16.09.2010 Von: Klaus Herder
Erschienen in: 20/ 2010 MOTORRAD

Produkttest: Kettenspray Elf Kettensprays im Vergleich

Aushilfspanzerfahrer Rainer F. weiß, was er seinem im Auto & Technik Museum Sinsheim geparkten Schätzchen auf die Kette geben muss. Motorradfahrer können hier nachlesen, was dem Sekundärtrieb ihrer Zweiradlieblinge gut tut.

Kettenspray Panzer Rainer Froberg

Mit dem richtigen Schmiermittel bekommt man auch die größte Kette gefettet.  

Foto: fact  

Das Problem ist nicht das Produkt. Das Problem ist der Nutzer. Der bedauernswerte Zustand mancher Motorradkette hat seine Ursache nicht in der Verwendung schlechter Pflegeprodukte, denn die gibt es praktisch - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es ist die Nachlässigkeit vieler Motorradfahrer. Das Verständnis und die Pflegebereitschaft für den gegliederten Endantrieb nahmen in dem Maße ab, in dem die Ketten immer besser und haltbarer wurden. Während zu Zeiten der simplen Standard-Rollenkette Schlampigkeit durchaus mit einem Kettenriss bei voller Fahrt bestraft werden konnte, verzeihen moderne O- und X-Ring-Ketten auch grobe Nichtbeachtung. Zumindest reißen sie kaum noch, denn die besagten Ringe sorgen dafür, dass die dahinter verborgene Dauerfettfüllung innerhalb der Kette ein Mindestmaß an Schmierung sicherstellt. Das Thema Kriechfähigkeit ist daher heute längst nicht mehr so wichtig wie zu früheren Zeiten.

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Doch zwischen Kette und Kettenrad beziehungsweise Ritzel trifft auch bei modernen Ketten immer noch Metall direkt auf Metall - und genau hier muss auch heute noch geschmiert werden. Wird das nicht oder nur unzureichend getan, ist ein Kettensatz eben nicht nach 25000 Kilometern austauschreif, sondern bereits nach der Hälfte - oder noch weniger! Was bei den immer weiter gesunkenen Jahresfahrleistungen des durchschnittlichen Motorradfahrers aber auch erst nach ein paar Jahren auffällt. Der MOTORRAD-Leser ist aber kein durchschnittlicher Motorradfahrer, er reißt deutlich mehr Kilometer runter, und so war nach über fünf Jahren endlich mal wieder ein Kettenspray-Test fällig. Dafür ging es mit elf von MOTORRAD im Handel gekauften Produkten ins Labor und in die Werkstatt. Natürlich bietet der Markt noch deutlich mehr Kettensprays, doch im Interesse eines für den Leser möglichst einfachen Beschaffungsweges war das Auswahlkriterium so einfach wie radikal: Getestet wird alles das, was bei Hein Gericke, Louis oder Polo zu bekommen ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Rainer Froberg salutiert neben Spraydose

Habe verstanden: Drei Mal schmieren, ein Mal reinigen - so lautet die Faustformel.  

Foto: fact  

In fünf Prüfpunkten ging es im Labor um Punkte: Verschleißschutz, Abschleuderverhalten, Kriechfähigkeit, Korrosionsschutz und Materialverträglichkeit. Die beiden ersten Prüfpunkte wurden dabei mit Abstand am höchsten gewertet. Sechster und letzter Prüfpunkt war die praktische Anwendung, bei der es unter anderem darum ging, wie gut sich das Kettenspray dosieren lässt, wie praxisgerecht der Sprühstrahl ist und wie gut das Mittel auf der Kette zu sehen ist. Zur Komplettierung der Datenkästen (siehe nächste Doppelseite) ermittelte MOTORRAD noch den Fülldruck, der (theoretisch) 2,7 oder 3,5 bar beträgt und für den die Zusammensetzung des Treibmittels (Propan-Butan-Gemisch) verantwortlich ist. Die genannten Druckwerte sind eine reine Sachinfo und verraten nichts über das tatsächliche Sprühverhalten.

Das wird neben dem Druck auch über den Anteil des Treibmittels (zwischen zehn und 40 Prozent) und die Gestaltung von Sprühkopf und Ventil bestimmt. Ein zweiter, ebenfalls nicht bepunkteter Messwert ist die prozentuale Restmengenangabe fürs Abdampfverhalten. Etwas einfacher gesagt: MOTORRAD stellte jeweils 40 Gramm Kettenspray für 24 Stunden in einen Wärmeschrank und steigerte die Temperatur von anfangs 35 auf zuletzt 150 Grad. Das Abdampfverhalten verrät etwas über die Zusammensetzung eines Sprays (Anteil flüchtiger Stoffe), eine Qualitätsaussage lässt sich damit aber kaum begründen. Bei der Rezeptur eines Kettensprays stehen die Chemiker ohnehin vor der Aufgabe, einige zum Teil gegensätzliche Anforderungen unter einen Hut zu bringen.

So passen gutes Kriechvermögen und ein möglichst gutes Abschleuderverhalten nur bedingt zusammen: Einerseits soll das Zeug möglichst schnell überall hin, andererseits soll es möglichst lange dort bleiben, wo es gerade ist. Wer bei der Entwicklung besonders viel Wert auf ein gutes Abschleuderverhalten gelegt hatte, konnte im MOTORRAD-Test schon mal ein sattes Punktepolster erringen. Noch mehr Punkte gab es für einen möglichst guten Verschleißschutz, den MOTORRAD erstmalig mit Hilfe eines Timkentesters durchführte. Dieses eher unspektakulär erscheinende, das Thema im wahrsten Sinne des Wortes aber knallhart auf den Punkt bringende Gerät ist ein in der Tribologie (Reibungslehre) bewährtes und anerkanntes Testverfahren, das innerhalb kürzester Zeit konkrete Aussagen über die Belastbarkeit von Schmierstoffen zulässt. Für die Tester besonders überraschend: das verheerende Abschneiden von Profi Dry Lube. Der Verschleiß einer trocken laufenden Prüfrolle lag nur unwesentlich höher als der einer mit Profi Dry Lube geschmierten.

Von dieser Ausnahme abgesehen bestätigte aber auch dieser Test wieder, auf welch hohem Qualitätsniveau Kettensprays heute liegen. Besonders erfreulich ist auch, dass kein Testteilnehmer in Sachen Materialverträglichkeit schwächelte. Es darf also getrost gut und reichlich gesprüht werden. Nicht unbedingt auf den Reifen, ansonsten aber eigentlich überall hin. Am besten natürlich auf eine gereinigte Kette. Das schwächste Glied in der (Pflege-)Kette ist und bleibt der Mensch, gute und sehr gute Pflegemittel gibt es jedenfalls reichlich. Man muss sie nur anwenden...


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