MOTORRAD 8/1990: Meinung
Trend, wo bist Du?
Motorrad-Trend, wohin marschierst du? Ich sitze an meinem Schreibtisch, vor mir ein Traum einer Schreibmaschine, Asbach-uralt, schmiedeeisern, versteht sich, Baujahr 1956. Märzsonne kitzelt durchs Fenster meine Nase. Motorrad-Faszination, was macht sie aus? Stehen wir vor einer Wende?

Gerade habe ich im Fortschrittsmagazin mit dem beziehungsreichen Titel »highTech« einen Artikel gelesen, der mich anmachte. Wortwörtlich war da zu lesen: »In einer Ära, in der technische Effizienz zum Fetisch zu werden droht, in der die Mikroelektronik keine Domäne des Privatlebens mehr auslässt, wo der Wohnzimmer-Fernseher zum multimedialem Terminal und das Auto zum rollenden Computer wird, sind Fälle akuter High-Tech-Übersättigung alltäglich. Das wirksamste Mittel ist ein kräftiger Schuss Low-Tech, eine Prise uriger, ehrlicher Mechanik.«

Ja, genau das ist es, jenes Gefühl, das mit großer Sicherheit unsere Freizeitwelt in den neunziger Jahren bestimmen wird. Auch die Freizeit-Welt mit dem Motorrad.

Warum hat Harley-Davidson im vergangenen Jahr so bombig verkauft? Warum steigen immer mehr Motorradfahrer auf eine Enduro um, die ohne Zweifel mehr Motorrad pur bietet als die flottesten Superbikes? Warum finden Motorroller auf einmal wieder mehr Käufer?

Mechanik-Gefühl, Nostalgie und technische Emotionen sind wieder im Kommen. Motorgeräusche, Vibrationen, Windgeräusche – sie gehören zur neuen Lust am Motorrad dazu. Mechanik in der Freizeitwelt darf nicht aseptisch sein.

Ein Hauch von Simplizität ist das Motorrad-Geheimnis der Zukunft. Mit meiner Begeisterung bin ich an dieser Stelle sicher übers Ziel hinausgeschossen. Denn auch plastikverdächtige High-Tech-Motorräder, wie sie in einer Menge neuer Varianten auf den Markt kommen, werden Käufer und Liebhaber finden. Das ist auch gut so. Hier geht es aber darum, neue Trends aufzuspüren. Uns die werden von Italienern und Japanern gleichermaßen gesetzt – Harley-Davidson bleibt hier einmal außen vor, weil dieser Trend bei der Marke seit Generationen längst Hausphilosphie ist.

Doch man schaue sich eine Moto Guzzi 1000 S, eine Gilera Saturno und jetzt die beiden Suzuki VX 800 oder Bandit 400 an – sind das nicht Prachtstücke einer neuen Nostalgie? Und in Japan gibt es noch mehr davon. Da zählen weniger technische Perfektion und Raffinesse. Die sind inzwischen selbstverständlicher Standard. Da zählt der Eindruck der Originalität.

Das Credo der modernen Industriegesellschaft »bigger ist better« setzt zunehmend Rost an. Denn noch mehr Hubraum und noch mehr PS machen noch lange keine Faszination aus. Und warum wohl locken im bundesdeutschen Sport die SoS- und BoT-Rennen immer mehr Zuschauer an?

Weil die dort gefahrenen Maschinen von dieser Welt sind, weil man sie hören, riechen, schmecken, vibrieren fühlen kann. Ein Motorrad ist eben kein gechipster, steril verkleideter Kühlschrank. Kältetechnik wollen wir doch in Zukunft wieder mehr anderen Produkten überlassen. Originale sind der Trend der neuen Zeit. Es gab immer wieder Versuche, klassische Modelle in den Markt zu bringen. Mit mäßigen Erfolgen. Jetzt ist die Zeit reifer, so scheint es.

 
Friedhelm Fiedler
Chefredakteur
1989-1996

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