05.01.2012 Von: Thorsten Dentges
Erschienen in: 02/ 2012 MOTORRAD

Produkttest: Ersatzteil-Report Wie teuer sind Ersatzteile für die jeweiligen Motorräder?

Logisch, geht ein Teil am Motorrad kaputt, sollte es ersetzt werden. Doch die Logik bei der Preiskalkulation von Originalteilen ist häufig schwer nachzuvollziehen. MOTORRAD hakte bei den Anbietern nach.

Motorrad Ersatzteile

Die Logik bei der Preiskalkulation von Originalteilen ist häufig schwer nachzuvollziehen.  

Foto: Sdun  

Die Frau war nett, aber schuld. Hatte unvermittelt die Spur gewechselt und Kollege Jörg Lohse derart ausgebremst, dass dieser samt Triumph Street Triple kurz über den Asphalt  schrappte. Der Autofahrerin tat es fürchterlich Leid, und Lohse war zwar etwas angekratzt, doch ein erster Kennerblick auf das gestürzte Motorrad sagte ihm: Kratzer, Risse und ein paar Plas-tik-teile schrott, Sitzbank kaputt, Tank, Motor und Rahmen jedoch heil, also alles nur halb so wild. So diktierte er, der sich von Berufs wegen eigentlich gut mit Ersatzteilen auskennt, der Polizei ins Unfallprotokoll: geschätzter Schaden maximal 2500 Euro. Ein paar Tage später dann die große Überraschung: Gesamtschaden fünf Euro über Neuwert vom Motorrad, rund 8000 Euro. Cockpit 868,91 Euro, Schalldämpfer links 504,06 Euro, Gabelfuß 348,52 Euro, Sitzbank neu 372,84 Euro und so weiter und so fort. Gut, dass die Versicherung zahlte, Lohse wäre sonst wohl noch an der Ladentheke aus den Socken gekippt. Wie kann es sein, dass die Teile so teuer sind? MOTORRAD machte sich bei neun großen Motorradherstellern schlau und forderte für deren aktuelle Markenbestseller je eine Preisliste für typische Sturz- und Verschleißteile an.

Alles Apothekerpreise? Mitnichten, behaupten zumindest die Anbieter. Markus Deckert von Triumph Deutschland: „Ein Stück weit erklären sich hohe Preise dadurch, dass für sehr viele Modelle und über eine sehr lange Zeit ein gewisses Kontingent an Ersatz- und Sturzteilen bereitstehen muss, und bei selten benötigten Teilen bleibt die Ware jahrelang im Regal liegen, so entstehen hohe Lagerkosten. Zu dieser Mischkalkulation kommen enorme Kosten für Testläufe, denn als Hersteller unterstehen wir, anders als der Aftermarket, sehr strengen Anforderungen bei der Produkthaftung.“ Freie Anbieter, die je nach Marktlage besonders gefragte Posten spontan in größeren Stückzahlen produzieren beziehungsweise einkaufen, können indes ihre geringeren Kosten an die Endkunden weitergeben. Wenig gewinnbringende Ladenhüter meidet der freie Handel ohnehin wie der Teufel das Weihwasser.

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Die Anzahl der Firmen, die sich auf dem Motorradmarkt bei Ersatzteilproduzenten engagieren, ist außerdem überschaubar, und Fahrzeughersteller und freier Zubehörmarkt gehören gleichermaßen zu deren Kunden. Die Qualität von Erst-ausrüstung und Nachrüstteilen liegt also oft auf gleichem Niveau. Der japanische Erstausrüster Vesrah etwa stattet seit Jahrzehnten etablierte Motorradmarken mit Kupplungen, Dichtsätzen und Ventilen aus, viele Produkte sind in anderer Verpackung aber auch frei erhältlich. Bei Bremsbelägen oder Ölfiltern sind es weltweit nur wenige Hersteller, die das entsprechende Know-how besitzen. Auch hier sind Original- und Nachrüstteile häufig technisch identisch und unterscheiden sich nur durch die Verpackung - und manchmal durch den Preis. An Originalteile kommen freie Werkstätten jedoch nicht so leicht heran. „Die meisten modellspezifischen Verkleidungsteile müssen wir zum Beispiel aus Holland besorgen“, heißt es bei der markenunabhängigen Werkstatt TK Motorradsport in Kempen. Gängige Verschleißteile hingegen bestellen die Profischrauber vom Niederrhein deutlich stressfreier beim Großhändler Matthies in Hamburg. „Bei der 600er-Bandit war das Suzuki-Originalkit für gewisse Baujahre nicht so der Bringer, die Nachrüstqualität also besser“, erklärt Ingo Kleinen von TK Motorradsport und vertraut lieber eigenen Erfahrungswerten als vielversprechenden Werbeaussagen.

