Produkttest: Airbag-Systeme für Motorradbekleidung (Mit Video) Airbag-Systeme und Jacken im Crashtest
Der ADAC testete sehr aufwändig, ob Airbags in Motorradfahrer-Ausrüstung für mehr Sicherheit sorgen können. MOTORRAD blickt ergänzend in die Zukunft und zeigt, was sich in der Airbag-Szene tut.
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Tue Gutes und schreibe darüber - dieses Motto können die motorradbegeisterten Ingenieure vom ADAC Technik Zentrum in Landsberg am Lech oft nur teilweise umsetzen; denn zwischen Clubnachrichten und Anzeigen bleibt im knapp 14 Millionen Mal verbreiteten Vereinsorgan "ADAC Motorwelt" nur wenig Platz, um richtig ausführlich zu zeigen, dass sich die Techniker des Automobilclubs auch intensiv um die Sicherheit von Motorradfahrern kümmern. So zum Beispiel im Herbst 2010, als ADAC-Mann Andreas Rigling, 27-jähriger Diplom-Ingenieur der Fahrzeugtechnik, zusammen mit Kollegen innovative Schutzbekleidung untersuchte.
Vier Airbagsysteme (in einer Weste, zwei Jacken und einem Helm verbaut) sowie als Ergänzung eine passive Stützeinrichtung, die ein Überstrecken der Halswirbelsäule verhindern soll, mussten dabei zeigen, ob sie in konkreten Unfallsituationen das Verletzungsrisiko reduzieren können. Um in den Einzelprüfungen möglichst realitätsnahe Abläufe simulieren zu können, ließ Marauder-Fahrer Rigling in Vorversuchen einen Dummy mit einer rund 50 km/h schnellen Suzuki Bandit 600 seitlich in einen stehenden Ford Mondeo knallen.
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Die Situation entspricht einem typischen Kreuzungsunfall, bei dem der Motorradfahrer erst auf und dann über den Pkw geschleudert wird und - im konkreten Fall - etwa sieben Meter vom Kollisionspunkt entfernt zum Liegen kommt. Vom ersten Kontakt zwischen Motorrad-Vorderrad und Unfallgegner und der unsanften Landung auf dem Asphalt vergeht nur eine knappe Sekunde. Diese Spanne kann in anderen Unfallsituationen sogar noch kürzer ausfallen. Sehr wenig Zeit also, die den Airbagsystemen bleibt, um vollständig aufgeblasen parat zu sein.
Auslösung und Befüllung der in den getesteten Produkten verbauten Airbags sind nicht mit Pkw-Arbags zu vergleichen. Pyrotechnische Gasgeneratoren sorgen im Auto dafür, dass die Luftsäcke in 20 bis 30 Millisekunden vollständig aufgeblasen sind. Die Luft entweicht beim Pkw-Airbag beim Aufschlag des Insassen sofort, der komplette Airbag ist danach austauschreif. Einen Gasgenerator in Motorradschutz-bekleidung zu integrieren ist momentan praktisch kaum machbar; die hohe Temperaturentwicklung ist ein weiteres Problem.
Daher kommen in mit Airbag bestückter Motorradfahrer-Ausrüstung CO2-Kartuschen zum Einsatz, deren Kanülen angestochen werden, wenn der Auslösemechanismus aktiviert wird. Das geschieht bei Weste und Jacken über eine Reißleine, mit der Fahrer und Motorrad verbunden sind - ein System, das zwar den Vorteil der Wiederverwendbarkeit hat, in Sachen Auslösezeit aber nicht der Weisheit letzter Schluss ist, da das Straffen der Reißleine wertvolle Zeit kostet. Wesentlich eleganter (und im Zweifelsfall schneller) funktioniert die berührungslose, weil elektronische Auslösung der Gaskartusche des Airbag-Helms. Ein am Motorrad montiertes Steuergerät gibt den Impuls zur Auslösung. Das klappt hervorragend, wenn die Maschine auf ein Hindernis prallt und der Fahrer zu diesem Zeitpunkt noch im Sattel sitzt. Doch die Sache hat ihre Tücken, wenn sich Mann und Gerät voneinander trennen, noch bevor es zum Crash kommt - also bei klassischen Ausrutschern oder Highsidern. Im schlimmsten Fall hängt der Fahrer bereits unter der Leitplanke, während seine Maschine noch rutscht - und der Airbag mangels Crash-Info noch nicht ausgelöst hat.
Diplom-Ingenieur Andreas Rigling, 27, ist seit 2009 in der passiven Sicherheit in der ADAC-Crashanlage Landsberg am Lech als Projektleiter tätig. Er fährt auch privat Motorrad.
Foto: ADAC
Die vom ADAC mit Schlittenversuchen nachgestellten Crashtests, die Aufblastests, Falltests auf eine Kraftmessplatte, Nackenbelastungstests, die Protektoren-Prüfung nach DIN 1621-2 und nicht zuletzt die das Durchscheuerverhalten der Airbags testenden Abwurfversuche zeigen unterm Strich, dass es noch jede Menge Entwicklungs- und Verbesserungspotenzial gibt.
Die besten Allroundeigenschaften bietet noch die Airbag-Weste, die sich als einziges Produkt einen "guten Nutzwert" verdient, in Sachen Tragekomfort aber noch deutlich zulegen könnte. Die beiden Jacken schwächeln bei der Auslösedauer (besonders das IXS-Modell); und der Airbag-Helm hat einen sehr eingeschränkten Schutzbereich (nur Nacken), ist im Handling wenig überzeugend und sieht - vorsichtig formuliert - recht gewöhnungsbedürftig aus. Der zweite getestete Nackenschutz hat systembedingt keine Probleme mit der Auslösedauer - er ist als halt ständig "im Einsatz" -, doch genau das wird ihm im normalen Motorradalltag zum Verhängnis. Das unbequeme Handling und die Einschränkung in der Beweglichkeit (Stichwort "Schulterblick") mögen im Wettbewerbseinsatz (Moto Cross o. ä.) nicht weiter stören, sind im öffentlichen Straßenverkehr aber kaum zu akzeptieren.
Doch bei aller Kritik haben sich alle vom ADAC dankenswerterweise getesteten Produkte ein Lob schon allein deshalb verdient, weil sie erste, in die Zukunft weisende Schritte zur Verbesserung der passiven Sicherheit sind. Wenn sich die jeweils besten Komponenten in Zukunft zusammenfügen lassen, könnten daraus Systeme entstehen, die das Motorradfahren noch etwas sicherer machen würden.
Video zum Bekleidungstest: