zur Konsequenz gar sinnige Präsentationstitel wie: Der Toaster im Wandel der Zeiten. Oder: Vom Waschtrog zum Lavamat. »Zu nah dran am Unternehmen«, lehnte die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der EnBW dies allzu branchengerechte Ansinnen ab, entschied sich statt dessen fürs Motorrad - »Das liegt im Trend« – , taufte ihre Krad-Präsentation marketing-technisch versiert dann aber doch sehr firmennah: »Kraftwerk auf zwei Rädern«.Mopeds zur Schau stellen - aber wie? Sollte nicht so aussehen wie beim netten Motorradhändler nebenan. Das Guggenheim Museum in New York inszenierte Motorräder wie Kunstwerke, ließ ihre Formen in der Ausstellung »The Art of the Motorcycle« für sich sprechen. Die EnBW dagegen will fürs Motorrad sprechen, eine frohe Botschaft verkünden. Die da lautet: Motorrad fahren bedeutet Freiheit.Gebongt. Welcher Biker wollte da Widerworte wagen? Dennoch hat die EnBW gemeinsam mit dem mitveranstaltenden Zweiradmuseum Neckarsulm eine Berliner Werbeagentur engagiert, um diese Erkenntnis dezent philosophisch zu fundieren. Liest sich dann so: »Die Fortbewegung im Raum ist wesentlicher Bestandteil einer Erfahrung von Freiheit. Das Motorrad ist das Freiheitssymbol par excellence... In der Fortbewegung gewinnt die alltägliche Umgebung den Charakter einer Ereignislandschaft.«Ereignislandschaft – erinnert irgendwie an Freizeitpark. Und als solchen sollten Motorradfahrer diese Ausstellung auch goutieren. Im Rahmen einer Wochenendtour oder wenn sie eh auf dem Weg gen Süden sind. Der Schwarzwald liegt erfreulich nah, und jenseits des Rheins macht sich das Elsass einladend lang. Motto: fahren, spachteln, genießen. Flammkuchen, Sauerkraut, Kirschtorte. Vorher, nachher oder mittendrin, sozusagen als erbauliche, besinnliche Rast, in Karlsruhe dann epochale Mopedraritäten gucken. Und das Bild studieren, das sich eine aufgeklärte, liberale Öffentlichkeit jenseits von RTL und Bildungsblatt neuerdings vom Biker macht. Der steht bei der EnBW nicht als dumpfer Raser oder schlagkräftiger Rocker da, sondern, hoppala, als Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung, als Beschleuniger der Freiheit. Denn die definieren EnBW und Co. vor allem als Fähigkeit, sich möglichst unbeschränkt und schnell im Raum zu bewegen.Deshalb dreht sich in dieser »Design-Ausstellung« ziemlich wenig um die Gestalt, die Formgebung der Maschinen. Eher um den Lifestyle, den sie verkörpern. Die Aura der »Begierde« der »Freiheit« oder der »Geschwindigkeit«, die allesamt museumspädagogisch abgearbeitet werden. Da steht beispielsweise ein rasantes Potpourri vom ersten Serienmotorrad, der Hildebrand und Wolfmüller, über Dragster und Z 900 bis hin zur Hayabusa rum. Richtig geraten, hier geht’s um Speed. Und auf Test- und Bildtafeln geben die Ausstellungsmacher dem interessierten Publikum kund, was sie sich dabei so alles gedacht haben. Kostprobe gefällig? »Der Helm ist eng, aber deine Gedanken sind frei.« Oder: »Der Tacho misst deinen Pulsschlag. Bupum, bupum.« Doch wer liest schon das Kleingedruckte, wenn’s an die 30 Maschinen, die Motorradgeschichte schrieben, zu beäugen gibt. Kraftwerk auf zwei Rädern. Das Motorrad: vom Fortbewegungsmittel zur Freizeitmaschine. Karlsruhe, Durlacher Allee 93, 11. Mai bis 16. Juli, täglich 11 bis 18 Uhr.
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