Willis Motorrad-Museum (Archivversion)

Der Missionar

Der deutsche Willi Marewski versucht, den Bikern in Daytona ein Stück Motorradkultur beizubringen.

Auf Knopfdruck beginnt eine Drehscheibe, auf der überwiegend Harleys stehen, langsam zu rotieren. »Gib dem Affen Zucker. Sie verstehen schon.« Willi Marewski meint den amerikanischen Durchschnitts-Biker, der mit seiner Harley die ganze Woche die Main Street rauf und runter knattert und sich irgendwann zufällig in Willis Motorcycleworld, etwa 400 Meter abseits der berühmten Flaniermeile, verirrt. »Man muß bei diesen Leuten erst einmal das Interesse wecken«, erklärt der Besitzer sämtlicher Ausstellungsstücke seine Taktik.Willi Marewski ist Chef einer Frankfurter Unternehmensberatung und finanziell scheinbar aus dem Gröbsten raus. Jedenfalls nennt er über 200 Motorräder sein Eigen, rund die Hälfte davon stellt er während der Daytona-Bike-Week aus.»1995 habe ich die Halle gekauft und begonnen, das Ganze aufzubauen. Ich dachte, Daytona wäre ein guter Ort für ein solches Museum. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher«, erzählt Marewski, denn er hätte die Rechnung beinahe ohne den Wirt, sprich das US-Finanzamt gemacht. »Im Grunde ist das hier eine kulturelle Einrichtung, die Motorräder sind doch Kunstwerke mechanischer Art. Da rechnet man eigentlich mit etwas Unterstützung. Statt dessen sind diese Bürokraten auf die glorreiche Idee gekommen, Ausstellungsstücke mit sechs Prozent Steuer zu belegen«, schimpft er. Auf rund sechs Millionen Mark schätzt Marewski den Wert seiner Motorräder, das wären pro Jahr 360 000 Mark für den Fiskus - soviel Eintrittsgelder kann er in den zwei Wochen, in denen sein Museum geöffnet ist, niemals einnehmen. Einzige und in den USA übliche Lösung: man verlangt keinen Eintritt, sondern bittet um eine Spende, die die Amerikaner in Kenntnis der Gesetzeslage bereitwillig locker machen.Doch selbst die Spenden decken kaum die Unterhaltskosten des Museums, was aber Marewski nicht weiter stört: »Wenn ich das Geld anlegen würde, könnte ich wunderbar von den Zinsen leben. Aber ich bin eben ein Sammler, und jeder Sammler hat irgendwann einen Sprung in der Schüssel.« Den hat Marewski schon seit 30 Jahren, doch seine Motorradleidenschaft begann noch viel früher, im väterlichen Motorradgeschäft, wo er sich öfter herumdrückte als auf der Schulbank. Als dann 1954 der Motorradmarkt in Deutschland zusammenbrach und überall Motorräder zu Spotpreisen verschleudert wurden, sah der junge Marewski seine Chance gekommen: »Wo kein Markt ist, muß man eben einen machen. Ich kam auf die Idee, die Dinger an junge Amerikaner zu verkaufen. Für sie war ein Motorrad schon damals kein Fortbewegungsmittel, sondern ein Sportgerät. Also gründete ich Motorradclubs, in der Good-Luck-Kaserne eine Hells-Angels-Filiale und in der Rhein-Main-Airbase die Hells-Drivers. So, und alle Soldaten mußten bei mir die Motorräder kaufen.«Um gute Ideen ist der Geschäftsmann auch heute nicht verlegen, so schwebt ihm zum Beispiel ein »dynamisches« Motorrad-Museum vor, in dem die Ausstellungsstücke auch zu kaufen sind. »Das macht die Sache viel prikelnder«, erklärt er und schildert auch gleich seine genaue Vorstellung davon: »Ein weißer Punkt bedeutet, das Motorrad ist zu verkaufen. Ein gelber Punkt heißt, es ist nicht zu verkaufen, ich habe aber noch mal das gleiche auf Lager und das ist zu verkaufen. Grün bedeutet, die Maschine ist nicht zu verkaufen, ich kann aber noch eine zweite besorgen. Und ein roter Punkt soll schließlich signalisieren, daß dies ein unverkäufliches Einzelstück ist, das auch nicht mehr besorgt werden kann.«Soviel ist sicher, Marewski müßte eine Unmenge roter Punkte in seinem Museum in Daytona verteilen, denn zu behaupten, darin befänden sich einige Raritäten, wäre gelogen. Vielmehr hat der Sammler unter die unzähligen Raritäten ein paar Serienmotorräder gestreut. Deshalb seien hier nur die aller edelsten Stücke aufgezählt: eine 500er Gilera, die 1957 Geoff Duke pilotierte; zwei 500er Werksrenner von MV Agusta, die John Surtees, Mike Hailwood und Phil Read zu bewegen pflegten; ein BSA-Werksrenner Rocket 3, der Dave Aldana 1970 zu einem neuen Weltrekord über 200 Meilen trug und von dem nur insgesamt drei gebaut wurden; eine der 24 gebauten BMW RS Production-Racer, allerdings aufgerüstet mit dem Kurzhub-Zylinderkopf der Werksmotoren; die 350er Velocette, zu der sich Geoff Duke 1956 ein Fahrwerk nach seinen Vorstellungen schneidern ließ; die Velocette mit dem KTT-Doppelnockenmotor von Rod Coleman; von Yamaha die TZ 750 von Giacoma Agostini, die TZ 500 von Walter Villa und die TZ 350, mit der Franco Bonera Vizeweltmeister wurde, bevor die Klasse eingestellt wurde; Luchinellis Suzuki RG 500; eine einmalige Norton Mini-Manx; und und und ...Willi Marewski sammelt übrigens nur Motorräder, die er auch gerne selber fährt. Der Mann hat eben Kultur.

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