TRW Bremsbeläge

Bremsbeläge sollten häufig gewechselt werden - dabei sollte die Qualität stimmen.  

Foto: Archiv  

Wenn billiger nämlich gleich qualitativ schlechter bedeutet, rät er dem Kunden ab. Beispiel Batterien: Die Preisknaller tun es zwar häufig anfänglich ganz gut, aber auf Dauer bewähren sie sich nur selten und müssen erfahrungsgemäß häufiger getauscht werden, was einem unterm Strich teurer kommt. Solche Erfahrungen wollen aber zunächst gesammelt werden, denn der Produktkosmos „Aftermarket“ ist schier unendlich, und bei der Qualität liegen sauber und schäbig, mega und mies, Tops und Flops dicht beieinander. Stefan Wahl von der Motorcorner im süddeutschen Wangen bei Göppingen vertraut aus diesem Grund lieber den Originalteilen, weil die Fahrzeugbauer seiner Meinung nach mehr in Qualitätssicherung investieren. Als Vertragshändler betreut er verschiedene Marken, kann sich aber auch problemlos auf dem freien Markt bedienen. Er verkauft bei den Ersatzteilen trotzdem weniger als fünf Prozent an Artikeln, die nicht dem Orginalsortiment entstammen. „Was die Preise angeht, vergleichen sich die Motorradhersteller mittlerweile stark untereinander und beobachten außerdem genau den Aftermarket. Große Preisunterschiede entdecke ich da kaum noch“, sagt Wahl. Bei Orginalteilen habe er außerdem die größere Gewissheit, dass garantiert alles passt und der Service seitens der Hersteller stimmt.

Als Händler und Werkstattprofi müsse er besonders stark darauf achten, dass das zu verbauende Teil keinen Ärger macht. Die Garantie jedenfalls, die nur eine freiwillige Leistung ist, kann bei Verwendung von anderen als Orginalteilen für das ganze Motorrad erlöschen, die gesetzliche Gewährleistung wird eingeschränkt, wenn ein direkter Zusammenhang zwischen Folgemängeln und Zubehörteil besteht. Bei manchem Ebay-Anbieter, der fragwürdige Fernostware verkauft, kann man diese Verantwortung dem Kunden gegenüber nicht unbedingt voraussetzen. Besondere Gefahr geht von mittlerweile recht häufigen Plagiaten aus, die geprüfte Qualität nur vorgaukeln. Bevor man also im Internet nach angeblichen Schnäppchen fischt, lohnt sich eine unverbindliche Anfrage beim Vertragshändler nach dessen bestem Angebot. Zum Glück fällt bei normaler Pflege und Unfallfreiheit nur selten ein Ersatzteil an, dieses sollte aber zuverlässig seinen Dienst verrichten. Gute Verträglichkeit hat dabei seinen Preis. Würde wohl auch ein Apotheker raten.

Fazit

Sich aus Einzelteilen selbst ein Motorrad zusammenzubasteln, wäre finanzieller Wahnsinn. Schon die vergleichsweise kleinen Beispiel-Bestelllisten liegen in den Summen zwischen der Hälfte und Dreiviertel des jeweiligen Motorradneuwerts. Kein Wunder also, dass ein Unfall schnell einen wirtschaftlichen Totalschaden zur Folge hat. Keine Überraschung auch, dass preisgünstige Mittelklasse-Maschinen im Vergleich die niedrigsten Ersatzteilpreise haben. Erstaunlicher schon, dass die Harley-Ersatzteile so günstig sind. Ein genauerer Blick zeigt aber, dass bei diesem Motorrad viele konventionelle beziehungsweise eher „antiquierte“ Teile verbaut wurden. Elektronische Displays, LED-Leuchten oder aufwendig geschmiedete Hebel findet man eher bei den anderen Kandidaten. Diese Teile mögen schöner, moderner und besser sein, kosten aber auch mehr. Zukünftig werden Ersatzteile also aufgrund weiterer technischer Aufrüstung preislich noch etwas zulegen. Bleibt zu hoffen, dass die Anbieter ihre Teilelogistik weiterhin so optimieren, dass sie keine Apothekerpreise aufrufen müssen.


WEITER ZU SEITE 2: Sturz- und Verschleissteile im Vergleich

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